Kriminalität

Schulterschluss am Kottbusser Tor

Taschendiebstähle, Drogenhandel, die Kriminalität am „Kotti“ nimmt zu. Jetzt schließen sich die Anlieger zusammen.

Der U-Bahnhof Kottbusser Tor

Der U-Bahnhof Kottbusser Tor

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / dpa

Die Situation am Kottbusser Tor ist kritisch. Taschendiebstähle sind an der Tagesordnung. Drogenabhängige und Dealer bevölkern den Platz. Respekt und Rücksichtnahme lassen zu wünschen übrig. Gewerbetreibende beobachten immer häufiger, wie Brieftaschen auf dem Platz entwendet werden, wie Frauen bedrängt und bestohlen werden. Nächtliche Überfälle auf Passanten häufen sich.

Die Polizei-Statistik bestätigt, dass der Augenschein nicht trügt. 2015 wurden bei der Polizei 775 Taschendiebstähle angezeigt. 2014 waren es nur 361. Die Zahl der Raubdelikte stieg in diesem Zeitraum von 52 auf 80 an, die der Körperverletzungen von 49 auf 68. Beim Drogenhandel stellte die Polizei einen Anstieg von 35 auf 90 Taten fest, bei Drogenkauf und –besitz einen Anstieg von 110 auf 252 Delikte.

Jetzt schließen sich die Anlieger zusammen, um der Entwicklung entgegenzutreten. „Man kann viel tun“, sagt Richard Stein, Inhaber der Bar „Möbel Olfe“. Das Kottbusser Tor sei ein ganz besonderer Ort. „Er hat eine besondere Kraft, weil so viele unterschiedliche Menschen zusammenarbeiten und immer wieder nach Lösungen suchen.“ Diese Energie sei die Lösung. Man könne sich gegenseitig helfen, gemeinsam über den Platz gehen, wenn sich jemand bedroht fühle. „Wir machen das seit 15 Wochen“, so der Gastronom. „Wir haben die Spaziergänge am Kotti eingeführt.“

Gäste der Bar ein Stück weit begleitet

Nachts seien Gewerbetreibende und Anwohner in einer größeren Gruppe am Platz unterwegs. „Wir reden mit vielen Leuten und bekommen von ihnen viele Geschichten zu hören.“ In den vergangenen Monaten habe er auch Gäste seiner Bar manchmal ein Stück weit begleitet. „Weil wir mitbekommen haben, dass Menschen, die angetrunken waren, überfallen worden sind.“

Auch Martin Düspohl, Leiter des Friedrichshain-Kreuzberg-Museums am Kottbusser Tor, glaubt an die Selbstheilungskräfte, die der Kiez am Kotti schon früher gezeigt habe. Etwa bei den Instand-Besetzungen von Häusern. „Damals haben die Leute die Probleme selbst in die Hand genommen und zum Beispiel dafür gesorgt, dass nicht weiter abgerissen wurden.“ Auch jetzt müsse man überlegen, wie der Platz „zu einem liebenswerten Ort wird, an dem sich alle aufhalten können, die das möchten. Und sich auch sicher fühlen können“.

„Probleme am Ort angehen und sich organisieren“

Die Besonderheit des Kotti betonen auch andere an diesem Diskussionsabend. Es „ist eine Multikulti-Gegend“, sagt ein türkischer Händler. „Die Leute kennen sich und reden miteinander.“ Diese Kraft müsse man nutzen. „Die Probleme am Ort angehen und sich organisieren“, empfiehlt Angelika Levi von der Nachbarschaftsinitiative „Kotti&Co“. „Menschen, die jahrzehntelang am Kotti leben, werden durch steigende Mieten verdrängt.“ Man ermutige und unterstütze Anwohner, damit sie trotzdem versuchen dazubleiben und standhalten. Eine Kreuzbergerin erinnert an die Initiative „Mütter ohne Grenzen“. Die 2005 gegründete Frauengruppe sei jahrelang jeden Sonntag gegen Dealer am Kottbusser Tor vorgegangen.

Nicht nur Dealer, auch Alkoholiker am Platz sind ein Problem. Auch, weil der Supermarkt am Kotti an Wochentagen bis 24 Uhr geöffnet habe, sagt Richard Stein. Dringend gebraucht werde eine öffentliche Toilette.

Öffentliche Toilette auf der Mittelinsel?

Auch Polizei und Berzirksamt sehen die Notwendigkeit einzugreifen. Öffentliche Sanitäranlagen baut das Bezirksamt gerade an anderen Orten, etwa an der Warschauer Straße und nahe der Oberbaumbrücke. „Vielleicht ist auch eine auf der Mittelinsel am Kotti möglich“, sagt Kulturstadträtin Jana Borkamp (Grüne). Sie meint, dass bessere Vernetzung unter den Nachbarn zu mehr Sicherheit am Platz beitragen könne. Eine Idee sei ein Straßenfest. Zudem seien mehr Streetworker erforderlich.

Tanja Knapp, Leiterin des Polizeiabschnitts 53, will durch eine Kombination von Maßnahmen die Situation verbessern. Wichtig sei ihr der enge Kontakt zu den Gewerbetreibenden. „Außerdem zeigen wir eine hohe Präsenz.“ Mehrere Kontaktbereichsbeamte seien täglich am Platz. Es gebe größere Polizeieinsätze, „das soll auch einen abschreckenden Effekt haben“, so die Abschnittsleiterin. Zudem seien Mitarbeiter in Zivil unterwegs. Es komme täglich zu Festnahmen. Doch an der Situation „gibt es nichts zu beschönigen.“