Facebook-Gerücht

Der wahre Grund, warum Flüchtlinge in ein Altenheim ziehen

Die Empörung war groß: Ein 86-Jähriger muss für Flüchtlinge das Altenheim verlassen, hieß es bei Facebook. Doch das stimmte nicht.

Ein Senior in einem Rollstuhl. Der Fall eines 86-Jährigen löste Aufregung aus. Er muss aber nicht wegen Flüchtlingen aus seiner Einrichtung ausziehen

Ein Senior in einem Rollstuhl. Der Fall eines 86-Jährigen löste Aufregung aus. Er muss aber nicht wegen Flüchtlingen aus seiner Einrichtung ausziehen

Foto: imago stock&people / imago/Winfried Rothermel

Drove/Köln.  Die Betreiber eines Seniorenheims in Drove im Kreis Düren sind entsetzt: Nach einem Unfall müssen sie das Heim schließen – und stehen im Netz jetzt da als Geschäftsmacher, die alte Menschen wegen Flüchtlingen rauswerfen. Grund ist ein falsches Gerücht auf Facebook.

Gabi N. war offenbar richtig wütend und hatte einen Nerv getroffen: Mehr als 80.000 Mal war ihr Facebookbeitrag geteilt worden, ehe er dann am Montagmittag nicht mehr erreichbar war. Am Samstag hatte sie geschrieben, dass ihr 86 Jahre alter Vater die Kündigung für eine Wohnung im betreuten Wohnen erhalten hat. Die Einrichtung und ein ganzes Altenheim werde geräumt, um dann Flüchtlinge dort unterzubringen. „In welchem Land lebe ich hier“, schrieb sie. Und: „Teilen erwünscht“. Für viele Menschen war das offenbar die Bestätigung für Befürchtungen und Vorurteile: Das Posting wurde oft auch mit offen fremdenfeindlichen Kommentaren weiterverbreitet.

Einrichtung musste ohnehin schließen

Nur: Die SWH Betreuungseinrichtungen für Wohnen und Pflege hätten ohnehin schließen müssen. „Ich bin entsetzt, dass es jetzt so dargestellt wird“, sagte Linda Hawig von der Betreiberfamilie unserer Redaktion: Aus privaten Gründen könne die Familie das Heim nicht mehr fortführen. So bestätigt es auch auf Anfrage die Pressestelle der Bezirksregierung Köln, die in den Gebäuden Flüchtlinge unterbringen wird.

Heimleiter Hans-Jürgen Hawig wurde im Sommer bei einem Unfall schwer verletzt, wie Tochter Linda Hawig sagt. Vor zwei Wochen habe die Familie erfahren, dass eine weitere Operation nötig wird und er dauerhaft arbeitsunfähig sein wird. Ein Schicksalschlag, der den Familienbetrieb zur Aufgabe zwinge. Man sei sich auch bewusst, dass das für viele Bewohner eine sehr schwierige Situation sei. „Wir stehen deshalb mit anderen aufnahmebereiten Einrichtungen in engem Kontakt. Es ist selbstverständlich, dass wir auch bei der Organisation des Umzugs oder bei Behörden helfen.“

Suche nach anderem Betreiber erfolglos

Die Familie habe auch ohne Erfolg nach einem anderen Betreiber gesucht, der die Einrichtung hätte fortführen können. Das sei aber problematisch: „Teile des Areals stehen unter Denkmalschutz, die mittelfristig einen Betrieb als Pflegeeinrichtung nicht mehr möglich machen.“

Für die Bezirksregierung Köln kam das Angebot wie gerufen: „Aufgrund der kleinen Gebäudeeinheiten eignet sich die Einrichtung besonders zur Unterbringung besonders schutzbedürftiger Flüchtlinge“, so eine Sprecherin gegenüber unserer Redaktion.

Gabi N. hat das vielleicht inzwischen auch erfahren und ihr Posting möglicherweise deshalb gelöscht. Auf eine Anfrage unserer Redaktion hat sie nicht reagiert.