Asia-Markt

Dong Xuan Center: Nach dem Feuer kehrt wieder der Alltag ein

Das Dong Xuan Center ist Berlins "Little Vietnam" - und für Südostasiaten ein zweites Zuhause. Nach dem Feuer geht das Geschäft weiter.

Textilien und Mode gehören zu den Schwerpunkten des Marktes. Nicht alle Händler verkaufen nur an Großhandelskunden

Textilien und Mode gehören zu den Schwerpunkten des Marktes. Nicht alle Händler verkaufen nur an Großhandelskunden

Foto: Amin Akhtar

Als die Metrolinie M8 auf der Herzbergstraße hält, spuckt sie Gruppen von Menschen überwiegend, aber nicht nur asiatischer Herkunft aus. An der Wartesäule informiert, von der Realität überholt, ein Schild, dass die Haltestelle „zur Zeit nicht bedient“ werde. Den ganzen Mittwoch hatte der Brand auf dem angrenzenden früheren Industriegelände gewütet. Die Feuerwehr musste Löschwasser über die Straße heranführen, der Metroverkehr kam zum Erliegen.

An diesem Vormittag haben die Ankommenden in dieser wenig passantenfreundlichen Gegend wieder alle ein Ziel: Über die Schläuche hinweg, die die Feuerwehr nach und nach einrollt, schlendern sie durch das Rundbogentor, das den Eingang zum Dong Xuan Center bildet. Die Sonne spielt Sommer, weiße Wattewölkchen schweben am blauen Himmel. Alle scheinen Zeit zu haben.

Nur ganz am anderen Ende des 3,8 Hektar großen Areals wabert weiter der Qualm, werden grauweiße Schwaden vom Wind in Richtung auf die elfstöckigen Mietshäuser an der Vulkanstraße verweht. Obwohl sie die Fenster geschlossen hätten, sei der Geruch in die Wohnung gezogen, die nahe gelegene Kita habe am Morgen ihren Garten zunächst von Rußpartikeln reinigen müssen, erzählt Lina Lehmann, die mit ihrer Tochter Emily aus einem der Häuser an der Vulkanstraße kommt.

Handyfotos von den letzten Flammenherden

In der hellblauen Lagerhalle, in der am Mittwoch das Feuer ausgebrochen war und die laut Auskunft von Dong Xuan-Mitarbeitern nicht zu ihrem Gelände gehört, sondern – wie ein Schild bestätigt – der AT Grundstücksverwaltungs GmbH, sind 24 Stunden nach Brandbeginn durch die verkohlten Fensterhöhlen noch immer Flammen zu sehen. Das Gelände ist abgesperrt. „Die Halle ist einsturzgefährdet, da traut sich auch die Feuerwehr nicht rein“, will ein Schaulustiger wissen. So mancher ist wegen des Brandes gekommen, meist sind es Nachbarn.

Thomas und Kevin haben den Weg von Marzahn auf sich genommen. Am Vortag hatten die 15-Jährigen die Rauchwolken gesehen, trauten sich aber nicht her, „weil wir dachten, dass es gefährlich ist“, sagt Thomas. Jetzt aber wollen sie gucken, „ob es spannend ist“. Offenbar ist es das, obwohl gar nichts passiert, nur einige Polizisten stehen herum und sind froh über Ablenkung. Die Jungen aber stehen eine Stunde später immer noch am selben Fleck, von dem aus sie mit ihren Handys die letzten Flammen fotografiert haben.

Tag nach dem Brand - So sieht es in der Lagerhalle am Dong Xuan Center aus
Tag nach dem Brand - So sieht es in der Lagerhalle am Dong Xuan Center aus
Video: BM Video / plt

Ein Stück Asiatown für die vietnamesische Bevölkerung

Wer sonst zum Dong Xuan Center kommt, hat eigentlich anderes im Sinn: einkaufen für wenig Geld, essen in einem der einfachen Restaurants, die atmosphärisch wie eine Symbiose aus Garküche und Ausflugslokal anmuten, und vor allem – jedenfalls gilt das für die Vietnamesen – Freunde und Bekannte treffen. Denn obwohl auch die deutsche Kundschaft das riesige Handelsareal mit dem behelfsmäßigen Charme eines asiatischen Marktes längst entdeckt hat, ist das Dong Xuan Center noch immer ein Stück Asiatown für die vietnamesische Bevölkerung Berlins.

2003 war das Gelände des ehemaligen VEB Elektrokohle von Nguyen van Hien gekauft worden, der wie andere Vertragsarbeiter der DDR nach deren Zusammenbruch nicht in die Heimat zurückgekehrt war und stattdessen eine Existenz als Händler begründete.

Video: Lagerhalle in Lichtenberg steht in Flammen
Video: Lagerhalle in Lichtenberg steht in Flammen


In Halle 8 hängen an einem schwarzen Brett private Gesuche und Notizen, alle auf vietnamesisch, die einzige Ausnahme bildet ein Stellenangebot einer Tagesklinik für Gesichtschirurgie. Auch die Läden des Dong Xuan sind überwiegend in vietnamesischer Hand, vereinzelt haben sich dazwischen Inder und Türken, Araber und Chinesen eingerichtet. Zu kaufen gibt es fast alles, was dieser Planet dem Massenkonsum bietet. Zwischen billigen Haushalts- und Elektrowaren, Geschenkartikeln, Textil und Kosmetik bieten Massagestudios und Piercinggeschäfte ihre Dienste an, bekommt man für wenig Geld die Haare geschnitten oder die Fingernägel gestylt. Selbst Fahrschule und Werbeagentur tragen vietnamesische Namen. Ein Kosmos mit südostasiatischem Label.

Vorbild ist der größte Markt der vietnamesischen Stadt Hanoi

Gewerbetreibende sind die größten Kunden des Großhandelsmarktes, aber viele Läden verkaufen auch an Endverbraucher. Allerdings sind nach dem Brand „noch nicht wieder viele gekommen, weil sie morgens nicht mit dem Auto vorfahren durften“, sagt der Inder Sukhwinder Singh, der außen an Halle 8 seinen winzigen Großhandel für „Trendy Mode Textilien“ betreibt. Klein sind alle Geschäfte hier. Allein rund zwei Dutzend Verkaufskabinen reihen sich auf jeder Seite der langen Mittelgänge in insgesamt acht Hallen, ein Teil der Waren wird vor den Türen mehr gestapelt als präsentiert, man kann sich auch an diesem Tag mit verhaltenem Publikumsverkehr vorstellen, welches Gewusel hier sonst herrschen muss. Wie bei seinem Vorbild: Dong Xuan heißt auch der größte Markt Hanois.