Gerichtsverhandlung

Kinderarzt gesteht Kindesmissbrauch in 21 Fällen

Ein Augsburger Kinderarzt hat über Jahrzehnte Kinder missbraucht. Dabei ging er teilweise mit System und mit Hilfe von Drogen vor.

Ein Kinderarzt aus Augsburg (Mitte) muss sich wegen Missbrauchs in über 20 Fällen vor Gericht verantworten.

Ein Kinderarzt aus Augsburg (Mitte) muss sich wegen Missbrauchs in über 20 Fällen vor Gericht verantworten.

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Augsburg.  Seit den 1990er Jahren hat ein Kinderarzt aus Augsburg insgesamt 21 Kinder sexuell missbraucht. Die Ermittler waren auf die Fälle gestoßen, nachdem der Mann als Tatverdächtiger für einen Fall aus dem vergangenen Jahr identifiziert worden war. Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Augsburg legte der Mann am Montag ein umfangreiches Geständnis ab.

Im Vorfeld des Verfahrens hatte es noch mehrere Gespräche seiner Verteidiger mit dem Gericht gegeben, in denen es um die Bedingungen für ein Geständnis ging. Zu einer Einigung kam es nicht – dennoch gab der 40-Jährige nun den sexuellen Missbrauch von allen 21 Jungen zu.

Kinderarzt ließ Opfer wieder laufen

Die Staatsanwältin hatte zuvor etwa zwei Stunden lang das Martyrium der Opfer aufgezählt. Bundesweit bekannt wurde der Fall eines Fünfjährigen, der im August 2014 im niedersächsischen Garbsen entführt, missbraucht und nach zwei Stunden wieder freigelassen wurde. Laut Anklage hatte der damals in Hannover als Kinderarzt tätige Mann den Jungen in sein Auto gelockt, in seiner Zweitwohnung in Hannover mit Medikamenten betäubt, brutal missbraucht und auch geschlagen. Schließlich wurde der weinende und benommene Fünfjährige wieder ausgesetzt.

Die Polizei suchte mit großem Aufwand nach dem Täter und verteilte Flugblätter rund um den Tatort. Nach wenigen Wochen führte die Spur zu dem Augsburger Kinderarzt, er wurde festgenommen. Die Ermittler durchleuchteten die Vergangenheit des Mediziners und stießen auf immer neue Opfer.

Täter lockte Opfer mit gefälschten Briefen an Grundschulen

In vielen Fällen hatte der Angeklagte die Jungen im Kindergarten- oder Grundschulalter auf der Straße oder einem Spielplatz angesprochen, um sie in Keller von Mehrfamilienhäusern oder Tiefgaragen zu locken. Dort verging er sich an den Jungen. Er soll Kinder aber auch im Urlaub missbraucht haben, Tatorte waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hotels in Nürnberg und im US-amerikanischen Orlando sowie ein Freizeitpark im rheinischen Brühl. Auch dabei soll der Mann teils Arzneimittel zur Betäubung eingesetzt haben.

Der 40-Jährige war als Arzt am Augsburger Klinikum, der Medizinischen Hochschule Hannover und am Deutschen Herzzentrum in München aktiv. In mehreren Fällen hatte der Mann eine Funktion als Vorstandsmitglied des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) genutzt, um Straftaten zu begehen. Er schrieb an sieben Augsburger Grundschulen, weil er angeblich für das BRK Ausflüge für benachteiligte Kinder organisierte. Drei Schulen fielen auf die Schreiben des Mannes herein und vermittelten dem 40-Jährigen Kinder für Ausflüge in den Münchner Raum. Dort kam es in Pensionen zu weiteren Missbrauchsfällen.

Staatsanwaltschaft hält Sicherungsverwahrung für möglich

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann eine ganze Reihe schwerer Straftaten vor – von schwerem sexuellen Missbrauch über Vergewaltigung und Freiheitsberaubung bis zum Besitz von Kinderpornos, die Kinder vom Baby bis zu 13-Jährigen zeigen sollen. In etlichen Fällen soll der Mann auch bei den eigenen Taten pornografische Aufnahmen gemacht und gespeichert haben.

In der Verhandlung sagte der 40-Jährige, in der Untersuchungshaft und durch Gespräche mit einem Gutachter sei er zu der Überzeugung gekommen, dass es nur den Weg gebe, die Taten „vollständig einzuräumen“. Seine Pädophilie habe aber mit seiner Berufswahl als Kinderarzt nichts zu tun.

Dem Mann drohen bis zu 15 Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hält auch eine anschließende Sicherungsverwahrung für möglich. Das Gericht hatte für den Prozess bis kommenden März ursprünglich 30 Verhandlungstage eingeplant. Durch das Geständnis des Mannes könnte das Verfahren aber eventuell früher zu Ende gehen. Möglicherweise werden den Opfern dadurch die belastenden Aussagen vor Gericht erspart. (dpa)