Organisiertes Verbrechen

Fragen und Antworten zum Taschendiebstahl-Prozess in Berlin

In einem Verfahren gegen organisierten Taschendiebstahl stehen Hintermänner in Berlin vor Gericht. Sie benutzten vor allem Kinder.

Die drei Angeklagten, die von Rumänien aus Taschendiebstähle in Berlin organisiert haben sollen

Die drei Angeklagten, die von Rumänien aus Taschendiebstähle in Berlin organisiert haben sollen

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

In einem der größten europäischen Verfahren gegen organisierten Taschendiebstahl stehen in Berlin erstmals mutmaßliche Drahtzieher vor dem Landgericht.

Die drei Angeklagten – ein Elternpaar und dessen Sohn – sollen von Rumänien aus die Fäden für Taschendiebstähle im Ausland gezogen haben.

Ihre Anwälte erklärten zu Prozessbeginn am Freitag, sie erachteten Bewährungsstrafen für angemessen.

Den 21- bis 42-jährigen Angeklagten wird vorgeworfen, Teams mit jugendlichen Dieben zusammengestellt, instruiert und kontrolliert zu haben. In Berlin hätten Mitglieder der Gruppe oft auf Rolltreppen in S- und U-Bahnhöfen gestohlen. Im Prozess geht es um 21 Fälle.

Um welche Banden ging es bei den Ermittlungen?

Die Kriminalpolizei machte in jahrelangen Ermittlungen drei Großfamilien aus der Volksgruppe der Roma in der ostrumänischen Stadt Iasi ausfindig. Viele Roma leben dort seit längerem am Stadtrand in Siedlungen, die früher Slums ähnelten. Von dort aus sollen sie die bandenmäßigen Taschendiebstähle organisiert haben. Den rumänischen Behörden fiel irgendwann auf, dass dort zunehmend größere Häuser und teurere Autos standen.

Wie gehen die Banden vor?

Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren werden systematisch als Taschendiebe „ausgebildet“ und dann 14- bis 16-jährig in die europäischen Großstädte geschickt. Als Masche der Bande gilt der „Rolltreppentrick“: Im Gedränge auf der Treppe postiert sich einer der Diebe hinter einem möglichen Opfer. Ein Komplize drückt den Nothalteschalter der Rolltreppe. Durch das ruckartige Stoppen der Treppe sind die potenziellen Opfer kurz abgelenkt. In dem Moment greifen die Täter in Taschen und Rucksäcke.

Warum wurden besonders Kinder eingesetzt?

Kinder und Jugendliche fallen in Gruppen nicht so schnell auf. Sie können zudem mit Gewalt leichter unter Druck gesetzt werden. Werden die jungen Diebe ertappt, haben sie meist keine Ausweise dabei und geben falsche Namen und Alter an. Oft bleibt der Polizei nichts anderes übrig, als angeblich 13-Jährige als strafunmündig zum Kindernotdienst zu bringen. Dort verschwinden sie schnell wieder.

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Wo waren die Banden aktiv?

In vielen europäischen Großstädten in Deutschland, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Belgien und Irland. Bis etwa 2013 war nach den Ermittlungen für die Taschendiebe aus Iasi häufig Paris das erste Ziel. Weil sie dort nach einer Aufklärungskampagne der Polizei aber immer weniger Beute machten, seien sie weiter nach Osten gezogen.

Warum steuerten sie dann Berlin an?

Berlin ist lukrativ für Taschendiebe, weil es viele Touristen gibt und einen gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr. Die Bande soll vor allem in U- und S-Bahnen gestohlen haben. Die Zahl der registrierten Taschendiebstähle in Berlin hat sich seit 2013 mehr als verdoppelt, alleine 2015 wurden 40 000 Fälle angezeigt. Die Dunkelziffer liegt noch weit darüber.

Welche Täter gibt es in diesem Bereich noch?

Die allermeisten Taten werden laut dem Landeskriminalamt von Tätern aus Rumänien und Nordafrika verübt. Roma sind in dem Bereich aktiv, weil sie in ihren Herkunftsländern wie Rumänien oft kaum eine andere Perspektive als Kriminalität haben. Auch aus Marokko kommen organisierte Taschendiebe.

Wie kam die Kriminalpolizei den Diebesbanden auf die Spur?

Die deutschen Fahnder hörten zum Teil Telefone ab. Auch das Verschicken des Geldes über Büros für Bargeldtransfer konnte durchleuchtet werden. Die Kripo ermittelte auch in Rumänien und anderen Ländern und konnte internationale Haftbefehle ausstellen lassen. Die mutmaßlichen Hintermänner wurden in Rumänien und zum Teil von Zielfahndern in weiteren Ländern festgenommen.

Was ist das Besondere an dem aktuellen Prozess?

Neu ist, dass die Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität sich mit dem Thema befasste und dass es den Ermittlern gelang, an die tausende Kilometer weit weg sitzenden Hintermänner zu kommen. Die Ermittlungen wurden zum Teil von Europol, der europäischen Polizeibehörde in Den Haag, koordiniert. „Es ist ein europäisches Pilotverfahren“, sagte der Berliner Staatsanwalt für organisierte Kriminalität, Dirk Eckert.

Um welche mutmaßlichen Täter geht es jetzt?

Insgesamt wurden 79 Verdächtige ermittelt - unter ihnen 7 mutmaßliche Hintermänner und 54 oft minderjährige Diebe, die in Berlin agiert haben sollen. Im Prozess geht es um 21 Fälle in der Zeit von Oktober 2013 bis Februar 2014. Die drei Angeklagten sollen von Rumänien aus das erbeutete Geld kontrolliert und für den Transfer gesorgt haben. 21 Verhandlungstage mit 88 Zeugen sind geplant. Voraussichtlich Ende Juni beginnt in Berlin der zweite Prozess in dem Tatkomplex - gegen weitere mutmaßliche Hintermänner.