Flüchtlingsheim Moabit

Polizei erschießt Vater - Dramatisches Ende eines Einsatzes

Ein Mann, der in einer Unterkunft nach Missbrauch seiner Tochter den Tatverdächtigen angriff, ist von der Polizei erschossen worden.

Die Berliner Stadtmission betreibt die Moabiter Unterkunft, in der ein Geflüchteter am Dienstag bei einem Polizeieinsatz durch Schüsse tödlich verletzt worden war.

Die Berliner Stadtmission betreibt die Moabiter Unterkunft, in der ein Geflüchteter am Dienstag bei einem Polizeieinsatz durch Schüsse tödlich verletzt worden war.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Gespenstische Ruhe liegt am Mittwoch über dem Areal der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des Poststadions an der Kruppstraße in Moabit. Kaum vorstellbar, dass in den Hallen 250 Menschen leben – alleinreisende Männer in der einen, Familien in der anderen Halle. Einige Männer stehen in Gruppen beisammen. Sie sprechen leise miteinander, tippen Nachrichten in ihre Smartphones.

Mütter sitzen mit ihren Kindern auf Bänken. Vor wenigen Stunden hat die Polizei hier einen irakischen Flüchtling erschossen. Er hatte mit einem Messer einen aus Pakistan stammenden Mitbewohner angegriffen, der sich zuvor an der Tochter des Irakers vergangen haben soll.

Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs beantragt

Gegen 20.30 Uhr wurde die Polizei am Dienstagabend von Bewohnern gerufen, weil der 27-jährige Pakistani in einem angrenzenden Park eine Sechsjährige missbraucht haben soll. Die Tat ist vermutlich von mehreren Zeugen beobachtet worden. „Der Tatverdächtige ist festgenommen worden und saß, mit Handschellen gefesselt, in einem Streifenwagen vor der Unterkunft“, sagte am Mittwoch der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner.

Anderl Kammermeier: „Es war klar, dass hier mal einer durchdreht“

Dann stürmte der 29 Jahre alte Vater des mutmaßlich missbrauchten Mädchens mit einem Messer auf den 27-Jährigen zu. Er sei aufgefordert worden, stehen zu bleiben. „Die Beamten konnten ihn aber nicht aufhalten“, teilte Steltner weiter mit. Den Angaben zufolge griff der Vater den Tatverdächtigen mit seinem Messer an. Nach Zeugenberichten soll er dabei gerufen haben: „Das wirst du nicht überleben!“ Drei Polizisten schossen daraufhin auf den Iraker. Von mehreren Kugeln getroffen, brach er zusammen und erlag später seinen Verletzungen.

Eine Obduktion soll ergeben, wie viele Schüsse den Angreifer getroffen haben. Wie bei Schussabgaben durch Polizeibeamte üblich, ermittelt nun eine Mordkommission. Daneben untersucht ein Fachkommissariat für Sexualdelikte die Missbrauchsvorwürfe. Der Tatverdacht gegen den 27-Jährigen ist laut Staatsanwaltschaft so groß, dass gegen ihn ein Haftbefehl beantragt werden soll.

48 Sexualdelikte mit Flüchtlingen als Täter und Opfer

In Berliner Flüchtlingsunterkünften mit mehr als 50 Bewohnern haben sich nach Auskunft der Polizei in diesem Jahr insgesamt 48 Sexualdelikte mit Flüchtlingen als Täter und Opfer ereignet. Zum Vergleich: Stadtweit kam es im ersten Halbjahr zu 1405 Sexualstraftaten. Insgesamt wurden in Flüchtlingsunterkünften 2770 Straftaten verübt, bei rund der Hälfte davon handelt es sich um sogenannte Rohheitsdelikte, vornehmlich Körperverletzungen.

Der Landesverband der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) mahnte zu Besonnenheit und verwies auf die Ermittlungen der Justiz. „Der tragische Einsatzverlauf darf nicht zu einer Vorverurteilung führen. Die Beamten mussten Selbstjustiz und eine für sie selbst lebensbedrohliche Situation verhindern“, sagte der DPolG-Landesvorsitzende Bodo Pfalzgraf.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schloss sich dem an. „Man sollte sehr vorsichtig sein, diesen traurigen Fall dafür zu missbrauchen, Anschuldigungen gegen die Kollegen zu erheben und eine Debatte um den Schusswaffengebrauch der Polizei anzustoßen. Sie befanden sich in einer Lage, in der sie in Sekundenschnelle eine Entscheidung treffen mussten“, so die GdP-Landesvorsitzende Kerstin Philipp.

Polizei erschießt Flüchtling bei Angriff auf Mitbewohner
Polizei erschießt Flüchtling bei Angriff auf Mitbewohner

„Psychologen und Sozialarbeiter der Stadtmission sprechen mit Geflüchteten"

„In der Halle herrscht große Trauer und Fassungslosigkeit“, sagte Sascha Langenbach, Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten. „Psychologen und Sozialarbeiter der Stadtmission sprechen mit den Geflüchteten und versuchen, die Stimmung aufzufangen.“

Wie Langenbach berichtete, wurden die aus dem Nordirak stammende Ehefrau des Getöteten und ihre drei Kinder im Alter von drei, sechs und acht Jahren bereits in der Nacht zu Mittwoch in eine andere Einrichtung gebracht. „Dort werden sie rund um die Uhr von Psychologen in ihrer Landessprache betreut.“

Ein weiteres Vorkommnis gab es in einer Flüchltingsunterkunft in Groß Glienicke in Brandenburg. Nach Angaben der Polizei Potsdam hatten aus unbekannten Gründen rund 30 Tschetschenen und Syrer zum Teil mit Besenstielen aufeinander eingeschlagen. Sieben Tschetschenen wurden nach der Massenschlägerei festgenommen, zwei Syrer sind leicht verletzt.