Pädagogen-Casting

Wie Lehrer für Willkommensklassen ausgewählt werden

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Regina Köhler
Ria Jakschik, 30, ist nach dem Lehrer-Casting für Willkommensklassen ganz entspannt

Ria Jakschik, 30, ist nach dem Lehrer-Casting für Willkommensklassen ganz entspannt

Foto: Reto Klar

Fast wie bei DSDS: Berufsschulleiter casten Lehrer für Willkommensklassen: Für die 26 Stellen an Berufsschulen gibt es 320 Bewerber.

Ria Jakschik, 30, ist erleichtert. 15 Minuten lang hat sie gerade 19 Schulleitern gegenübergesessen und ihnen erklärt, weshalb ausgerechnet sie als Lehrerin für eine Willkommensklasse infrage kommt. „Die Resonanz war gut“, sagt sie selbstbewusst. Deshalb sei sie nun völlig entspannt.

Ria Jakschik ist eine von 40 Bewerbern, die von der Senatsbildungsverwaltung am Dienstag zum Casting in die Aula des Oberstufenzentrums Kraftfahrzeugtechnik in Charlottenburg eingeladen worden waren. Gesucht werden 26 Sprachlehrer, die an Berliner Oberstufenzentren (OSZ) Willkommensklassen unterrichten sollen. Insgesamt haben sich auf diese Stellen, die zunächst auf eineinhalb Jahre befristet sind, 320 Interessierte gemeldet.

782 Jugendliche haben noch keine Deutschkenntnisse

Allein an den beruflichen Schulen Berlins lernen gegenwärtig 782 Schüler ohne Deutschkenntnisse in 84 Willkommensklassen. Im Schuljahr 2011/12 erhob Berlin erstmals die Zahl der Kinder in Willkommensklassen aller Schulen. Damals wurden insgesamt 1378 Kinder in 112 Lerngruppen beschult. Bis zum Jahr 2014/2015 waren es bereits 2896 Kinder in 257 Lerngruppen. Diese Anzahl ist innerhalb eines Jahres erheblich gestiegen: Zu Beginn des Schuljahres 2015/2016 wurden 4953 Kinder und Jugendliche in 432 Lerngruppen erfasst. Im Januar 2016 waren es dann schon 7383 Schüler in 669 Klassen. Die Zahl der Lehrerstellen für diese Willkommensklassen stieg von 281 (August 2014) auf 736 (Januar 2016). An freien Schulen lernen derzeit 98 Schüler in neun Klassen.

Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagte der Berliner Morgenpost, dass man zum Casting am Dienstag nur Bewerber eingeladen habe, die ein Deutsch-Hochschulstudium oder ein Hochschulstudium für Deutsch als Fremdsprache absolviert und möglichst Erfahrungen damit haben, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

Auch Ria Jakschik ist sehr gut ausgebildet. Sie hat in Marburg Sinologie studiert und anschließend ein Studium für Deutsch als Fremdsprache abgeschlossen. Drei Jahre lang hat sie dann als Sprachlehrerin an einer chinesischen Universität gearbeitet. Vor einem Jahr kam sie nach Berlin. Dort leitete sie verschiedene Integrationskurse, die vom Europäischen Sprachfonds angeboten wurden. „In diesen Kursen waren vor allem ältere Migranten“, sagt sie. Nun würde sie gern mit Jugendlichen arbeiten. „Die sind motiviert und wollen so schnell wie möglich Deutsch lernen.“

Verteilung an die Schulen nach Neigung

Ronald Rahmig, Schulleiter des OSZ Kraftfahrzeugtechnik, sagt, dass die Willkommenslehrer gut mit einer heterogenen Schülerschaft umgehen können müssen. „In unseren Lerngruppen sitzen junge Leute, die weder lesen noch schreiben können, neben anderen, die bereits studiert haben.“ Für die Lehrer sei das eine große Herausforderung. Über die Bewerber äußert Rahmig sich positiv. „Die allermeisten sind geeignet“, sagt er.

Seine Kollegin Nicole Verdenhalven, Schulleiterin des OSZ Gesundheit/Medizin in Hellersdorf, erzählt, dass es seit Kurzem eine zentrale Clearingstelle gibt, die Jugendliche, die älter als 16 Jahre sind, an Willkommensklassen in beruflichen Schulen vermittelt. „Dabei wird versucht, die jungen Leute an jenen Oberstufenzentren unterzubringen, die ihren Neigungen entsprechen.“ Wer sich zum Beispiel für medizinische Berufe interessiere, sei am OSZ Gesundheit/Medizin richtig, wer technisch interessiert sei, am OSZ Kraftfahrzeugtechnik.

Zum Casting eingeladen ist am Dienstag auch Babett Hahnemann. Die 45 Jahre alte Germanistin hat bereits seit neun Jahren an verschiedenen Volkshochschulen und privaten Sprachschulen als Deutschlehrerin gearbeitet und besitzt auch Erfahrung mit Integrationskursen. Von Oktober bis Ende Dezember vergangenen Jahres war sie am Victor-Klemperer-Kolleg in Marzahn vertretungsweise als Willkommenslehrerin tätig. „Diese Arbeit hat mir Spaß gemacht und mich auf die Idee gebracht, mich für dieses Casting zu bewerben“, sagt sie.

Wichtiger Beitrag für die Gesellschaft

Die Schulleiter hätten von ihr wissen wollen, welche Qualifikationen und Erfahrungen sie auf dem Gebiet der Sprachvermittlung habe. „Sie haben auch gefragt, wie ich mich verhalten würde, wenn eine Schülerin der Willkommensklasse sich bei jedem Klingelzeichen weinend unter dem Tisch verkriecht und keinerlei Deutsch versteht“, sagt sie.

Für Babett Hahnemann sind derartige Situationen nicht neu. Während ihrer Integrationskurse hat sie öfter erlebt, dass vor allem Frauen sehr emotional reagieren und auch mal weinen. „Ich habe sie dann in den Arm genommen und beruhigend auf sie eingeredet.“ Das helfe, auch wenn sie kein Deutsch verstünden. „Deshalb habe ich auch den Schulleitern gesagt, dass ich das immer wieder so machen würde“, sagt Babett Hahnemann. Stolz ist die 45-Jährige auch noch auf eine andere Qualifikation. Sie darf prüfen, über welchen Sprachstand ein Schüler verfügt.

Sandra Heller, 30, hat zwar noch keine Erfahrung damit, wie es ist, Deutsch zu unterrichten. Die junge Frau ist zweisprachig aufgewachsen und erst vor einigen Jahren aus Brasilien nach Deutschland zurückgekehrt. Wie man sich in einem fremden Land fühlt, wenn man dessen Sprache erst noch lernen muss, weiß sie aus eigener Erfahrung. Sandra Heller ist Konferenzdolmetscherin und hat auch Deutsch als Fremdsprache studiert. Erst kürzlich hat sie ihre universitäre Ausbildung abgeschlossen. Nun möchte sie als Lehrerin einer Willkommensklasse arbeiten. „Ich bin überzeugt davon, dass ich auf diese Weise einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten kann“, sagt sie.