Satire

Isch des Berlin? Die Prenzlschwäbin gibt's jetzt als Buch

| Lesedauer: 8 Minuten
paulina czienskowski
Erst wurden ihre Videos auf Youtube zum Renner, jetzt kommen Buch und Tournee: Bärbel Stolz nimmt Klischees aufs Korn

Erst wurden ihre Videos auf Youtube zum Renner, jetzt kommen Buch und Tournee: Bärbel Stolz nimmt Klischees aufs Korn

Foto: Reto Klar

Bärbel Stolz wurde als Prenzlschwäbin zum Internetstar. Nun bringt die Schauspielerin von der Schäbischen Alb ihr erstes Buch heraus.

Bärbel Stolz ahnt bereits nach dem Interview, dass dieser Text in etwa folgenden Anfang haben wird: Die „Prenzlschwäbin“ kommt zu spät. Das ist insofern amüsant, weil man von Schwaben ja unter anderem erwartet, korrekt, damit also auch pünktlich zu sein. Und Bärbel Stolz ist zum einen auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, zum anderen verkörpert sie seit vergangenem Jahr die sogenannte „Prenzlschwäbin“ in einer Webvideo-Serie, in der sie das Klischee der Öko-Yuppie-Muttis in Prenzlauer Berg mit viel Ironie auf den Arm nimmt. Inzwischen mit so viel Erfolg, dass aus den Filmen auf Youtube nun auch ein Buch wird.

Doch gleich zu Beginn des Gesprächs stellt die zierliche Frau, die mit strahlendem Lächeln und in wallender Blümchenhose irgendwann beim Treffpunkt ankommt, zwei Sachen klar: Die „Prenzlschwäbin“ sei nur eine Rolle, aber pünktlich, das sei sie sonst eigentlich immer.

Unbeschwert und uneitel

An diesem Tag hat ihr Handy nur leider vergessen, sie an den Interviewtermin zu erinnern. Dann waren da noch der platte Reifen am Fahrrad, ihre angeschwollenen Mandeln und ein Taxifahrer, der auf dem Weg frauenfeindliche Witze riss. Ein semiguter Start, könnte man meinen. Bärbel, wie sie sich vorstellt – man duzt sich – nimmt es gelassen und entschuldigt sich mehrmals. Sie gibt sich unprätentiös. Sehr angenehm.

Gut gelaunt und ohne zu Zögern, stellt sie sich vor die Linse des Fotografen, seinen Anweisungen bereitwillig folgend. Es macht einem Spaß, ihr dabei zuzusehen. Unbeschwert, eigeninitiativ und ziemlich uneitel wirkt die lässige 38-Jährige, die Ende der 90er-Jahre nach Berlin kam, um an der Ernst-Busch-Hochschule Schauspiel zu studieren. Sie springt, schaut in die Luft, mal nachdenklich, dann wieder belustigt. Sie weiß, was sie tun muss. Nur kurz ein Zwischenruf: „Wenn ich aussehe wie eine Hexe, sagt ihr mir aber Bescheid, ja?!“ Sie lacht.

Sogar Amerikaner reagieren auf die Youtube-Videos

In ihren Clips, die sich im Internet in Kürze massenweise verbreiteten, verkörpert sie in klischeehafter Manier den in den Medien kolportierten verhassten Exilschwaben. Einer, der es sich mit anderen 300.000 seines Schlags im ehemals bunten, mittlerweile aber gentrifizierten Teil Berlins gemütlich gemacht hat. So heißt es jedenfalls häufig.

Passend dazu tragen die Filmchen, die sie zusammen mit ihrem Bruder Martin Schleker und ihrem Ehemann Sebastian Stolz macht, Titel wie „Digital Detox“ oder „Iss Dei Dinkelstang!“. Mal geht es um eine Baby-BMI-App und Nachhaltigkeit, mal um Yoga und die Gefahr von Weißmehl. Den Spiegel hält sie damit den prototypischen Schwaben, aber auch den vorurteilsgetriebenen, grantigen Berlinern vor.

Und am Ende wohl genau so allen anderen. Denn eigentlich ist das alles nur ein überspitzter Ausdruck der Gesellschaft. Und zwar übergreifend und weniger herkunftsspezifisch. „Sogar Amerikaner aus großen Städten schicken mir Nachrichten, dass sie exakt solche Leute wie die ‚Prenzlschwäbin‘ kennen würden“, sagt sie. Mittlerweile haben die Videos Untertitel.

Im Studium den Dialekt abtrainiert

Nicht lange, nachdem Bärbel Stolz zum Youtube-Hit wurde, kamen Verlage auf sie zu. Ob sie nicht ein Buch darüber schreiben wolle? Und so sollte es sein: Mitte Juli erscheint es nun. „Isch des bio?“ ist ein Erzählband voll amüsanter Anekdoten aus der Sicht einer Exilschwäbin. Direkte Inspiration holt sie sich auf den Straßen der Stadt. Auch sie geht übrigens gern in Bioläden und mag den Kaffee dort, wo man viel zahlt, eine Stunde für die Zubereitung einplanen muss, dafür aber perfekt getrimmte Hipster-Bärte sieht. Input bekommt sie auch immer wieder von ihren Schwestern, die in Süddeutschland als Lehrerinnen leben.

