Rauschgift

In Berlins Abwasser schwimmen Reste von 2,44 Kilo Kokain

Das Abwasser einer Stadt enthält Informationen über zirkulierende Drogenmengen. Eine Studie zeigt den täglichen Konsum in Berlin auf.

Berlins oberster Drogenfahnder Olaf Schremm nennt das Projekt einen „wichtigen Baustein“. Der mit der Analyse betraute Schweizer Wissenschaftler Christoph Ort bezeichnet es als Möglichkeit zu erkennen, wie sich der jährliche Drogenkonsum in Berlin entwickelt.

Im kommenden Jahr nimmt die Hauptstadt wieder an einer europäischen Studie teil, die anhand einer Untersuchung des Abwassers feststellt, welches und wie viel Rauschgift an der Spree geraucht, geschluckt und geschnupft wird.

Die Initiatoren der Untersuchung gehen von der einfachen Erkenntnis aus, dass Rückstände von Drogen nach einem Toilettenbesuch den Körper der Konsumenten verlassen haben. Wer Zugriff auf das Abwasser einer Stadt hat, erhält Informationen über zirkulierende Drogenmengen, die keine Befragungen oder Polizeistatistiken liefern können.

Seit 2012 sammelt die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) in Lissabon im Auftrag der Europäischen Union diese Wasserwerte. Die Zahlen fließen in den jährlichen Europäischen Drogenbericht ein. Nach anfänglich 19 Teilnehmerstädten zeigt der aktuellste Report für 2014 Daten von 43 Städten.

„Wir haben an sieben aufeinanderfolgenden Tagen Proben in den Klärwerken Ruhleben, Schönerlinde und Waßmannsdorf entnommen und versendet“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe. Das Abwasser hatte zuvor lediglich die Rechenanlage durchlaufen, wo etwa Papier, Textilien und Plastik herausgefiltert werden.

2,44 Kilogramm Kokain pro Tag der Testwoche

Ein Team um Christoph Ort von der Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) untersuchte in Zürich die Proben auf Rückstände von Kokain, Cannabis, Amphetamin, dem als Crystal Meth bekannten Methamphetamin und Ecstasy. Aus Berlin hatte man die Zahl von Menschen, deren Abwasser in den drei Klärwerken gesammelt wird.

Im Fall von Kokain errechneten die Schweizer so eine Menge von 191,7 Milligramm pro 1000 Personen. Daraus ergibt sich ein Wert von 2,44 Kilogramm reinen Kokains pro Tag der Testwoche. Wie viel Endprodukt daraus entsteht, hängt davon ab, wie sehr das weiße Pulver vor dem Verkauf gestreckt wird.

Während Wissenschaftler Ort betont, dass erst die mehrmalige Teilnahme Berlins an der Studie Trends zeige, sagt Polizeidirektor Schremm, dass der Nutzen der Studie für die Polizei darin bestehe, die Resultate mit bisherigen Untersuchungen abzugleichen. „Viele Daten führen zu einem belastbaren Gesamtbild“, so der Chef des Rauschgiftdezernats. Herangezogen werden daneben etwa die Kriminalstatistik und der Epidemiologische Suchtsurvey.

In Berlin gibt es ein Gramm Kokain für 60 Euro

Schremm zufolge liegt der Straßenverkaufspreis für ein Gramm Kokain in Berlin bei 60 Euro. Der Grundpreis für ein Kilo Kokain mit einem Reinheitsgrad von 80 bis 85 Prozent betrage 40.000 bis 50.000 Euro. Wenn, wie in Berlin üblich, aus einem Kilo zwei Kilo werden, erzielen Dealer 120.000 Euro.

Durch die Auswertung der Berliner Abwasserdaten ergibt sich laut der Studie auch, wann welche Droge am häufigsten konsumiert wurde. So datiert Christoph Ort die stärkste Kokain-, Amphetamin- und Cannabis-Einnahme auf Sonntag.

Spannend ist der internationale Vergleich: Während London beim Kokain führend ist, liegt Berlin an 23. Stelle. Im belgischen Antwerpen wurden die meisten Amphetamine festgestellt. Berlin steht an siebter Position. Oslo ist Crystal-Meth-Hauptstadt (Berlin: 13.). Die Partydroge Ecstasy fand sich am häufigsten in Amsterdam (Berlin: 11.). Dort stieß man auch am häufigsten auf Cannabisspuren (Berlin: 16.).

Bei Ecstasy und Amphetamin über Durchschnitt

Fasst man die untersuchten Städte zusammen, ergibt sich für jede Droge ein europäischer Durchschnittswert. Bei Ecstasy und dem Aufputschmittel Amphetamin liegt Berlin darüber.

Fünf deutsche Städte haben 2014 an der Untersuchung teilgenommen. Neben Berlin waren es Dresden, München, Dortmund und das nordrhein-westfälische Dülmen. Berlin liegt beim Ecstasy-Konsum an erster Stelle, bei den restlichen Drogen an zweiter. Dass Dortmund jeweils weit oben rangiert, führt Drogenfahnder Schremm auf die Autobahnanbindung aus den niederländischen Überseehäfen zurück.

Berlin-Kurzbesucher tauchen in Statistik nicht auf

Insgesamt gesehen, bemängelt er, würden in der Klärwasserstudie auch diejenigen erfasst, „die nicht in Berlin wohnen oder hier übernachten, aber Gaststätten, Partylocations oder Clubs besuchen“.

Wissenschaftler Ort erklärt dagegen, dass es bei bestimmten Drogen mehr als einen Tag dauert, bis sie ausgeschieden werden, also im Abwasser landen. Auf Berlin übertragen hieße das: Kurzbesucher, die nur für eine verlängerte Partynacht in der Stadt sind, tauchen mit ihrem etwaigen Drogenkonsum gar nicht erst in der Studie auf.

Informationen zu Crystal Meth

Die Berliner Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara hält die Studie für „absolut vernünftig“. Welche Drogen die Deutschen konsumieren, wird seit 1980 in Befragungen von rund 9000 Bürgern für den Epidemiologischen Suchtsurvey des Bundesgesundheitsministeriums ermittelt. Dabei ist man auf die Ehrlichkeit der Befragten angewiesen. Köhler-Azara: „Wir haben daher immer Ungenauigkeiten in den Surveys.“

Von der Klärwasserstudie verspricht sie sich etwa Erkenntnisse über den Crystal-Meth-Konsum in Berlin, die aktueller sind als der letzte Bericht von 2012. „Bislang gehen wir davon aus, dass es in Berlin nur in bestimmten Subkulturen verbreitet ist“, so Köhler-Azara.

Im Frühjahr werden europaweit die Proben für die nächste Studie entnommen. Die Teilnehmer melden, welche Woche passend ist. Christoph Ort hofft, dass zukünftig mehr Städte dabei sind, auch würde er gern die Zahl der Untersuchungstage erhöhen, um belastbare und aussagekräftige Zahlen zu erhalten. Ein deutsches Gesamtbild und Unterschiede zwischen der jeweiligen Drogenlage etwa ließen sich erst mit mehr hiesigen Städten herausarbeiten.

Für die Einschätzung der Berliner Drogenszene wird man dagegen schon 2016 einen wichtigen Schritt weiter kommen. Dann veröffentlicht die Europäische Beobachtungsstelle die Ergebnisse der Untersuchung von 2015. Nach der zweiten Teilnahme lassen sich für Berlin dabei erstmals Trends ablesen.