Nachtleben

Columbia Theater: Willkommen im neuen Club

Das Columbia Theater wurde originalgetreu hergerichtet. Im 50-er-Jahre Ambiente spielt gleich zum Start John Lydon von den Sex Pistols.

Gekommen, um zu bleiben: Kristian Wolff auf dem Vordach des Columbia Theaters in Tempelhof. Im Gebäude sind noch auf allen Etagen die Handwerker unterwegs

Gekommen, um zu bleiben: Kristian Wolff auf dem Vordach des Columbia Theaters in Tempelhof. Im Gebäude sind noch auf allen Etagen die Handwerker unterwegs

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Bevor sich Kristian Wolff an die Einrichtung seines Vorzeige-Clubs gegenüber dem ehemaligen Flughafen Tempelhof machen konnte, musste er weit zurück in die Vergangenheit reisen. „Ich will, dass das Columbia Theater aussieht, wie es die US-Soldaten in den 50er-Jahren kannten.“ Fast ist Wolff soweit. Vom kommenden Monat an hat Berlin am Columbiadamm eine neue Veranstaltungshalle. Ein denkmalgeschütztes Pop-Juwel im Retro-Stil. Mindestens eine Rock-Legende steht bereits auf dem Spielplan.

Jahrzehntelang war das „Columbia Theatre“ jenes Kino, in das man nicht hineinkam. 1951 mit einem Farbfilmspektakel über die Seeabenteuer des heldenhaften Soldaten „Captain Horatio Hornblower“ eröffnet, blieb das Lichtspielhaus einzig den Angehörigen der US-Army vorbehalten. Als die Amerikaner Berlin verließen, übernahm die Oberfinanzdirektion das Areal. Nach vierjähriger Schließung eröffnete die Halle 1998 als „Columbia-Fritz“ des Berliner Jugendradiosenders. Zuletzt hieß der kleine Ableger der benachbarten Columbiahalle schlicht „C-Club“.

Die größten Rock-Veranstalter schließen sich zusammen

Im Juni 2015 wurde die Halle geschlossen. Das alte Programm sei ein Durcheinander der Genres gewesen, die Künstler seien „strukturlos gebucht worden“, sagt Wolff. Zudem habe sich das Gebäude in desolatem Zustand befunden.

Für den Neufang haben sich die größten Rock-Veranstalter der Stadt zusammengeschlossen: Thomas Spindler von Trinity und Axel Schulz von Loft Concerts, der auch die Band „Die Ärzte“ und deren Sänger Farin Urlaub managt. Hinzu holte man Norbert Döpp-Veidt (Berlin Konzerte), der mit Schulz schon die Columbiahalle führt. Vierter in der neu gegründeten Columbia Theater Betriebs GmbH ist Geschäftsführer Kristian Wolff (ZK Berlin). Eigentümer und Vermieter des Hauses ist weiterhin die Schulz-Veidt GbR.

Schwerpunkt Indie-Pop und etwas Avantgarde

Der Lärm ist bereits da, kommt allerdings nicht aus dem Gitarrenverstärker sondern von einer Schleifmaschine, die ein Bauarbeiter in der Toilette anwirft. Überhaupt: Lärm, wie ihn zuvor die auf den C-Club spezialisierten Heavy Metal Bands erzeugten, wird im Columbia Theater eher selten zu hören sein. Wolff will Bands mit dem Schwerpunkt Indie-Pop und Avantgarde engagieren. „Alles, was den verklemmten Oberschüler interessiert“, sagt der 52-Jährige, zweifache Vater und schmunzelt.

Er selbst hört etwa Rockabilly und die karibische Gute-Laune-Musik Ska. Ursprünglich kommt Wolff aus Kassel, wo er irgendwann feststellte, dass er Chuck Berry interessanter findet als sein Studium der Soziologie und Geschichte. „Ich spiele kein Instrument. Weil ich aber trotzdem in dieser Musikwelt dabei sein wollte, dachte ich mir: Dann organisiere ich eben Konzerte.“

Seitdem er 1992 nach Berlin umsiedelte, hat er für die einschlägigen Szene-Locations Programm gemacht: Tresor, Schleusenkrug, Privatclub. Und ab 1999 14 Jahre lang für den Roten Salon der Volksbühne.

Mit weiten Schritten durchmisst er jetzt das Haus, von dem er schon ganz Besitz genommen hat. Auf das Vordach in lebensgefährliche Höhen klettern, um für den Morgenpost-Fotografen vor dem berühmten Neonlichtschriftzug „Columbia“ zu posieren? Kein Problem. Der Name des marmorartigen Kalksteins, der wie einst jetzt wieder das Foyer schmückt? Ohne langes Nachdenken sagt Wolff: „Travertin“.

Auf der Suche nach Bildern vom alten „Columbia Theatre“

„Dinge der 40er- und 50er-Jahre: Das ist unsere Welt“, sagt Wolffs Frau Patricia Parisi, die im Theater Öffentlichkeitsarbeit und ein Kinderkonzertprogramm leitet. Eine Brauerei, die den Club beliefert, baut den beiden ein Veranstaltungsschild im alten Stil, auf das die Namen der auftretenden Künstler kommen. „Wir durchsuchen jetzt Plattencover und Fotobücher, um die geeignete Vorlage zu finden“, sagt Parisi.

Auf die Suche ging man auch, um zu erfahren, wie eigentlich das Kino von innen aussah. „Im Internet habe ich vergeblich geforscht“, sagt Wolff. Aber im Archiv des Alliierten-Museums an der Clayallee, einer Halle, durch deren Bestände sich einzig der dortige Kurator hindurchfindet, stieß Wolff auf Alben ehemaliger US-Soldaten. „Gerade mal zehn Bilder fand ich. Das meiste davon sind Aufnahmen, auf denen die GIs Kameraden ablichteten und im Hintergrund etwas vom Kino zu erkennen ist.“

Wie abgeschottet von der deutschen Außenwelt die Army das Kino betrieb, zeigt sich auch an anderer Stelle: „Es wurden nirgends Baupläne hinterlegt“, sagt Wolff. Im Keller weist er später auf einen zugemauerten Gang hin, einen sogenannten Installationsschacht. Darin wäre man früher vom Kino bis zum Gelände des Flughafens gelangt.

Im ersten Monat kommt die Legende

Am 9. Oktober ist Eröffnungsfest. Bis dahin haben die Wände Holzpaneele mit Messingfugen, die original Farbtöne sind aufgetragen und zwei ArtDeco-Tresen sind vollendet. Im Keller haben die Musiker eine chromglänzende Küche und vor dem Fenster werden drei Band-Busse Platz finden.

Größter Coup des Startprogramms: Am 15. Oktober spielt der Gründer der Punk-Helden Sex Pistols, John Lydon, mit seiner Band Public Image Ltd. Auch Festveranstaltungen, Theater und Film will Kristian Wolff ins Haus holen, das unbestuhlt 800 Zuschauer Platz bieten soll.

Die Lounge mit Biergarten, die Patricia Parisi gerade mit - natürlich - 50er-Jahre Mobiliar und Tapeten einrichtet, soll sich zum Treffpunkt des an Szene-Orten nicht reichen Tempelhof entwickeln. „Wir wissen: Dieser Standort zählt nicht zu Berlins typischen Ausgeh-Gegenden. Deshalb müssen wir den Gästen etwas ganz besonderes bieten, um sie anzuziehen.“

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