Berliner Spaziergang

Moritz van Dülmen ist Berlins Kultur-Impresario

Moritz van Dülmen ist Berlins Kultur-und Eventmanager vom Dienst. Seine Projekte locken hunderttausende Menschen an.

„Im Idealfall haben unsere Projekte einen pädagogischen Aspekt neben den kulturellen oder historischen Bezügen“: Moritz van Dülmen beim Spaziergang in Hohenschönhausen

„Im Idealfall haben unsere Projekte einen pädagogischen Aspekt neben den kulturellen oder historischen Bezügen“: Moritz van Dülmen beim Spaziergang in Hohenschönhausen

Foto: Reto Klar

Plötzlich steht er neben uns. Wir, Fotograf Reto Klar und ich, waren überpünktlich und warteten in der Abendsonne von Hohenschönhausen auf Moritz van Dülmen. Wir haben uns bei ihm zu Hause in der Manetstraße verabredet. „Sie also wollen mit mir spazieren gehen“, tönt wie aus dem Nichts eine kräftige, aber sehr freundliche Männerstimme. „Ich bin gerade mit der Straßenbahn angekommen. Ich muss nur noch mal schnell ins Haus und unseren Hund holen. Den darf ich doch mitnehmen?“ Natürlich.

Eigentlich wollten wir mit dem Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin, man darf sie getrost als senatseigene Agentur für Kulturevents umschreiben, gleich Richtung Orankesee aufbrechen. Als der vollbärtige Moritz van Dülmen ganz trendy mit Basecap, weißem T-Shirt und der braunen Labradorhündin Maya zurückkehrt, schlägt er vor, den Spaziergang in die entgegengesetzte Richtung zu starten. „Ein paar Minuten von hier, jenseits der Konrad-Wolf-Straße, liegt die berüchtigte ehemalige zen­trale Untersuchungshaftanstalt der Stasi. Da würde ich gern vorbeigehen, bevor wir zurück durchs Villenviertel am Oranke- und Obersee spazieren. Hohenschönhausen ist voller Brüche. Mehr als Platte und Stasigefängnis. “

Ein Haus jenseits, aber nicht zu weit weg von der City

Das ahnte auch das Ehepaar van Dülmen nicht, als es noch in Prenzlauer Berg wohnte und der zweijährigen Zwillingstöchter wegen beschloss, ein Haus jenseits, aber nicht zu weit weg von der City zu suchen. Vom Alex, in deren Nähe beide arbeiten, zogen sie mit dem Zirkel einen Kreis – und wurden in Hohenschönhausen fündig. „Ein relativ gut erhaltenes großes Haus mit Garten und noch bezahlbar. Mit meiner Vespa, mit der fahre ich meistens, bin ich in zehn Minuten am Alex, die Straßenbahn hält fast vor unserer Haustür. Und dann auch noch der Orankesee. Fünf Minuten zu Fuß, und ich kann im See schwimmen. Viele rümpfen ahnungslos erst mal die Nase, wenn ich sage, wo wir wohnen.“

Also erst mal ins anrüchige Hohenschönhausen. Über die Schöneicher- und Freienwalder- zur Genslerstraße. An ihr steht die berüchtigte Haftanstalt, heute Gedenkstätte für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in Deutschland. Fast eine halbe Million Besucher finden jährlich den Weg dorthin, vornehmlich Schulklassen aus den alten Bundesländern, auffallend wenige aus der ehemaligen DDR und Berlin.

Ein Ort dunkelster Geschichte, der auch für Berlins Kultur-und Eventmanager vom Dienst interessant sein könnte? Moritz van Dülmen schüttelt den Kopf. „Das hier ist wahrlich kein Ort für Events und kommt deshalb auch aus Respekt gegenüber den Opfern für uns nicht infrage. Mit der friedlichen Revolution und dem Mauerfall dagegen haben wir sehr viel zu tun.“

Erleuchtete Ballons am Nachthimmel über Berlin

Am spektakulärsten war die „Lichtgrenze“ im November 2014 zur Erinnerung an den 25. Jahrestag des Mauerfalls, als Tausende erleuchtete Ballons entlang des früheren Todesstreifens in den nächtlichen Himmel über Berlin aufstiegen. Oder fünf Jahre zuvor, als übergroße bemalte Dominosteine am Brandenburger Tor symbolisch zu Fall gebracht wurden. Aktionen, die sich Moritz van Dülmen mit seinem Team von Kulturprojekte Berlin einfallen lässt, um sie dann mithilfe von Partnern umzusetzen. Auch die Berliner Art Week, ein Meeting für Kulturfreunde aus aller Welt mit Messen, Ausstellungen, Diskussionsrunden und stadtweiten Veranstaltungen, ist eine Kreation van Dülmens. Im vergangenen Jahr lockte sie 100.000 Besucher in die Stadt.

