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ITB in Berlin: Urlaub im Land der Flüchtlinge

Acht ungewöhnliche Reiseziele auf der Reisemesse ITB: Wie sich Syrien, Albanien oder Pakistan auf der ITB in Berlin präsentieren.

In einer Festtagsjacke ihrer Heimat: Vilma Biba wirbt auf der ITB Kunden für das Reiseunternehmen Globus Travel Agency aus Albanien

In einer Festtagsjacke ihrer Heimat: Vilma Biba wirbt auf der ITB Kunden für das Reiseunternehmen Globus Travel Agency aus Albanien

Foto: Ricarda Spiegel

Bei der Internationalen Tourismusbörse versuchen Privatunternehmen und staatliche Tourismusverbände Urlauber für außergewöhnliche Attraktionen zu begeistern. Ein Blick auf die Liste der Anbieter zeigt, dass darunter auch viele Länder sind, aus denen Menschen nach Deutschland flüchten. Von Syrien bis Serbien werden in diesem Jahr Nationen beworben, deren Bürger aus unterschiedlichen Motiven in der Bundesrepublik Asyl beantragen. Wir haben uns angeschaut, ob und wie sich jene acht Länder auf der ITB darstellen, aus denen im vergangenen Halbjahr die meisten Flüchtlinge kamen.

Syrien Einen eigenen Stand hat das kriegsgeschundene Land nicht auf der ITB. Aber der Hotel- und Resort-Anbieter Rotana wirbt für das Queen Centre Arjaan by Rotana in der Landeshauptstadt Damaskus. Zimmerpreise beginnen dort bei 120 Euro.

Afghanistan Vor der ITB 2015 hatten die Veranstalter noch begeistert gemeldet: "Afghanistan ist wieder zurück auf der ITB Berlin." In diesem Jahr ist das Land nicht mehr vertreten.

Irak Auch einen irakischen Stand gibt es nicht. Hotel- und Resort-Betreiber Rotana bietet an seinem gemütlich eingerichteten Areal in Halle neun Übernachtungen in Fünf-Sterne-Häusern der Städte Erbil und Kerbala an.


Ägypten Anschläge haben vielerorts das Vertrauen in das Reiseland am Nil erschüttert. Dem versucht man sich in Berlin mit großem Auftritt entgegenzustemmen. Eine ganze Halle, Nummer 23, ist in diesem Jahr reserviert. Hohe Pyramiden und imposante Steinfiguren sorgen auf der Messe für beeindruckende Ansichten. In langen Reihen sitzen die Vertreter von sonnendurchflutet fotografierten Resorts und Hotels und warten auf Kunden oder internationale Geschäftspartner, mit denen man sich bei der Messe verabredet hat.

Am Rand der Ausstellungsfläche soll Basar-Atmosphäre aufkommen. Dafür sorgt etwa der Handwerker Ashraf. Er sitzt mit Hammer und Nägeln vor einem Bronzeteller, den er mit religiösen Mustern verziert. "Dafür brauche ich einen halben Tag", sagt er. Der Preis liegt mit 25 Euro verhältnismäßig niedrig. Ashraf wird manches Stück bereits bei den Besuchern der Messe los, die aus der Tourismusbranche stammen. Für das normale Publikum ist die ITB erst ab Sonnabend geöffnet. Gut gehen bei ihm auch die bunten Fliesen und Schlüsselanhänger mit dem Kopf der Nofretete.


Ein Stück weiter tanzen und singen Musiker zum milden Rhythmus von Trommel und Tambourin. Hinter ihnen werden auf einer LED-Wand Bilder seltener Fische projiziert, die Taucher in Ägypten erwarten. An einem der vielen Stände empfängt Mohamed Raouf die Gäste. Er ist seit 25 Jahren Reiseführer in Ägypten, spezialisiert auf deutsche Touristen. "Wir versuchen, hier ein ausgewogenes Bild des Landes zu transportieren", sagt er. Welches Bild seiner Heimat er allerdings darstellen möchte, daran lässt er keinen Zweifel: "Im Gegensatz etwa zu Syrien sind wir ein starkes Land." Wer Ägypten Instabilität unterstelle, mache "aus einer Mücke einen Elefanten", sagt Raouf. "Ich lebe mit meiner Familie in Kairo – und habe keine Angst."


Dennoch drehen sich die meisten Fragen, die ihm bei der Tourismusbörse gestellt werden um das Thema Sicherheit. "Die Menschen wollen wissen: Was gibt es für Sicherheitsmaßnahmen, wo ist es sicher, welche Orte kann ich mit meiner Familie bedenkenlos besuchen?"


Albanien Die ITB ist immer auch die Bühne für Länder, die neben den großen, sonnenverwöhnten oder landschaftlich faszinierenden Regionen, mit bescheidenen Mitteln auf ihre Qualitäten aufmerksam machen wollen. Ismail Beka kämpft diesen Kampf für Albanien. "Nicht viele kennen unser Land als Urlaubsziel", sagt der stellvertretende Direktor der in Tirana angesiedelten Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. "Das Wissen um unsere Geschichte und die Nähe zur Europäischen Union ist bei vielen Leuten verbreitet."

Nun wolle man diese Menschen als Urlauber ins Land holen. Im vergangenen Jahr waren 108.000 Deutsche zu Besuch, immerhin doppelt so viele wie 2007. "Auf der ITB möchten wir uns als Land vorstellen, das Touristen einen Mix aus Kultur und Wandern bietet", sagt Beka. Bislang bringe vor allem ein Unternehmen deutsche Urlauber nach Albanien, das für Bildungsreisen steht.

