Theater

In der Deutschen Oper soll man bald besser sitzen können

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Stefan Kirschner
Thomas Fehrle, Geschäftsführer der Deutschen Oper, sitzt auf einem restaurierten Stuhl, beim alten (l.) zeichnen sich die Federn in der Lehne ab

Thomas Fehrle, Geschäftsführer der Deutschen Oper, sitzt auf einem restaurierten Stuhl, beim alten (l.) zeichnen sich die Federn in der Lehne ab

Foto: Ricarda Spiegel

Die denkmalgeschützen Stühle sind in die Jahre gekommen. Sie sollen restauriert werden. Dafür sucht das Musiktheater Paten.

In der Deutschen Oper stehen auch die Stühle unter Denkmalschutz. Sie stammen aus dem Eröffnungsjahr 1961. Man kann das sinnlich erfahren, denn wenn die Polsterung schon etwas durch ist, spürt man die Federn. Zumal dann, wenn das Bühnengeschehen weniger fesselnd ist. Wir unterstellen mal, dass das die Ausnahme ist, aber Fakt bleibt, dass die Originalbestuhlung in die Jahre gekommen ist.

Einige der 1865 Sitze sind in den vergangenen Jahrzehnten schon mal erneuert oder zumindest repariert worden. Stückwerk gewissermaßen. Das soll nach 55 Jahren und vielen tausend Vorstellungen jetzt anders werden: Mit Beginn der neuen Saison hat das Haus die Kampagne „Mein Stück Deutsche Oper“ gestartet. Gesucht werden Sponsoren, um das Geld für eine Restaurierung aller Stühle zusammen zu bekommen. Rund 850.000 Euro wird das kosten, schätzt Thomas Fehrle, Geschäftsführender Direktor der Deutschen Oper. Lieferanten sollen angesprochen werden, der Freundeskreis – und natürlich das Publikum. Bürgerschaftliches Engagement, das man spüren kann.

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Wie groß der Unterschied zwischen alt und neu ist, kann man im Foyer der Oper erleben: Dort stehen ein durchgesessener und ein restaurierter Stuhl nebeneinander – zum Probesitzen. An der Wand erläutert ein Bild das Innenleben eines Stuhls: Schrauben, Federn, Scharniere, Rahmen, Polster. Und es liegen Flyer aus, auf denen die Deutsche Oper für die Aktion wirbt. Spenden sind in jeder Höhe willkommen, ab drei Euro gibt es als Dankeschön einen Aufkleber mit dem Kampagnenmotto. Für 50 Euro bekommt der Spender ein Handy-Reinigungspad, für 250 Euro eine Urkunde mit originaler Stuhlnummer, für 500 Euro die gerahmte Urkunde mit Original-Bezugsstoff und eine Namensplakette auf einem Stuhl für fünf Jahre. Wer die zeitlich unbegrenzt haben möchte, muss diese Summe verdoppeln.

Die Sitze werden reihenweise erneuert

Die Geschwindigkeit der Sanierung bestimmen die Spender: Die Stühle werden in dem Tempo erneuert, wie das Geld fließt. Immer reihenweise, über die entsprechende Menge Ersatzsitze verfügt die Oper, sodass kein Platz wegen der Restaurierung unverkauft bleiben muss. Der Opernbetrieb läuft ja schließlich weiter. Eigentlich wäre ja der Senat in der Pflicht, aber der steckt schon viele Millionen Euro in die Sanierung des Musiktheaters, die seit einigen Jahren läuft. Wann da die Stühle drangekommen wären, wer weiß. Deshalb hat sich die Oper zur „Eigeninitiative“ entschlossen, wie Fehrle sagt. Das dürfte bei den Politikern gut ankommen und auch die Bindung zum Publikum verstärken.

