Nach Razzia im Artemis

Kurfürstenstraßen-Anwohner befürchten noch mehr Prostitution

Anwohner befürchten, dass nach der Artemis-Razzia mehr Frauen auf den Straßenstrich drängen. Sie fordern eine Sperrgebietsverordnung.

Prostituierte an der Kurfürstenstraße

Prostituierte an der Kurfürstenstraße

Foto: Reto Klar

Plötzlich – als hätte ein Theaterregisseur alle Akteure und Statisten auf die Bühne gerufen – füllt sich um elf Uhr die Kurfürstenstraße. Aus der Seitenstraße betritt die Puffmutter, rote Jacke, dunkler Zopf, die Szenerie. Kontrollblick rechts und links, und schon verschwindet sie in einem Café.

Die Zuhälter kommen aus undefinierbaren Läden heraus und beziehen ihre Plätze in der Sonne. Aus den Augenwinkeln beobachten sie die Damen in pinken Höschen und Schuhen, die sich am Straßenrand in Position bringen. Gegenüber gehen Freier und Spanner in Stellung. Eine blonde Frau hat sofort Kundschaft. Der Bauarbeiter in Arbeitskluft folgt ihr, noch vor dem Mittagessen.

Es ist einer der üblichen Vormittage an Berlins ältestem Straßenstrich. Noch ist die Lage übersichtlich. Das ändert sich mit jeder Stunde: Noch mehr Dirnen, noch mehr Zuhälter, dazwischen Schulkinder, Geschäftsleute, Anwohner und Touristen. Das Quartier rund um die Kurfürstenstraße wird sich mit Kondomen, Spritzen und Feuchttüchern füllen. Passanten kommen an Büschen und Autos vorbei, in denen Freier Sex für 15 Euro mit den Frauen haben.

Anwohner fürchten noch mehr Straßenstrich

Der Straßenstrich in der Kurfürstenstraße wurde lange von den Anwohnern und Geschäftsleuten ertragen. Doch es geht nicht mehr. Sie haben den Arbeitskreis „Gegen den Strich – Sperrgebiet Tiergarten Süd“ gegründet und eine Unterschriftenaktion gestartet. Sie fordern Regeln im Kiez, mit denen alle leben können. Mehr als 1000 Unterschriften haben sie bereits. Damit soll der Druck auf die Politik erhöht werden.

>>>Razzia im Bordell Artemis<<<

Gerade nach den Razzien im Großbordell Artemis sind die Befürchtungen groß, dass noch mehr Frauen auf den Straßenstrich drängen. „Ich hoffe, dass wir mit der Schließung des Artemis nicht einen höheren Druck auf die Straßenprostitution in Berlin bekommen“, sagt auch Christian Hanke (SPD), Bezirksbürgermeister in Mitte. Kriminalität müsse von der Polizei bekämpft werden, ob im Bordell oder an der Kurfürstenstraße. Dieser Aufgabe stelle sich die Polizei in der Kurfürstenstraße kontinuierlich. Fast 600 Prostituierte waren laut Polizeiangaben 2015 an der Kurfürstenstraße tätig. Sie kommen vor allem aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien aber auch aus Ghana, Uganda, Lettland, Weißrussland und Serbien.

Seit 2007 kommen immer mehr Frauen aus Osteuropa

„Wir haben nichts gegen das Gewerbe solange es die freie Entscheidung der Frauen ist“, sagt eine Geschäftsfrau, die im Arbeitskreis aktiv ist. Ihren Namen will sie nicht nennen – auch alle anderen nicht. „Aus Angst“, erklärt eine Büroangestellte. Sie ist im Kiez aufgewachsen und wohnt heute noch dort. Früher, so erzählt sie, seien alle gut ausgekommen. Man kannte die Prostituierten und wechselte auch mal ein Wort.

Die Veränderung hätte im Jahr 2007 begonnen, sagen die beiden Frauen. Zahlreiche Frauen aus Osteuropa würden heute unter der Aufsicht ihrer gewaltbereiten Zuhälter um ihre Freier buhlen. Ob arabische Großfamilien, das Rockermilieu oder Drogenringe – sie wissen nicht, wer im Hintergrund den Straßenstrich organisiert und das Geld kassiert. Genau deshalb haben sie Angst, ihre Namen zu nennen.

Sexdienstleistungen in den Hauseingängen

„Viele der Mädchen stehen unter Zwang“, sagt die Geschäftsfrau. Sie werden verschleppt oder von ihren Familien geschickt, um Geld zu verdienen. An der Kurfürstenstraße arbeiten sie in Schichten. „Manchmal sieht es am Morgen aus, als hätte es geschneit“, so die Anwohnerin. Aus Mangel an Duschen benutzen die Huren massenweise Babyfeuchttücher, die sie überall liegen lassen. Es mangelt auch an Toiletten.