Kulturprojekte Berlin GmbH – ein ziemlich spröder Name für die amtliche Kreativwerkstatt des Landes Berlin. Vor zehn Jahren aus der Not geboren. Weil im Senat damals Sparen angesagt war, wurden die landeseigene Kulturveranstaltungs GmbH und der Museumspädagogische Dienst fusioniert. Mit der bangen Frage, ob Kulturevents und Dienstleistungen für die Museen wie das Museumsjournal oder Museumsführungen unter einen Hut zu bringen seien.

Als erstem Geschäftsführer wurde Moritz van Dülmen dieser Hut aufgesetzt. Er passt immer noch haargenau. Sein zentrales Geschäft? „Wir betreiben als hundertprozentige Tochter des Landes Berlin das Kulturmanagement für den Senat, sind also quasi eine stadteigene Agentur. Dabei sind wir Projektentwickler, wie Trüffelschweine unterwegs, spannende Themen aus Geschichte und Gegenwart zu finden, die sich in Events umsetzen lassen. Wir zielen vor allem auf straßentaugliche Veranstaltungen mit partizipatorischem Ansatz, um möglichst viele Menschen einzubeziehen.“ Dabei geht es nicht um Kommerz. „Im Idealfall haben unsere Projekte einen pädagogischen Aspekt neben den kulturellen oder historischen Bezügen. Wir suchen zudem nach ergänzenden Zugängen zu Forschung, Wissenschaft und Kultur. Mit dem Ziel, Barrieren abzubauen, Menschen die Scheu zu nehmen, die Tore der Kulturpaläste unserer Stadt zu durchschreiten.“ Bestes und erfolgreichstes Beispiel dafür ist die „Lange Nacht der Museen“.

„Nicht alles muss am Brandenburger Tor stattfinden“

Die Frage muss erlaubt sein, ob es Berlin mit dem Hang, aus allem ein Event zu kreieren, nicht ein bisschen übertreibt? „Das sehe ich nicht. Wenn was los ist in der Stadt, bringt das Geld und macht den Leuten Spaß. Aber nicht alles muss am Brandenburger Tor stattfinden und nicht immer müssen Straßen gesperrt werden. Da verstehe ich den Ärger vieler Berliner schon.“

Bei den eigenen Events ist es seine Aufgabe, Partner, unterschiedliche Player und Sponsoren zusammenzubringen und dann zu managen. Geld vom Senat gibt es nur für die Basis-Infrastruktur der GmbH, also für Personal und Büroausstattung. Für die Finanzierung der Projekte selbst müssen private Geld­geber gesucht oder Anträge auf Förderung aus der Landeskasse gestellt werden. Dass van Dülmen das Unternehmen entgegen befürchteter Anfangsrisiken erfolgreich durch die erste Dekade geführt hat, daran ließ er auch vor ein paar Wochen keinen Zweifel, als Kulturprojekte ihren zehnten Geburtstag feierte. Seine Bilanz: „10 Jahre, 100 Mitarbeiter, 1000 Partner, 10.000 Projekte, mehr als 10 Millionen Besucher.“

Während des Betriebswirtschaftsstudiums arbeitete er als Reiseleiter

Geschäftstüchtig und gleichzeitig der Kultur zugewandt war er von Jugend an. Im Elternhaus – der Vater war Professor für Neuere Geschichte, die Mutter Autorin – zählte kulturelles Interesse zum Selbstverständnis der Familie. „In den Ferien in Italien haben wir mehr Kirchen und Friedhöfe besucht als am Strand gelegen“ erzählt er und kann darüber heute herzhaft lachen. Später, während des Betriebswirtschaftsstudiums, verkaufte er Handyverträge und arbeitete als Reiseleiter. „Da musste ich viel mit Leuten reden, fast jeden Wunsch erfüllen, Probleme schnell lösen und mich vor Ort um fast alles kümmern. Das hilft mir noch heute.“

Nach dem Studium, „sehr mathematisch und nicht das, was man tagein, tag- aus machen möchte“, heuerte er im ersten „Lebensjob“ beim Augsburger Theater an; Auftrag: Verkaufsförderung. Das war damals noch eine Pionieraufgabe und van Dülmens Start als Kulturmanager. Von Augsburg nach Berlin zur Agentur Artemedia. Die war Ende der 90er-Jahre an den Planungsarbeiten für den Bau der Autostadt Wolfsburg mit einer Multimedia-Installation beteiligt, van Dülmen dabei als Produktionsleiter eines Filmprojekts. Von Wolfsburg nach Hannover. Während der Weltausstellung Expo 2000 arbeitete er als Mitverantwortlicher für Budget und Programm im deutschen Pavillon. Der ideale Tummelplatz, Menschen kennenzulernen und ein dichtes Netzwerk zu knüpfen. „Auch davon profitiere ich noch heute.“

