Illegale Rennen

PS-Protze im Temporausch: „Wie im freien Fall“

In Berlin verabreden sich Autofahrer zu Wettrennen. Dabei kam es jetzt zu schweren Unfällen. Ein Report über die Raser-Szene.

Es sind PS-starke Autos, mit denen meist junge Männer illegale Autorennen in Berlin, wie beispielsweise auf dem Kudamm, fahren

Es sind PS-starke Autos, mit denen meist junge Männer illegale Autorennen in Berlin, wie beispielsweise auf dem Kudamm, fahren

Foto: Reto Klar

Sie trafen sich immer am Wochenende. Spät in der Nacht, wenn die Straßen frei waren. An einem Rastplatz oder einer Tankstelle am Berliner Ring. Am Mc Donald’s in Hellersdorf, an der Nonnendammallee in Spandau, der Spinnerbrücke oder rund um Ludwigsfelde. Manchmal kamen mehr als 50 Leute. Eingeteilt wurde nach PS-Stärke und Modellen. Golf, Audi, Honda, BMW. Alle hochgerüstet bis zum Anschlag. Einer hatte seinem Porsche 1200 PS unter die Haube gepackt.

>> Kommentar: Kontrollen reichen nicht

Die Disziplin war immer dieselbe: „100 bis 300“. Nebeneinander fahren, je nach Straßenbreite zu zweit oder zu dritt, wo Tempo 100 gilt, bis zu dem weißen Schild mit den schwarzen Querstreifen, dem beliebtesten Schild auf Deutschlands Autobahnen – unbegrenzte Geschwindigkeit. Ab da Vollgas. Durchziehen. Bis die Tachonadel 300 Kilometer pro Stunde anzeigte. Wer das zuerst schaffte, hatte gewonnen.

PS-Protze am Kudamm gefasst

„Es war wie ein Kindergarten für Erwachsene“

„Das war wie im freien Fall“, sagt Micha, „du hast jedes Mal dein Herz in der Schläfe gespürt, wenn es vorbei war.“ Micha, der in Wahrheit anders heißt, war mehr als 20 Jahre dabei. Wie viele Rennen es waren, weiß er nicht mehr. Aber er erinnert sich an den Kick. Diese 13 bis 15 Sekunden, den halben Kilometer, den es dauerte, bis er seinen 450-PS-Golf auf 300 Stundenkilometer getrieben hatte. „Es war wie ein Kindergarten für Erwachsene“, sagt Micha. Sie seien immer gefahren, auch wenn danach die Freundinnen zu Hause mit dem Nudelholz in der Tür gewartet hätten. Die Adrenalin-Sucht war stärker.

Tödlicher Unfall bei illegalem Autorennen

Es sind illegale Autorennen dieser Art, die Berlin seit einiger Zeit beschäftigen. Und die ihren traurigen Höhepunkt in der Nacht zum 1. Februar fanden, als ein 69-Jähriger bei einem Unfall am Wittenbergplatz ums Leben kam. Zwei Männer, 24 und 26 Jahre alt, hatten sich mitten in der Stadt ein Rennen geliefert, rote Ampeln missachtet und das Leben von Unbeteiligten auch. Von „Idioten, die ihr Testosteron nicht im Griff haben“, sprach Innensenator Frank Henkel (CDU) danach. Den beiden drohen fünf Jahre Gefängnis oder mehr.

41 Anzeigen wegen illegaler Autorennen im Jahr 2015

Nur einen Monat später gab es einen weiteren Crash in Wedding. Ein Taxi wurde gerammt, Verletzte gab es keine. 2015 notierte die Polizei 41 Anzeigen wegen der Teilnahme an einem illegalen Autorennen. Dieses Jahr sind es bereits 18. Auf das Jahr hochgerechnet wäre das fast eine Verdoppelung. Und das sind nur die Fälle, die als Ordnungswidrigkeit gelten, weil niemand zu Schaden kam.

Die Rennen in der Innenstadt finden oft spontan statt. Ein Blickkontakt an der Ampel, los geht die mörderische Fahrt. Die Raser duellieren sich bevorzugt auf den langen, geraden Berliner Hauptverkehrsstraßen. Jeder kennt sie, die aufgemotzten Wagen, die auf dem Kurfürstendamm mit ihrer Motorenstärke protzen und auch am hellichten Tag mal eben auf Tempo 100 beschleunigen. „Profilierungsfahrt“ heißt das im Fachjargon. Nur bleibt es nicht immer dabei.

Insider verurteilt die Raser vom Wittenbergplatz

„So etwas machen nur Idioten“, sagt Micha und meint die Raser am Wittenbergplatz. Autobahnrennen seien etwas anderes. Klar sei es gefährlich gewesen, was sie dort trieben. Aber sie hätten immer das Risiko minimiert, es gab klare Regeln: nur gerade Strecken, nur mit erfahrenen Leuten fahren, die man kennt. Und wenn ein Unbeteiligter im Scheinwerferlicht auftauchte, wurde sofort abgebrochen. „Jeder wusste seine Fahrleistung einzuschätzen“, sagt Micha, „da ist keiner mit 300 um die Kurve gefahren.“

Die Berliner Polizei sieht das wenig überraschend anders. Rennen auf dem Ring spielen für sie aber nur eine untergeordnete Rolle. Rennen auf Abschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung sind schwerer als solche zu ahnden. Und so lange es nicht kracht, erfährt die Polizei in der Regel auch nichts. Doch auch bei den Rennen in der City fahren die Beamten nur hinterher. „Unsere Möglichkeiten sind arg begrenzt“, sagt Hauptkommissar Rainer Paetsch. Als Reaktion auf den tödlichen Unfall führte die Polizei von Mitte bis Ende Februar verstärkt Kontrollen durch, mehr als 1000. Am Donnerstag wurden auf dem Kurfürstendamm drei Fahrzeuge wegen technischer Mängel beschlagnahmt. Dabei wurde auch ein Profilierungsfahrer wiedererkannt, er flüchtete zu Fuß, wurde festgenommen. Am Vortag war er den Ermittlern noch in seinem geliehenen Jaguar davongefahren.

