Flüchtlingskrise

Kaum noch Platz für neue Stockbetten in Tempelhof

In Tempelhof leben demnächst 2300 Flüchtlinge. Neue Sammelunterkünfte werden dringend gesucht.

Der Senator und die Flüchtlinge: Mario Czaja (l.) unterhält sich in der Notunterkunft im Flughafen Tempelhof mit Bakaki Nazari (M.) und Kourrosch Sharadi (r). aus dem Iran

Der Senator und die Flüchtlinge: Mario Czaja (l.) unterhält sich in der Notunterkunft im Flughafen Tempelhof mit Bakaki Nazari (M.) und Kourrosch Sharadi (r). aus dem Iran

Foto: imago stock&people / imago/Markus Heine

Berlin muss bei der Unterbringung von Flüchtlingen auf immer größere Massenunterkünfte setzen – und gerät angesichts des weiter anhaltenden Zuzugs gleichwohl massiv unter Druck.

„Die Lage wird sich in den nächsten Tagen zuspitzen“, hieß es am Montag aus Kreisen der Heimbetreiber. Bisher kommen täglich 600 bis 700 Flüchtlinge in Berlin an. Seit Jahresbeginn hat Berlin 52.000 Flüchtlinge aufgenommen. Man gehe von stabilen und leicht steigenden Zugangszahlen aus, sagte Sozialsenator Mario Czaja (CDU).

Senator fordert Unterstützung aus Brandenburg

Etwa 200 Flüchtlinge machten pro Tag aus unterschiedlichen Gründen Unterkunftsplätze in Berlin frei. Czaja forderte am Montag Hilfe von Brandenburg. So müsse man sich zum Beispiel darüber unterhalten, die der Messe Berlin gehörenden Hallen am Flughafen Schönefeld gemeinsam zu nutzen. Dort wäre Platz für bis zu 5000 Menschen.

Der Senator besichtigte am Montag die Notunterkunft im Flughafen Tempelhof. In wenigen Tagen werden hier 2300 Flüchtlinge in drei Hangars leben. Eigentlich sollte der Hangar 3 erst später in Betrieb gehen, aber der Bedarf war so groß, dass schon am Sonntag die ersten Männer in die frühere Flugzeuggarage eingezogen sind. Der Hangar 1 ist mit 660 Personen, überwiegend Familien, schon voll belegt.

Und auch die zweite Riesenhalle ist faktisch voll. Anders als ursprünglich verabredet, ziehen nämlich nicht nur Flüchtlinge dort ein, die aus Bayern mit Bussen anreisen. Am Montag Mittag kamen 500 Menschen vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) und von der Registrierungsstelle Kruppstraße in Moabit an. Das gerade etablierte System, Menschen mit einem bestimmten Registrierungsstatus aus praktischen Gründen auch gemeinsam unterzubringen, gerät damit ins Wanken.

Die Notlage, auch den Hangar 4 schnell herzurichten, ist weiter gewachsen. Zumal auch die zweite große Erstunterkunft Berlins schon voll ist. In den beiden Sporthallen an der Glockenturmstraße schliefen schon an diesem Wochenende rund 1000 Menschen.

Die Lebensverhältnisse in den Hangars sind spartanisch. In oben offenen Messebaukabinen stehen je vier bis sechs Stockbetten aus Holz oder Metall. Die Messebau-Ausstattung hat die Tempelhof Projekt GmbH, die das Gebäude betreibt, für 40.000 Euro pro Monat gemietet. Im ersten Hangar stehen die Zelte, die in der Spandauer Knobelsdorf-Kaserne abgebaut worden waren. Derzeit werden Dusch- und Toi­lettencontainer aufgebaut und angeschlossen, auch Essensausgaben und Sozialräume werden eingerichtet.

Asylbewerber sollen auch im ICC untergebracht werden

Im Flughafen entsteht ein Langzeitprovisorium. Die Nutzung als Notunterkunft sei zunächst für 2015 und 2016 geplant, sagte Czaja. Die anderen Hangars sollen frei bleiben, damit die Tempelhof-Projekt dort weiterhin Veranstaltungen organisieren und Geld verdienen kann. Bisher habe man noch kein Event absagen müssen, sagte Tempelhof-Chef Holger Lippmann.

Berlin braucht dringend weitere große Sammelunterkünfte, zumal am 14. Dezember die Messehalle 26 für die Vorbereitung der Grünen Woche geräumt werden muss. Ursprünglich sollten die 1000 Plätze auf dem Messegelände durch die Hangars ersetzt werden. Jetzt müssen andere Räume her. Czaja kündigte an, auch das Internationale Congress Centrum (ICC) zu belegen. Dort könnten aber nur weniger als 1000 Menschen unterkommen.

Czaja sagte, die Menschen würden eine bis zwei Wochen in den Massenquartieren bleiben und dann in eine normale Gemeinschaftsunterkunft mit mehr Platz, mehr Privatsphäre und eigener Kochgelegenheit umziehen. Dauernd würden solche kleineren Heime in der Stadt eröffnet. Tatsächlich entsprechen aber auch die 330 Plätze, die das Lageso gerade in einem früheren Pflegeheim an der Marburger Straße eröffnet hat, dem Standard einer Notunterkunft.

Die Notunterkünfte sind teurer als reguläre Flüchtlingsheime

Trägervertreter halten die Aussage des Senators für zu optimistisch. Allein im Hangar gebe das Lageso den Menschen eine Kostenübernahme über einen Monat. Sie rechnen mit einem längerfristigen Verbleib vieler Menschen in den Hangars. Das Leben in einer Notunterkunft ist mit Tagessätzen zwischen 20 und 30 Euro für das Land teurer als ein Aufenthalt in einem regulären Flüchtlingsheim, weil das Essen geliefert wird, immer wieder neue Menschen etwa mit Sanitärartikeln und Bettwäsche ausgestattet werden müssen. Außerdem sei der Sicherheitsaufwand höher.

Während Czajas Verwaltung mit den akuten Fragen der Unterbringung ringt, bereitet sich Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) darauf vor, die Menschen mit einer Bleibeperspektive in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im September erhielten 40 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland einen Schutzstatus. Kolat rechnet für Berlin allein aus den Neuankömmlingen dieses Jahres mit 20.000 Menschen, die zu Kunden der Jobcenter werden, sobald sie ein Aufenthaltsrecht haben. Kolat sagte, es sei wichtig, dass die Jobcenter nun mehr Personal bekämen. Es gehe darum, die ehemaligen Flüchtlinge schnell über die normalen Hilfesysteme zu unterstützen.