110

Polizei-Notruf - Nach 34 Anrufern gleichzeitig ist Schluss

Die Einsatzleitzentrale der Polizei ist immer noch nicht voll arbeitsfähig. Der Notruf 110 funktioniert nur bedingt, oft ist besetzt.

Am 15. Juli dieses Jahres hat die Polizei ihre Einsatzleitzentrale vorsorglich geräumt. Wegen Asbestverdacht. Der hat sich zwar nicht bestätigt. Dennoch ist die Leitstelle, in der die Notrufe über die 110 eingehen sollen, nur eingeschränkt arbeitsfähig. Dass musste auch Manfred Röwer erfahren. Er wurde am S-Bahnhof Nikolassee von einem Mann angegriffen. „Er hat mich gestoßen und geschlagen“, berichtet Röwer der Berliner Morgenpost. „Er bedrängte mich so sehr, dass ich gar nicht dazu kam, mein Handy aus der Tasche zu holen und den Notruf 110 zu wählen.“

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Flucht vor dem Angreifer in einen Lottoladen

Schließlich rettete sich Manfred Röwer vor dem Angreifer in einen Lottoladen am S-Bahnhof. Dort bat er die Inhaberin, die Polizei zu rufen. „Sie hat mir das Telefon in die Hand gedrückt und gesagt: ‘Das machen sie mal lieber selbst’“, berichtet der 68-Jährige. Doch seine Versuche liefen ins Leere. „Ich bin noch nicht einmal in die Warteschleife gekommen“, erzählt er. Und seine Stimme zittert dabei immer noch so sehr, als ob der Vorfall gerade erst passiert sei.

Zehn, zwölf Mal habe er es klingeln lassen. Aber er habe nur das Besetztzeichen gehört. „Dann ist mir der Geduldsfaden gerissen, und ich bin hundert Meter weiter zum Abschnitt 43 gelaufen und habe den Vorfall dort angezeigt“, so Röwer.

Rückkehr in alte Räume verzögert sich

Eigentlich sollte die Einsatzleitzentrale schon im September wieder ihren vollen Betrieb aufnehmen. Doch Polizeisprecher Redlich bestätigte der Morgenpost, dass die Beamten voraussichtlich erst Anfang November in die alten Räume zurückkehren könnten. So stehen den derzeit 13 Polizeibeamten im Ausweichquartier statt der üblichen 47 Leitungen für Notrufe nur 20 zur Verfügung. Und das Ziel, 90 Prozent aller eingehenden Notrufe innerhalb von zehn Sekunden anzunehmen, sei zuletzt nicht erreicht worden, räumte damals Redlich ein. Dieses Ziel werde nur bei 75 Prozent der Anrufe erreicht.

Benedikt Lux, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, hält das für untragbar. „Es ist doch entscheidend, dass Bürger den Notruf erreichen können und wenigstens in die Warteschleife kommen“, sagte Lux. Er fordert nun, dass in einem Sofortprogramm 40 zusätzlich Warteschleifen geschaffen werden und die Zahl der Annahmeplätze aufgestockt wird. „Das mag teuer sein“, so Lux, „aber für die Sicherheit in der Stadt ist das notwendig.“ Er wirft der Polizeiführung vor, nicht unverzüglich nach dem Umzug geprüft zu haben, ob man zusätzliche Callcenterplätze kurzfristig aufbauen müsse.

Sanierungsarbeiten sollen Anfang November beendet sein

Der Berliner Morgenpost liegen Informationen vor, wonach sich der Rückzug der Einsatzleitzentrale in die alten Unterkünfte weiter verzögern und die Arbeit erst Anfang/Mitte Dezember am alten Standort wieder aufgenommen werden könne. Dies dementierte Carsten Müller, stellvertretender Leiter der Pressestelle der Berliner Polizei. „Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen die Arbeiten Anfang November beendet sein“, sagte Müller. Zur aktuellen Situation in der Einsatzleitzentrale sagte er, dass dort derzeit 14 Annahmeplätze zur Verfügung stünden. Seien diese Leitungen belegt, könnten 20 weitere Anrufe in der Leitung verbleiben. Die Anrufer hörten dann Freizeichen beziehungsweise eine Bandansage. Ab dem 35. Anruf werde ein Besetztzeichen gesendet.

Wie lange es derzeit dauere, bis die durchschnittlich 3700 Notrufe täglich von einem Beamten entgegengenommen werden, konnte Müller nicht sagen. „Dazu werden derzeit keine Statistiken erhoben.“

Opfer wendet sich an den nächsten Polizeiabschnitt

Manfred Röwer hätten diese statistischen Daten auch nicht weitergeholfen. Er lief nach dem gescheiterten Versuch, die 110 zu erreichen, zum Abschnitt 43. Der liegt nur rund 100 Meter vom S-Bahnhof Nikolassee entfernt. Dort brachte er den Fall zur Anzeige. Und war auch hier etwas enttäuscht über die Reaktion der Beamten. „Ich kannte den Mann ja, es handelt sich um meinen ehemaligen Nachbarn“, sagt Röwer, „und eigentlich hatte ich gehofft, dass sie mit mir im Streifenwagen die Gegend nach ihm absuchen.“ Stattdessen habe es nur ein langwieriges Protokoll und viele Nachfragen gegeben.

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