Beliebte Plätze für die Verrichtung des Sexgeschäfts sind Parkplätze, Sackgassen oder Hauseingänge. Es sei nicht ungewöhnlich, dass es nachts um drei Uhr klingelt, damit jemand die Haustür für die Verrichtung der Sexdienstleistung öffnet, erzählt die Anwohnerin. Bis vor kurzem wurde auch der Park auf dem Magdeburger Platz genutzt. In der Mitte spielten dann die Kinder auf dem Spielplatz und ringsherum trieben es die Freier mit den Prostituierten im Gebüsch. Seit September ist der Platz mit einem Bauzaun abgesperrt. Das sei keine Lösung, sagen die Frauen. Denn im Kiez gebe es viele Kindergärten.

Die Grenze der Tolerierbarkeit ist für sie erreicht. Sie setzen ihre Hoffnung auch auf das neue Prostitutionsgesetz. Freier, die zu einer Prostituierten gehen, die nicht freiwillig im Gewerbe ist, droht künftig bis zu fünf Jahren Haft – ein Schritt gegen die Zwangsprostitution. Doch mit der Unterschriftenaktion soll sich schneller im Kurfürstenkiez etwas verändern.

Ziel des Arbeitskreises ist der Erlass einer Sperrgebietsverordnung – die es im Gegensatz zu anderen Großstädten in Berlin nicht gibt. Diese Sperrgebietsverordnung soll die Straßenprostitution im Gebiet Tiergarten Süd regulieren. Dazu gehören festgelegte Zeiten, in denen die Prostitution stattfinden darf. Auch die Anzahl der Prostituierten pro Straßenzug soll festgelegt werden, außerdem eine Anmeldepflicht eingeführt werden. Vor Kitas, Schulen und Senioreneinrichtungen fordern sie ein Prostitutionsverbot. So könnten Ordnungsamt und Polizei Regelverstöße besser sanktionieren.

Die Kurfürstenstraße gehört auf der einen Seite zu Tiergarten, auf der anderen zu Schöneberg. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg ist gegen ein Sperrgebiet. „Dadurch würde die Prostitution nur verdrängt“, sagt Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). Berlinweit sei das keine Lösung. Zudem funktioniere das Miteinander im Kiez „ganz gut“, weil Sozialarbeiter den Frauen erklärten, wie sie sich zu verhalten hätten.

Das Problem sei nur, dass es immer wieder neue Frauen gebe. Auch Sperrzeiten sind laut Schöttler „keine Lösung“, weil sich die Anzahl der Frauen nicht verändere: „Weniger Stunden würden ja nur dazu führen, dass sich die Frequenz erhöht“, so die Bezirksbürgermeisterin. Der Bezirk setze stattdessen weiter auf „kontinuierliche Hilfe, Aufklärung und Betreuung der Frauen. Und wir setzen auch auf verstärkte Polizeipräsenz.“

„Politiker wollen das nicht anpacken"

Dass eine Sperrgebietsverordnung in Berlin bei Politikern schwierig durchzusetzen ist, wissen die Anwohner längst. „Das will keiner in Angriff nehmen, um sich nicht die Finger zu verbrennen“, sagt die Anwohnerin. Sie fühle sich auf allen Ebenen im Stich gelassen.

Der Kiez rund um die Kurfürstenstraße hat sich bereits verändert und wird sich weiter verändern. Einige Brachen werden bebaut, Luxusquartiere entstehen, wie das Carré Voltaire neben der Zwölf-Apostel-Kirche. Allein 170 neue Wohnungen sind im „Kurfürstenzentrum“, das an der Ecke zur Genthiner Straße auf dem Parkplatz von Möbel Hübner gebaut wird, geplant. Das könnte den Kiez aufwerten und die Prostitution verdrängen.

Doch genau das ist die Sorge der Anwohner. Sie befürchten, dass sich das Sexgeschäft noch mehr ins Wohngebiet verlagert, noch mehr in die Seitenstraßen, wo Familien leben. Schon heute kann die Büroangestellte ihren Balkon kaum benutzen. Wenn sie Besuch habe, so erzählt sie, schreckten die Gäste beim Anblick von oben auf Freier und Prostituierten im Gebüsch schon mal zurück. Das hätte sie extra zur Unterhaltung organisiert, sagt sie dann. Es soll ein Scherz sein, aber darüber lachen können sie schon lange nicht mehr.