Und dann das: von der Expo nach Frankfurt an der Oder. Ein Kulturschock? „Absolut. Eine geplante Landesgartenschau kam nicht zustande. Doch es gab viel Geld für ein Kulturprogramm rund um einen Open-Air-Spielbetrieb, das aufzubauen war. Das war 2003. Ich hatte großes Glück, dass mir Freunde geholfen haben, ein tolles Programm auf die Bühne zu bringen.“

Roger Willemsen – ein Freund, der hilfreich einsprang

Einer war der Anfang des Jahres verstorbene Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen, der andere Bernd Kauffmann, während der Expo 2000 Vorsitzender des Kulturrates der Weltausstellung in der niedersächsischen Hauptstadt, später Generalbevollmächtigter der Stiftung Schloss Hardenberg in Brandenburg. Seit 2006 ist Moritz van Dülmen, geborener Münchener und mit Heimatgefühl Saarländer, mit denen er aufgewachsen ist und bei denen er studiert hat, erdverbundener Berliner aus Hohenschönhausen, wo, so hieß es einst, „die Hohen schön hausen.“

Wir haben längst die Konrad-Wolf- Straße wieder überquert und spazieren entlang der Oberseestraße mitten hinein ins Villenviertel, Hohenschönhausens gute Stube zwischen der früheren Berliner Straße (nach 1945 umbenannt nach dem DDR-Filmregisseur) und dem großen Oranke- und dem kleineren Obersee. Die Einzelhäuser, nicht alle herrschaftlich, aber fast alle wieder saniert, gehörten einst betuchten örtlichen Unternehmern. Nach dem Krieg wurden viele Villen beschlagnahmt, das Quartier zum Sperrgebiet erklärt. Erst zogen Mitarbeiter des sowjetischen KGB ein, später Hautevolee der Stasi wie Markus Wolf und Alexander Schalck-Golodkowski.

Ein besonderes Schmuckstück – das Mies van der Rohe Haus

Besonderes Schmuckstück des Viertels ist das Mies van der Rohe Haus an der Oberseestraße 60, am nördlichen Ufer des Sees. Es ist das letzte von dem berühmten Architekten entworfene Wohnhaus in Deutschland vor dessen Emigration 1938 in die USA. Von den Sowjets einst als Garage missbraucht, wurde das Haus im Stil des Bauhauses nach der Wende aufwendig renoviert, als Ausstellungspavillon für Moderne Kunst ist es jetzt öffentlich zugänglich.

Ein Haus der Kultur von ganz anderer Dimension ist die bislang größte Herausforderung für Moritz van Dülmen. Mit seiner Kulturprojekte GmbH ist er Projektentwickler für die Berliner Etage im Humboldt Forum. Während er und sein Team für die Organisation und damit für die Realisierung der Ausstellung verantwortlich sind, liegt die inhaltliche Federführung beim Niederländer Paul Spies, dem neuen Chef des Berliner Stadtmuseums aus Amsterdam. Der hat seinen Masterplan für die Berliner Beletage im Stadtschloss unter dem Motto „Die Welt in Berlin, Berlin in der Welt“ gerade vor ein paar Tagen vorgestellt.

Eine Stadt mit einem Kulturangebot wie Berlin ist natürlich längst zu einem Verkaufsschlager geworden. Damit der Besucherstrom nicht abreißt (2015 war mit 12,4 Millionen Gästen wieder ein Rekordjahr), gilt es, immer aufs Neue einfallsreich die Werbetrommel zu schlagen. Gemeinsam mit Tourismuschef Burkhard Kieker hat er jüngst den Slogan „Berlin 365/24“ erdacht. Moritz van Dülmen lacht verschmitzt, als ich ratlos dreinschaue. „Im Ausland versteht das fast jeder sofort: Berlin das ganze Jahr rund um die Uhr geöffnet.“

Aber was ist, wenn nach einem Brexit die Engländer, die ganz oben auf der Liste der Berlin-Besucher stehen, ausbleiben, weil Reisen in die EU für sie dann komplizierter werden? „Solange in England um 23 Uhr die Pubs schließen, mache ich mir keine großen Sorgen.“

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