Hamsterkäufe

Wie sich ein Berliner auf den Katastrophenfall vorbereitet

Nahrung, Wasser, Schutz: Sokratis Zacharopoulos ist gerüstet für die Katastrophe. In der Stadt gibt es alles, um sie zu überstehen.

Wenn die Katastrophe kommt, ist einer gerüstet: Sokratis Zacharopoulos. Der Überlebenstrainer hat immer dabei, was im Ernstfall nützlich ist. Messer beispielweise, aber auch Schraubenzieher, Karabinerhaken, Isolierzange und Taschenlampen.

"Ich wollte einfach wissen, wie ich mich und meine Freunde bei einer Katastrophe schützen kann", sagt er. So entsteht seine Motivation, sich auch in Sicherheitskonzepte und Verteidigungspapiere einzuarbeiten. Immer zu wissen, wie es um den Katastrophenschutz bestellt ist. Nicht gut, findet er. Also trainiert er sich selbst.

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Krise, für deren Fall die Bundesregierung am Mittwoch ein neues Zivilschutzkonzept verabschieden wird, das ist für ihn kein Schreckenswort mehr. Deswegen gibt er in Berlin Seminare für das Überleben in der Großstadt. "Urban Survival" nennt sich das. Und nein, sagt er und stemmt die Hände in die Hüften, das habe nichts mit Feuerhölzchen aneinanderreiben zu tun.

Der gebürtige Saarländer gibt sein Wissen gern weiter

Über so etwas kann Zacharopoulos nur lächeln. All den Humbug, den andere Überlebenstrainer und Experten als Tipps verkaufen, den wischt er mit einer großen Handbewegung bei Seite. Auch den Aufruf zur Vorratskäufen, den das neue Konzept zur zivilen Verteidigung beinhaltet, nimmt er sich nicht zu Herzen. Wozu Wasservorräte anschaffen – im Papier stehen ungefähr 20 Liter pro Person –, wenn sich Berlin ungefähr 50 Handwasserpumpen befinden, fragt er. Aus denen kann man auch ohne Strom, wenn die ganze Versorgung zusammenbricht, Wasser schöpfen. Abkochen oder ein, zwei Tropfen Chlor-Desinfektionsmittel hineingegeben, schon sei das trinkbar.

Der gebürtige Saarländer grinst und schaut durch seine orange getönten Brillengläser – wegen des besseren Kontrasts in der Dämmerung – zu seinem Hund, Platon. Solche Geschichten, die von Erfindergeist und MacGyvertum erzählen, die mag er. Tüfteln ist sein Ding.

Sein Wissen weiterzugeben, das ist mehr Hobby für ihn. Zu zeigen, wie man eine Zwille mit 70 Meter pro Sekunde Abschussgeschwindigkeit baut oder einen Schutzanzug aus Plastiktüten und reißfestem Klebeband. So wie neulich, als er einen Literaturprofessor trainiert hat, der sich für die Post-Apokalypse interessiert.

Extremsituationen meistern, das ist für ihn einfach auch Spaß

Der 43-Jährige, stets in klobigen Stiefeln und eine graue Baumwoll-Latzhose gehüllt, die vielen Taschen prall mit Equipment gefüllt, hat seine Ausrüstung immer mehr erweitert. Für den Fall der Fälle, aber eben auch zum Spaß. Denn er sucht die Extremsituation. "Das gibt doch auch einen Kick", sagt er. In Höhlen steigen, im Grand Canyon klettern. Aber auch bei einer Demonstration mitmarschieren. "Was in jeder Extremsituation zählt, das ist: handlungsfähig bleiben. Und Wissen und Kommunikation", sagt er.

Totaler Quatsch sei es, bei einer Katastrophe aus der Stadt in die Wildnis zu flüchten. Auf die Idee kommen nämlich viele und es endet dann so wie in den meisten Hollywoodblockbustern: im Stau. In der Stadt kenne man sich doch besser aus, da sind Ressourcen. Nahrungsmittel, Wasser, Unterschlupf. Man muss eben nur wissen, wie man dran kommt, wenn das alles hinter verschlossenen Türen lagert.

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Schlösseröffnen ist ein beliebter Sport in Survivalkreisen

Zacharopoulos, man ahnt es bereits, weiß natürlich, wie er hinter die Türen kommt. Mit zwei Scheibenwischern nämlich. Aus denen baut er sich in fünf Minuten ein Werkzeug, um fast jedes Türschloss zu öffnen. "Lockpicking" heißt das, ein beliebter Sport in Survival-Kreisen und wichtiger Bestandteil seiner Seminare. Auch die Nachbarn wissen das zu schätzen. Wenn die sich mal aussperren, wird Zacharopoulos zur Hilfe gerufen, schnell mal das Schloss aufklicken.

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Nur neulich, als er sich selbst aus seiner Schmöckwitzer Wohnung aussperrt und, klar, ausgerechnet da kein Scheibenwischer zur Hand hat, ist er etwas ratlos. Bis ein BSR-Straßenkehrer vorbei fährt. Den hält er gleich an, montiert mit dem verdutzten Fahrer das Borstenrad ab. Der Draht im Rad eigenet sich nämlich auch zum Schlösseröffnen.

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