Bahnverkehr

Güterzüge - Jetzt wird es richtig laut im Berliner Süden

Noch mehr Lärm an der Stadtautobahn: Die Bahn reaktiviert Ende 2016 den Güterverkehr auf dem Südring. Der Lärmschutz kommt später.

Am Bundesplatz in Wilmersdorf kommt so einiges zusammen: Oben auf der Brücke donnern Autos über die Stadtautobahn, direkt daneben dreht die Ringbahn ihre Kreise. Unten rollt der Straßenverkehr – ober- und unterirdisch. Nur Binnenschifffahrt, so wird im Kiez gescherzt, gibt es am Bundesplatz noch nicht.

Doch vielen ist das Lachen vergangen. Neuerdings ist bekannt, dass die Deutsche Bahn den Güterverkehr auf dem Südring zwischen den Bahnhöfen Halensee und Tempelhof wieder aufnehmen will. Die Gleise verlaufen auf der sieben Kilometer langen Strecke parallel zu Ringbahn und – teilweise – auch Autobahn. Die durch Autos und S-Bahn ohnehin schon sehr hohe Lärmbelastung in dieser Gegend (siehe Grafik) wird sich durch die ratterenden Güterzüge noch mal erhöhen.

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Zehn bis zwölf Züge pro Tag will die Bahn spätestens ab Ende 2016 auf die Strecke schicken – rund um die Uhr. Zunächst Diesel-Loks, die mit 60 Kilometer pro Stunde fahren. Zu Lärmschutzmaßnahmen ist die Bahn gesetzlich noch nicht verpflichtet. Erst ab 2018, wenn die Strecke elektrifiziert wird. Denn dies stellt laut Gesetz eine "wesentliche Veränderung des Verkehrsweges" dar. Dann werden auch mehr als zwölf Züge täglich fahren, "da mache ich gar keinen Hehl draus", sagt Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtigter der Bahn für Berlin.

Güterzüge sind deutlich lauter als S-Bahnen

Ein Planfeststellungsverfahren ermittelt derzeit, wie viel Lärm und Erschütterungen der Güterverkehr verursachen wird – und an welcher Stelle eingegriffen werden muss. Angaben zu Dezibelzahlen gibt es offiziell noch nicht. Aber sicher ist: Güterzüge sind deutlich lauter als etwa S-Bahnen. Die meisten Wagen sind mit sogenannten Graugussbremsen ausgestattet, die die Radlaufflächen aufrauen. Dadurch steigt der Lärm.

"Gärten und Balkone werden nicht mehr benutzbar sein", klagt eine Anwohnerin vom Bundesplatz. Ein anderer ist überzeugt, dass die Züge ihn um den Schlaf bringen. An das Grundrauschen der Autobahn habe er sich ja gewöhnt, aber Güterzüge, die sehr plötzlich und sehr laut vorbeifahren, seien ein anderes Kaliber. Wolfgang Severin von der "Initiative Bundesplatz" beobachtet, wie Nachbarn aus der Gegend bereits wegziehen, weil sie den Lärm nicht mehr ertragen. "Der Lärm verändert den Kiez, auch viele Geschäfte haben in den letzten Jahren geschlossen."

Investor muss Wohnungen neu ausstatten

Und jetzt auch noch Güterverkehr. Die Angst vor Zuständen wie im Rheintal geht um, wo Güterzüge mit bis zu 100 Dezibel durch die Dörfer rauschen – ein Lärm, als ob man in der Disco einen Meter vor dem Lautsprecher steht. Betroffen sind auch Investoren wie die Hamburger Böag, die auf der Brachfläche nahe des Bahnhofs Innsbrucker Platz knapp 1000 Wohnungen bauen will. Zu Beginn der Planungen war die Reaktvierung des Güterverkehrs noch kein Thema. Jetzt muss ein Teil der Wohnungen mit Lärmschutz versehen werden.

Die Bahn versucht zu beschwichtigen. Wegen der angrenzenden Stadtautobahn würden die Züge lärmtechnisch kaum ins Gewicht fallen. "Einen Vergleich mit dem Rheintal kann man nicht ziehen", sagt Kaczmarek und verweist auf die geplanten Lärmschutzmaßnahmen ab 2018. So schwebt der Bahn eine kombinierte Lösung vor, die den Lärm von Zug- und Autoverkehr zugleich dämpft.

"Das wäre in Deutschland einmalig", so Kaczmarek. Zwecks Finanzierung kämen vom Bund bereits positive Signale. Zudem hat die Bahn sich verpflichtet, ihre Züge bis 2020 mit sogenannten "Flüsterbremsen" ausstatten, was den Lärm halbieren soll.

Ein Güterzug entlastet Verkehr um 100 Lastwagen

Dass in Berlin wieder mehr auf Güterverkehr gesetzt wird, findet nicht nur Kritiker. "Im Prinzip sind wir dafür, dass Güter auf die Schiene kommen", sagt Bundesplatz-Anwohner Severin. Auch die Bahn sieht in dem Vorhaben eine "gute Nachricht" für Berlin. Die Rechnung: Ein Güterzug ersetzt 100 Lkw auf der Straße.

Und im bundesweiten Vergleich spielt Güterverkehr in Berlin kaum eine Rolle. Lag der Güterumschlag Mitte der 90er-Jahre bei zwölf Millionen Tonnen, war es 2014 nur noch etwas mehr als die Hälfte. Doch "die Züge durch die Stadt zu leiten, ist städteplanerisch falsch", sagt Severin.

Dabei hat die Bahn die Reaktivierung des Südrings gar nicht selbst initiiert. Wegen des Baus der Nord-Süd-Verbindung am Bahnhof Südkreuz wurde das Teilstück 2001 gesperrt, aber nie formell stillgelegt. Da die Bahn gesetzlich zur Unterhaltung der Bundeseisenbahninfrastruktur verpflichtet ist, war die Wiederinbetriebnahme zwingend. Für den Betrieb müssen noch Gleise erneuert werden. Dazu kommt der Einbau von Hilfsbrücken an der Blissestraße, auch an der Gotenstraße kommt eine neue Brücke.

Nach Fertigstellung soll der Südring auch als Ausweichstrecke genutzt werden. Doch nur für den Güterverkehr – und nicht für die S-Bahn. Gibt es auf der Ringbahn eine Störung, stehen die Züge weiterhin im Stau.

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