Die Gruppen verabreden sich kurzfristig und wechseln ständig ihre Treffpunkte

Wenn die Tuning-Szene am 1. April zur Saisoneröffnung an der Siegessäule zusammenkommt, drohen den Teilnehmern wie jedes Jahr Kontrollen. Dabei beanstanden die Beamten aber vorrangig nicht genehmigte Auspuffanlagen. Teilnehmer von illegalen Autorennen finden sie eher nicht.

Denn die Szene ist schwer zu greifen. Entweder finden die Rennen spontan statt – dann helfen auch verstärkte Verkehrskontrollen wenig. Oder sie sind organisiert – was es nicht leichter macht. Die Gruppen kennen sich, verabreden sich kurzfristig und wechseln ständig ihre Treffpunkte. Dass, wie in der Facebook-Gruppe „Race City Clan Berlin“, öffentlich nach Teilnehmern für „Ampel City Rennen“ gesucht wird, kommt selten vor. „Wir wurden nie erwischt“, sagt Micha. Einmal habe sich ein Zivilfahnder an einer Raststätte zu ihnen gestellt – „den haben wir zehn Meilen gegen den Wind gerochen“. Wer die Szene infiltrieren wolle, müsse über Jahre dabei sein, mit Fachwissen glänzen und natürlich das passende Auto an den Start bringen.

Bei den Rennen ging es vor allem um die Ehre. Schließlich hatten die Leute viel Zeit und Geld in ihre Autos gesteckt. Für Micha war bei 450 PS Schluss, die nächsten 150 Pferdestärken hätten 6000 Euro gekostet. Und natürlich wollte jeder gewinnen. „Ich habe schon Schlägereien gesehen wegen einer vermeintlichen halben Wagenlänge“, sagt Micha. Aber sie seien nie um Geld gefahren. Dafür hätten die Möglichkeiten eines fairen Wettbewerbs gefehlt. Was, wenn einer mehr PS in seinem Motor versteckte als angegeben? „Manche sollen um Fahrzeugbriefe gefahren sein, aber das können auch Gerüchte sein“, sagt Micha.

Tuning-Szene will mit illegalen Rennfahrern nichts zu tun haben

Die Tuning-Szene steht jetzt unter Zugzwang. Die Mehrzahl der Mitglieder sieht sich als Liebhaber, Tüftler. Nicht als Verbrecher. Sie wollen, dass unterschieden wird. Zwischen denen, die ihre Autos für illegale Rennen aufrüsten und denen, die die Motoren in Ruhe lassen und ihre Fahrzeuge nur äußerlich aufhübschen. „Wir als Club distanzieren uns mit hohem Engagement von solchen Rennen, welche eine sehr große Gefahr mit sich bringen und den Ruf der Tuning-Szene in ein unnötig schlechtes Licht rücken“, heißt es beim Tuning-Club „323 Team Berlin“.

Adam K. betreibt die Facebook-Seite „Race-City“. Ein Portal für „Tuning-Lifestyle“, wie der Fotograf sagt. Dort waren auch Videos von rasanten Fahrten in der Berliner City zu sehen. Eines zeigte ein riskantes Überholmanöver auf der Französischen Straße. Einer der Raser vom Wittenbergplatz soll auf der Seite eine Profilierungsfahrt angekündigt haben: „Jetzt bin ich dran.“

K. rechtfertigt sich. Er will auf der Seite Nutzer gewinnen. Und die seien nach jahrelangem Sensationskonsum nun mal dazu erzogen, auf Beiträge mit dem Hashtag #illegal anzusprechen. Doch mit illegalen Autorennen wolle er nichts zu tun haben. Nach dem Unfall am Wittenbergplatz veröffentlichte er ein vor Ort gedrehtes Video, in dem er der Familie des Opfers sein Beileid aussprach und die Szene aufrief, sich von solchen Rennen zu distanzieren.

Jetzt sitzt der Ex-Rennfahrer auf Messen im Campingstuhl

Stattdessen hat er jetzt zum „Winterauto-Massaker“ aufgerufen, das am heutigen Sonntag auf dem Flugplatz Werneuchen in Brandenburg stattfindet. Ein Rennen unter legalen Bedingungen mit Genehmigung, wie die Veranstalter betonen. „Kommt alle, macht mit und gebt Gas!“, ruft K. in die Kamera. Man kann sich von illegalen Rennen distanzieren. Vom Rausch nach Geschwindigkeit und Nervenkitzel offenbar nicht.

So gerne Micha an seine Zeit als Rennfahrer zurückdenkt, muss er relativieren: „Es ist eine Illusion, zu glauben, dass man immer alles unter Kontrolle hat.“ Er erinnert sich an einen Unfall. Ein Kollege hatte bei seinem BMW M5 am Getriebe herumgespielt, die Hinterachse brach aus und das Fahrzeug drehte sich bei Tempo 250 mehrmals um die eigene Achse. Totalschaden. Der Fahrer blieb erstaunlicherweise unverletzt.

Heute fährt Micha mit seinem Golf nur noch auf Tuningmessen. Er setzt sich dann auf einen Campingstuhl und freut sich, wenn Besucher sein Auto bewundern. Vor vier Jahren hat er mit den Rennen aufgehört. Er ist jetzt Ende 40, irgendwann muss man mal erwachsen werden. Von den Kumpels von damals sind einige bis heute dabei.

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