Ortswechsel. Moabit. An der Havelberger Straße sitzt die Firma TKH. Die Abkürzung steht für Theater-, Kino- und Hörsaalbestuhlung. Geschäftsführerin Manuela Hilbig erzählt von ihrem letzten Besuch im Admiralspalast, einer Ballettvorstellung mit Vladimir Malakhov. Die Lehne des Sitzes vor ihr: beschädigt, das ist ihr sofort ins Auge gefallen. Der professionelle Blick einer Frau, die sich beruflich mit Bestuhlung befasst. Die 48-Jährige kennt die Sitzsituation in so ziemlich allen Berliner Theatern, um viele davon kümmert sich die TKH Sitzsysteme GmbH. Sie will aber nicht verraten, welche Sitze sie als die bequemsten empfindet, da ist sie diplomatisch.

Es ist ja eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet das Haus der Berliner Festspiele, mittlerweile im Besitz des Bundes und vor einigen Jahren saniert, wenig Sitzkomfort bietet. Entworfen wurde es ebenfalls von Fritz Bornemann, dem Architekten der Deutschen Oper. Obwohl beide Bauten zeitlich nah beieinander liegen, liegen viele Zentimeter zwischen den Sitzreihen: Die Abstände sind in der Oper großzügiger; die Lehnen der fast wuchtig wirkenden Sitze im heutigen Festspielhaus zudem ziemlich kurz.

Im Deutschen Theater sitzt man am bequemsten

Unter Theatergängern besonders berüchtigt ist momentan die Volksbühne, die ihre Stuhlreihen auch zur neuen Saison nicht wieder eingebaut hat. Stattdessen nimmt das Publikum auf sehr elastischen Plastikstühlen Platz. Oder liegt bei den vielstündigen Castorf-Inszenierungen auf Sitzsäcken – was gemütlicher klingt als es sich anfühlt, denn der Zuschauerraum ist nicht eben, sondern ansteigend.

Möglicherweise gibt es einen Zusammenhang zwischen Kunstanspruch und Leiden. Beispiel Bayreuth, steingewordener Ort des Wagnerschen Gesamtkunstwerks. Die Stühle sind hart, die Reihen eng, die Aufführungen lang. Auf eine Klimaanlage hat man aus Gründen der Traditionspflege bislang verzichtet, obwohl die Richard-Wagner-Festspiele im Hochsommer über die Bühne gehen.

Dass sich denkmalgerechte Sanierung und Bequemlichkeit nicht ausschließen müssen, hat das Deutsche Theater in Berlin bewiesen. Nach der Restaurierung sitzt man dort so bequem wie in einem modernen Kinosaal. Die Sitze sind etwas breiter geworden – trotzdem fielen nur ganz wenige weg.

Der Stuhl des Intendanten kommt zuletzt dran

Neben Manuela Hilbig liegt ein Stück Stoff auf dem Tisch: Ein Muster des neuen Bezugs für die Stühle der Deutschen Oper. Farblich nicht leicht einzuordnen. „Grün, olive, gelb, auch braun ist drin“, sagt Hilbig und streicht mit der Hand über das Material. Ursprünglich war es Wolle, aber das ist nicht mehr mit den modernen Brandschutzbestimmungen vereinbar. Schwer entflammbar muss der Stoff sein, der sich trotzdem nicht viel anders anfühlt als der alte. Auch Farbunterschiede sind kaum zu erkennen, ganz im Sinne des Denkmalschutzes.

Natürlich hätte man auch die Stühle neu produzieren können, aber das wäre deutlich teurer geworden und „die Qualität der alten ist so gut, dass sie problemlos überarbeitet werden können“, sagt Hilbig.

Einer, der die Restaurierung sehr herbeisehnt, ist Dietmar Schwarz. Der Opern-Chef sitzt bei Aufführungen ganz klassisch auf dem Platz in der Intendantenloge, auf dem auch schon der legendäre Götz Friedrich saß, der fast 20 Jahre lang bis zu seinem Tod im Dezember 2000 das Haus leitete. Friedrich war kein Leichtgewicht. Und immer sehr engagiert dabei. Das hat offenbar Spuren auf dem Sitz hinterlassen. Aber Schwarz wird sich wohl noch ein bisschen gedulden müssen: „Das machen wir ganz zum Schluss, um den Leidensdruck aufrecht zu erhalten“, sagt Thomas Fehrle schmunzelnd. Möglicherweise könnte der Platz früher drankommen – wenn der Intendant selbst Stuhl-Pate wird.