Flüchtlingsfamilie

Refat und Abed – Wenn es nur der Rücken wäre

Die Geschichte der beiden Syrer zeigt, wie schwer und wie leicht Integration sein kann. Und was die Flüchtlinge in Deutschland bewegt.

Essen wie in der Heimat: Bei Abed und Refat (r.) gibt es zu Mittag Lahme bi Ajeen – Pizza auf Arabisch

Essen wie in der Heimat: Bei Abed und Refat (r.) gibt es zu Mittag Lahme bi Ajeen – Pizza auf Arabisch

Foto: Lorenz Vossen

Die Sommerferien gehen allmählich zu Ende, und in Schwedt, wo schon an gewöhnlichen Tagen nicht viel los ist, regiert die Langeweile. Eigentlich wollte Abed sich seinem neuesten Projekt widmen und es Firas al-Shater nachmachen, dem syrischen Flüchtling, der seinen Landsleuten auf Youtube diese manchmal wunderlichen Deutschen erklärt und es damit zum Internetstar gebracht hat.

Ein Smartphone-Stativ steht aufgebaut in Abeds Zimmer. Aber alle Freunde sind verreist, und allein traut er sich nicht, Fremde anzusprechen und zu interviewen. Das liegt nicht am Deutsch, das wird von Tag zu Tag besser. „Aber viele schauen mich immer noch so komisch an.“

Doch das Misstrauen besorgter Bürger interessiert Abed nur am Rande. Auch wenn er sein Youtube-Projekt erst mal verschieben musste, hat er alle Hände voll zu tun. Abed ist in der brandenburgischen Kleinstadt mit seinen 18 Jahren so etwas wie der erste Ansprechpartner für viele der rund 500 Flüchtlinge geworden. Regelmäßig klingelt sein Telefon, weil jemand Hilfe braucht. Eine Begleitung zum Jobcenter, die Übersetzung eines Dokuments. Abed hilft gerne, nur mit den Männern, die neuerdings Drogen verkaufen, will er nichts zu tun haben.

Sein Erfolgsgeheimnis ist für ihn klar: „Ich suche immer den Kontakt zu Deutschen, das ist der beste Weg, ich kann gar nicht anders.“ Zuletzt auf einer Party war ein Freund überrascht: „Du bist erst seit zehn Monaten in Schwedt und kennst mehr Leute als ich.“ Auf dem Couchtisch liegt ein Hefter. Es sind die 300 Fragen des Tests „Leben in Deutschland“, eine Voraussetzung für die Einbürgerung. Welches Recht gehört zu den Grundrechten in Deutschland? Waffenbesitz, Faustrecht, Meinungsfreiheit oder Selbstjustiz? Nicht so leicht, den Begriff Selbstjustiz gibt es im Arabischen nicht. „Ich möchte Deutscher werden, ich möchte hier bleiben“, sagt Abed. Den Test hat er dann übrigens bestanden.

Als Maler kann der 53-Jährige nicht mehr arbeiten

Während Abed ein Musterbeispiel gelungener Integration abgibt, fremdelt sein Vater immer noch mit der neuen Welt. Refat kommt ins Wohnzimmer und will wissen, ob der deutsche Gast heute zum Essen bleibt. Der 53-Jährige sieht hager aus, matt, aber sein Lächeln ist so herzlich wie immer, als die Zusage kommt.

Im Gegensatz zu Abed hat Refat kaum Kontakt zu anderen Syrern, noch weniger zu Deutschen. Er bemüht sich mit der Sprache, schaffte zuletzt aber den Deutschtest auf Niveau B1 nicht. Der Rücken macht Probleme, in seinen früheren Beruf als Maler kann er trotz Angeboten von Bekannten nicht arbeiten. Wenn es nur der Rücken wäre.

Für Refat ist Schwedt eine Station auf Zeit. Er will zurück, sein Malergeschäft wieder aufbauen und von vorn beginnen. Genau ein Jahr ist es her, dass er mit Abed in Berlin strandete. 2011 floh die gesamte Familie aus Homs, sie gehörten zu den ersten, die die heute nahezu komplett zerstörte Stadt im Westen Syriens verließen. Die Wohnung lag mitten in dem Gebiet, wo sich die Truppen von Diktator Assad und die Rebellen am schlimmsten bekämpften. Refat zeigt ein Handyfoto: Die Wohnung ist nur noch ein Betonloch ohne Fenster und Möbel, die Wände mit Einschuss­löchern übersät.

Refats Frau und Tochter blieben im Libanon, er zog mit Abed und den beiden älteren Söhnen Alaa und Basel weiter in die Türkei. Sie erwischten ein Boot, kamen bis Berlin, Refat und Abed folgten. Sie landeten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin, als dort die schlimmsten Zustände herrschten. Über Umwege wurden sie nach Schwedt verlegt.

Je mehr sich die neue Wohnung mit Möbeln füllt, das Deutsch flüssiger wird und Schwedt zur Heimat, umso mehr scheinen Abeds Erinnerungen an Heimat und Flucht zu verblassen. Bei Refat ist es umgekehrt. In diesem Schwedt fällt ihm die Decke auf den Kopf – und er vermisst Frau und Tochter umso mehr. Ihr Termin in der Botschaft in Beirut ist im April, danach dauert es noch mindestens drei Monate bis zum Wiedersehen. Zwei Jahre werden dann zwischen ihnen liegen.

Der Vater will bald nach Berlin ziehen

„Familienzusammenführung“, bei diesem Wort, für das es auch keine Übersetzung ins Arabische gibt, wird Refat aufgeregt. „Du musst schreiben, dass es schneller gehen muss“, bittet er, und beißt in sein Lahme bi Ajeen – Pizza auf Arabisch. Auch Essen kann Heimweh machen. Fürs Erste zieht es Refat nach Berlin, um dort mit Alaa sowie dessen Frau und Tochter, die nachkommen durften, zu wohnen. Basel lebt ebenfalls in der Hauptstadt, außerdem soll Refat dort an der Wirbelsäule operiert werden. Und irgendwann, ist er überzeugt, muss der Krieg ja aufhören.

Und Abed? „Ich würde auch gerne nach Berlin, aber ich glaube, hier ist es besser“, sagt er. Am Montag startet die Oberstufe, nach einem ersten Probejahr wird er nun benotet. Das Ziel lautet Abitur. Bald startet auch sein neuer Job in einem Altenheim. 100 Euro kann er dort im Monat verdienen. Viel Geld; von ihren rund 700 Euro, die sie im Monat haben, schicken Abed und Refat 200 Euro in den Libanon.

Nur alleine wohnen will er in Schwedt nicht – und muss es auch nicht. Christa, eine freiwillige Helferin, deren Sohn ausgezogen ist, hat ihm das freie Zimmer angeboten. Sie sagt, Abed sei für sie wie ein zweiter Sohn geworden.

In regelmäßigen Abständen berichtet die Berliner Morgenpost über das Schicksal von zwei syrischen Familien