Wenn Bärbel Stolz nicht die „Prenzlschwäbin“ mimt, redet sie Hochdeutsch. Während der Sprecherziehung im Studium hat sie sich ihren Heimatdialekt abtrainiert. Nur manchmal rutschen ihr Wörter raus. Wenn sie zum Beispiel mit ihren zwei Kindern spielt und statt Männchen Männle sagt. Oder wenn sie viel Zeit mit ihren Eltern verbracht hat.

Jeder kann vom anderen lernen

Also zugunsten ihrer Karriere Hochdeutsch, nur nie aus Gründen von Diskriminierung, sagt sie. Als sie vor 20 Jahren aus dem Ländle nach Berlin zog, gab es diese ewige Diskussion über die Exilschwaben ohnehin gar nicht in der Intensität, wie sie heute stattfindet. „Ich kann mir übrigens vorstellen, dass in Zeiten der Globalisierung Zugehörigkeiten und Mikrokosmen wieder vermehrt durch Sprache entstehen könnten“, sagt sie.

Zugehörigkeit. Auch ihr Buch ist durchsetzt von Momenten der Identifikation. Ob nun mit der einen oder der anderen Seite. Und beide wiederum können sich jeweils etwas voneinander abgucken, findet sie: „Berliner sind weltoffen und Schwaben effizient.“

Statt der Kehrwoche findet sie nun den Hausmeister gut

Ein bisschen Schwabe steckt jedenfalls noch in Bärbel Stolz: „Vor allem mit Kindern kommt man schnell dazu, seinen ursprünglichen Prägungen zu folgen.“ Zum Beispiel achtet sie heute auch auf Bio. Damit möchte sie zumindest einen mikroskopischen Teil zu einer besseren Welt beitragen. Dass es einen Hausmeister in Berliner Wohnhäusern gibt und keine Kehrwoche wie in Baden-Württemberg, wo jeder Bewohner einmal mit dem Besen durchs Treppenhaus muss, findet sie deutlich besser.

Eigentlich wollte Bärbel Stolz Ärztin werden. Nach ihrem sehr guten Abitur hatte sie sich für Medizin beworben. Gleichzeitig auch für Schauspiel. Ihr Vater war in der Heimat am Theater, davon wurde sie früh geprägt. Die Zusage für die Schauspielschule kam zuerst und damit die Entscheidung. Wie ihr Leben gelaufen wäre, wenn sie kurz gewartet hätte? Das weiß sie nicht. Kann ihr aber auch egal sein, denn ihr innerer Motor läuft unaufhörlich.

Nun ist sie also nicht mehr nur Schauspielerin, sondern auch Buchautorin und ab Oktober sogar mit einer Live-Comedyshow unterwegs in Deutschland. Stuttgart ist bereits ausverkauft. „Natürlich ist so etwas für Narzissten, welche Schauspieler ja oft sind, perfekt: Ganz alleine auf der Bühne, und alle kommen nur wegen einem“, sagt sie. Trotzdem hat sie großen Respekt davor, weil in diesem Moment die gesamte Verantwortung allein bei ihr liegt. „Wenn es nicht gefällt, dann fällt es auf mich zurück.“ Beim Film ist das anders, da gibt es Anweisungen aus sämtlichen Richtungen. Spannend findet sie beides. Auch das Schreiben – schon als kleines Mädchen war das so. Mit zehn Jahren gewann sie einen Schreibwettbewerb, erinnert sie sich.

Bärbel Stolz mag es, die Einsamkeit zu suchen, die man zum Schreiben braucht. Das übrigens schätzt sie auch so an Berlin. Dass das geht, so mitten im Trubel: „Man kann wortlos durch die Straße laufen, wenn man das will, aber auch nette Unterhaltungen führen.“ Niemand muss sich grüßen, wenn er kein Verlangen danach hat. „Man kann einfach sein.“ Welche Klischees nun schlimm sind und welche nicht, will sie gar nicht bewerten, lieber unterhalten.

Dass ihr Alter Ego so einen Erfolg haben würde, hätte sie nicht gedacht. Zumindest konnte sie nicht absehen, dass ein ursprüngliches Castingvideo, das sie auf Schwäbisch aufgenommen hatte, derartig belustigen würde. Vor allem nicht, dass sie nun sogar an eine Buchverfilmung denken. Gerade sitzt ihr Bruder an einem Drehbuch. Bärbel Stolz bedeutet es viel, gemeinsame Dinge mit ihrer Familie zu machen: „Arbeit bedeutet ja auch immer Lebenszeit, daher sehe ich es als großen Luxus, damit Geld zu verdienen.“