Ausländerquote

Kleingartenkolonie lehnt türkische Bewerber ab

In einer Kleingartenanlage wurden türkische Bewerber abgewiesen. Der Landesverband und die Bezirksbürgermeisterin sind entsetzt.

Der Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. kritisiert, dass Bewerber um Parzellen in einer Berliner Kleingartenkolonie mit der Begründung, sie seien türkischer Abstammung, abgelehnt wurden. Man wolle keine weiteren Ausländer, deren Anteil in der Kolonie liege schon bei 25 Prozent, mehr wolle man nicht, so war die Begründung des Vereinsvorsitzenden der Kolonie. Karl-Franz Bothe, Vizepräsident des Landesverbands, sagte der Berliner Morgenpost: „Das ist eine dämliche Begründung. Eine Quote hat es nicht zu geben.“

Bekannt geworden war der Konflikt durch Berichte in der RBB-Abendschau und im "Tagesspiegel". Demnach wollten zwei Familien türkischer Abstammung Parzellen in der Kleingartenkolonie Frieden e.V. an der Gottlieb-Dunkel-Straße in Mariendorf pachten. Nachdem sie frei gewordene Parzellen besichtigt hatten, wurde ihnen gesagt, so die Berichte, sie könnten die Parzellen nicht bekommen, weil sie Muslime seien und keine Deutschen. Ein Mitglied des Kolonievorstandes bestätigte das dem "Tagesspiegel" und verwies darauf, dass das soziale Gleichgewicht in der Kolonie gewahrt bleiben müsse und die Absage deshalb richtig sei.

Karl-Franz Bothe kann diese Entscheidung nicht gutheißen: „Der Vorstand der Kolonie ist schlecht beraten, wenn er so etwas sagt.“ Bothe kennt auch keine vergleichbaren weiteren Fälle in Berlin. „Wir verpachten an jedermann, egal, ob vom Bosporus oder aus Skandinavien. Wir sind für eine Durchmischung und nehmen zum Beispiel auch gleichermaßen Familien und gleichgeschlechtliche Paare.“ Er verweist darauf, dass die Kleingartenbewegung nach dem Breitensport der größte Integrationsverbund Deutschlands sei. Die Details des Konflikts kennt er allerdings nicht. Er wisse aber, dass eine betreffende Parzelle aus der Vergabeliste genommen wurde, „unter Umständen, weil noch Klärungsbedarf besteht“.

Hintergrund des Konfliktes sind wohl einige Reibereien, die zum Teil mit unterschiedlichen kulturellen Sichtweisen zu tun haben. Demnach nähmen türkischstämmige Mitglieder kaum am Vereinsleben teil und würden Feste nicht besuchen – unter anderem angeblich, weil es dort hauptsächlich Schweinefleisch auf dem Grill gebe. Ein Vereinsmitglied mit Migrationshintergrund habe zudem an einem Feiertag den Rasen gemäht und die Feiertagsruhe gestört. Darauf angesprochen habe er gesagt, das sei nicht sein eigener Feiertag. Wieder ein anderes türkischstämmiges Mitglied habe sich darüber beschwert, dass eine Parzellennachbarin sich im Garten im Bikini gezeigt und Alkohol getrunken habe.

Landesverband kennt solche Konflikte nicht

Landesverbandsvize Bothe kennt solche kultur- oder religionsspezifischen Konflikte eigentlich nicht: „Überall wird Rücksicht auf die Gebräuche genommen, auf dem Grill liegt heute auch Hühnchen oder Gemüse und es gibt auch mal Falafel.“ Eine Pflicht zur Teilnahme an Festen bestehe nicht, wer kein geselliger Typ ist, „muss da nicht hinrennen. Das ist Praxis“. Es gebe nur eine Pflicht zur Teilnahme an Gemeinschaftsarbeiten, um das Gelände in Ordnung zu halten. Andere Regeln seien Sache des Vertrages und der Gartenordnung, etwa die Einhaltung der Ruhezeiten.

Auch Reinhard Schramm kritisiert, Bewerber wegen ihres Migrationshintergrundes abzuweisen. Er ist Vorstand des Kleingarten-Bezirksverbandes Tempelhof. Sein Bezirksverband ist zuständig für die Neuverpachtungen und vermittelt somit zwischen dem Besitzer des Grundes und den Bewerbern für Parzellen. Schramm hat von den Konflikten in der Kolonie Frieden gehört. Natürlich müssten sich alle an deutsche Gesetze und die Kolonieregeln halten, also etwa an Ruhezeiten – oder Toleranz zeigen gegenüber Bikini-Trägerinnen. Aber er sieht keinen Grund dafür, Parzellen nun nicht mehr an Muslime oder Menschen mit nicht-deutschem Hintergrund zu vergeben.

Der Vorstand kann Bewerber auswählen

Ein Umstand, der hineinspielt, ist aus Schramms Sicht, dass viele Interessenten für Parzellen in Schöneberg, Tempelhof und Neukölln aus Friedrichshain-Kreuzberg kommen, wo es keine Kolonien gibt und bekanntlich der Anteil der Berliner mit Migrationshintergrund besonders groß ist. Sie wollen eine wohnungsnahe Parzelle und möglichst in einer Kolonie, in der schon Freunde und Verwandte ihre Freizeit verbringen. Die Kolonie Frieden sei da sehr begehrt: „Sie wollen oft in eine bestimmte Kolonie. Das geht nicht immer, sie könnten aber 150 Meter weiter in einer anderen unterkommen.“

Sein Bezirksverband hält sich bei der Neuvermittlung ohne Ansehen der Person an eine Bewerberliste und lädt jeweils mehrere Kandidaten zum Besichtigungstermin mit dem Kolonievorstand vor Ort ein. Dieser „Chef vor Ort“ hat dann allerdings ein Mitsprache- und Auswahlrecht, sagt Schramm. Der Vorstand könne beispielsweise einen Handwerker auswählen, dessen Geschick bei Arbeiten in der Kolonie gefragt sei. Oder eine Familie mit Kindern, wenn der Kinderanteil niedrig sei.

Bezirksbürgermeisterin versucht zu vermitteln

Doch darum ging es in den betreffenden Fällen nicht. Der Vorstand der Kolonie Frieden, der für Anfragen der Berliner Morgenpost am Donnerstag nicht zur Verfügung stand, beruft sich eindeutig auf den für ihn zu hohen Anteil an Kleingärtnern mit Migrationshintergrund. Dass es darum geht, bestätigte auch Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) der Berliner Morgenpost: „Die Konflikte sind uns seit zwei Jahren bekannt. Die Betroffenen haben uns informiert und um Hilfe gebeten. Wir haben die Situation vor Ort recherchiert und es ist klar, dass die Berichte dazu stimmen.“

Sie habe sich sehr um Vermittlung bemüht. „Es gibt einen regen Schriftverkehr zwischen dem Bezirk und der Kolonie“, sagte Schöttler. Bislang ohne Erfolg und die Vertragswerke gäben es nicht her, dass sie als Bezirksbürgermeisterin die Aufnahme der Bewerber durchsetzen kann. Schöttler will mit den begrenzten Möglichkeiten des Bezirks weiter versuchen, den Konflikt beizulegen. „Wir werden definitiv dranbleiben.“ Juristisch vorgehen könnten aber nur die Betroffenen selbst: „Wenn sie sich diskriminiert fühlen, müssen sie dagegen klagen.“ Auch Reinhard Schramm vom Kleingarten-Bezirksverband Tempelhof will dranbleiben und mit dem Vorstand der Kolonie Frieden sprechen, um die Zurückweisungen zu beenden.