Bildwände, die gen Decke reichen, lassen in Halle 1.2 keinen Zweifel daran, was für malerische Wanderwege den Gast in Bekas Heimat erwarten. "Wir arbeiten auch mit dem Deutschen Alpenverein zusammen", sagt er. Doch auch die weite Welt versuchen albanische Veranstalter anzuziehen. Vilma Biba etwa vertritt das Reiseunternehmen Globus Travel Agency, das von Flug bis Rundfahrt das komplette Albanienpaket bietet.

In den vom Mix der Nationalitäten geprägten USA hat die Agentur in New York und im Bundesstaat New Jersey Niederlassungen eröffnet. Wer Ismail Beka nach den albanischen Flüchtlingen in Deutschland fragt, den blickt er traurig an. "Dazu kommt es, wenn man den Leuten in Albanien keine Alternativen bietet", sagt er. "Wenn sie nach Deutschland gehen, zeugt das nur davon, dass sie nicht richtig informiert sind. Sie meinen, mit geringen Qualifikationen könne man es dort zu etwas bringen."

Bosnien und Herzegowina Seit 15 Jahren ist Mili Bijavica für sein Reisebüro aus Mostar bei der ITB. Die Nachfrage bei seinen Besuchen ist solide. Sein Stand in Halle 1.2 ist nicht groß. Ihm reicht ein Tresen, ein Verwaltungsraum und ein großer Bildschirm. Dieser zeigt Filme von Höhlenwanderungen und rasanten Fahrten über breite Skipisten.

"Die Kunden zieht die Kultur an, etwa in Städten wie Sarajevo und Mostar", sagt er. "Viele Besucher fragen, was sie bei uns auf Ausflügen erleben können, während sie in Kroatien Urlaub machen." Junge Leute interessierten sich für Abenteuertouren auf Flüssen und für Rafting. Dass es viele Flüchtlinge aus Bosnien und Herzegowina in Deutschland gibt sieht Bijavica nicht ohne deutlich ausgeprägten Nationalstolz. "Das befruchtet beide Länder: Nach Deutschland kommen gut qualifizierte Leute von uns", sagt er. "Dann kehren sie heim und stärken wieder unsere Wirtschaft. Das ist also gut für beide Länder."

Pakistan Eine fidele Gruppe von acht Männern und einer Frau ist für den Eckstand Pakistans in Halle 5.2a nach Berlin gekommen. Dort deuten Holzwände heimische Verzierungen an. Bilder von Wolken, Bergwelten und Schafsherden zeigen, was Besucher des Landes erwartet: ungebändigte Natur. Für die Berliner Besucher tragen die Herren folkloristische Mützen, die sie "Dopi" nennen.

In der Heimat ziert die traditionelle Kopfbedeckung der Bergbewohner eine Pfauenfeder, sagt Muhammad Ali. Er ist Chef von "Adventure Pakistan". Das Unternehmen steht für Abenteuerurlaub: Expeditionen, Treks und Touren. "Das ist, was Touristen an Pakistan interessiert", sagt er. "Wir haben den zweitgrößten Berg der Welt, den K2. Hinzu kommen 108 Berge, die höher sind als 7000 Meter."

Daneben bietet Ali Ausflüge nach China, Indien und in den Iran. "Dafür müssen sich die Interessenten aber zuvor ein Visum besorgen." Als bestes Hotel für einen Besuch empfiehlt er das Pearl Continental Hotel in der zweitgrößten Stadt des Landes, Lahore. Im Norden empfangen Bergsteiger zwischen April und Oktober beste Wetterbedingungen, in den restlichen Monaten ist der Süden vorzuziehen.

Wenn man Ali und seine Männer – die Frau im Team bleibt der Unterhaltung fern – nach Flüchtlingsströmen fragt, so meinen sie zunächst, es gehe um Menschen aus dem benachbarten Afghanistan, die in Pakistan aufgenommen wurden. Genauer nachgehakt, zeigen sie dann für ihre eigenen Landsleute, die gen Westen geflohen sind, nur wenig Verständnis. "Das sind Menschen, die denken, Europa sei das Paradies", sagt Unternehmer Ali. "Sie meinen, hier wachse das Geld an den Bäumen und man müsse es nur pflücken. Wenn sie dann ankommen, ist die Ernüchterung groß."

Serbien Der Stand der Serben in Halle 2.2 nimmt auffällig viel Platz ein. Ein halbes Dutzend kleiner Tresen für Hoteliers, Tourveranstalter und Gesundheitsdienstleister sind aufgebaut. Es gibt Erfrischungsgetränke. An strahlend weißen Tischen sitzen Vertreter, die Kunden die Vorzüge ihrer Heimat verkaufen.

Bojan Babic ist für die einzige private Klinik Serbiens nach Berlin gekommen. "Atomska Banja", das "Atombad", ist 150 Kilometer von Belgrad entfernt. Sein Alleinstellungsmerkmal ist leicht radioaktives Wasser, das es dort gibt. Damit lassen sich schwere Erkrankungen behandeln. Rheumapatienten etwa werden von internationalen Ärzten behandelt, sagt Babic (Tagespreise ab 87 Euro).

Die Farbe Grün bestimmt seinen Prospekt und das Umfeld des in dichten Wäldern gelegenen Behandlungszentrums. Der Eindruck aber trifft nicht die Gesamtlage seiner Heimat. Bojan Babic sagt, dass es den Flüchtlingen, die im Zug der Kriege in Jugoslawien nach in Deutschland gingen, heute "2000 Prozent besser" gehe als den Bürgern Serbiens. "In Deutschland müssen sie hart arbeiten. Aber wenn sie nach Hause zu Besuch kommen, leben sie bei uns wie reiche Leute."

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