Neubauoffensive

„Das Tempelhofer Feld neu überdenken“

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Isabell Jürgens

Wohnungsbauverband BBU fordert Diskussion zu Randbebauung. Politiker sind skeptisch

Als der Volksentscheid am 25. Mai 2014 verhinderte, dass am Rande des Tempelhofer Feldes 4700 Wohnungen, Gewerberäume sowie der Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) entstehen, war Berlin noch eine andere Stadt. In den seither vergangenen 16 Monaten hat Berlin nicht nur einen neuen Regierenden Bürgermeister bekommen und das ZLB-Prestigeprojekt beerdigt, sondern seine Bevölkerungsprognose mehrfach nach oben korrigieren müssen. Mittlerweile gehen die Statistiker davon aus, dass allein in diesem Jahr 80.000 Menschen zusätzlich in der Stadt mit Wohnraum versorgt werden müssen, darunter mindestens 30.000 Flüchtlinge.

Berliner Situation seit dem Volksentscheid verändert

„Eben weil Berlin nicht mehr die Stadt von damals ist, müssen wir das Thema Randbebauung wieder zur Sprache bringen“, fordert Maren Kern, Vorstand beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Nur mit dem Flächenpotenzial des ehemaligen Flughafens in Landesbesitz ließen sich schnell und preiswert Wohnungen errichten.

Zur Erinnerung: Beim Volksentscheid zum Tempelhofer Feld hatten sich 64,3 Prozent für den Gesetzentwurf der Initiative und damit gegen die Randbebauung ausgesprochen. Für den Gesetzentwurf des Senats, der die Randbebauung vorsah, stimmten 40,8 Prozent der Teilnehmer. „Ganz abgesehen davon, dass sich die Wohnungssituation in den vergangenen Monaten drastisch verschärft hat, haben sich auch die politischen Rahmenbedingungen geändert“, ist Kern überzeugt.

So hätten viele Berliner den Plänen des Senats damals eine Absage erteilt, weil sie befürchteten, dass überwiegend Wohnraum für Besserverdienende entstehen sollte, der teure ZLB-Neubau auf Unmut stieß und man überhaupt dem Senat einen Denkzettel erteilen wollte. Durch den Abtritt Wowereits, das neue Wohnraumversorgungsgesetz und den ZLB-Verzicht auf dem Tempelhofer Feld hätten sich diese Punkte jedoch erledigt.

„Nun geht es für das Abgeordnetenhaus darum, Farbe zu bekennen, wie wichtig ihm der Bau preiswerter Wohnungen tatsächlich ist“, so Kern. Dieser sei nur zu leisten, wenn die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften auch auf landeseigenen Flächen bauen dürften. Dies gelte insbesondere auch für die von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) angekündigten 30.000 Unterkunftsplätze für Flüchtlinge und andere Wohnungssuchende in Modulbauten. „Es ist doch Irrsinn, dass wir Flüchtlinge in den zu Wohnzwecken ungeeigneten Hangars unterbringen wollen, nur damit die 300 Hektar große Freifläche komplett unbebaut bleibt.“

Die Modulbauten könnte man etwa entlang der S-Bahntrasse im Süden oder am Tempelhofer Damm errichten. „Die Modulbauten haben ja den Vorteil, dass sie, wenn sie nicht mehr an Ort und Stelle gebraucht werden, abgebaut und anderswo wieder errichtet werden könnten“, sagte die BBU-Chefin der Berliner Morgenpost.

Bürgervotum gilt, alternative Bauflächen vorhanden

Die Bereitschaft bei den im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, erneut über Tempelhof zu debattieren, scheint sich allerdings in Grenzen zu halten.

„775.000 Berliner haben die Bebauung vor einem Jahr abgelehnt“, so Fraktionschefin und wohnungspolitische Sprecherin der Grünen Antje Kapek. Es wäre ein fatales Zeichen im Umgang mit der direkten Demokratie, wenn man den Volksentscheid einfach ignorieren würde.

Auch der Wohnungsexperte der CDU, Matthias Brauner (CDU), ist skeptisch, dass die Zeit für eine Revision des Tempelhofentscheids schon reif ist. „Linke, Grüne und Piraten haben massiv gegen den Wohnungsbau am Rande des Feldes gekämpft – und ich sehe nicht, dass sich daran etwas geändert hat“, sagt Brauner. Das Ergebnis des Volksentscheids müsse zudem respektiert werden. „Über Tempelhof können wir nur dann erneut sprechen, wenn der Anstoß dazu aus der Stadtgesellschaft kommt“, sagt er.

Der Koordinator für die Parkentwicklung des Tempelhofer Feldes, Tilmann Heuser, ist sich sicher, dass die Berliner Bevölkerung in ihrer Mehrheit auch unter den heutigen Bedingungen nicht bereit wäre, das ehemalige Flugfeld für eine teilweise Bebauung freizugeben. „Das Tempelhofer Feld erfährt die gleiche Wertschätzung wie der Große Tiergarten – dort würde auch niemand bauen wollen“, sagt Heuser, der zugleich der Berliner Landesgeschäftsführer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist.

Berlin habe zudem auch andernorts noch Platz. „Auch ohne das Tempelhofer Feld weist der Stadtentwicklungsplan Wohnen ein Flächenpotenzial für 195.000 Wohnungen auf. „Wichtig ist, dass Herr Geisel jetzt frühzeitig beginnt, mit der Bevölkerung über diese Standorte zu diskutieren, damit wir dort zügig vorankommen“, so Heuser. Dies gelte vor allem auch für die Standorte, die Geisel für die 30.000 Wohnplätze für Flüchtlinge im Auge habe, über die aber noch nicht öffentlich informiert wurde.