Morgenpost vor Ort

Ein Schloss für die ganze Welt – und alle Berliner

Die Nutzung des Humboldt-Forums im Berliner Schloss ist umstritten. Leser diskutierten jetzt mit Experten über das Ausstellungskonzept.

So viel Zustimmung für eine politische Entscheidung hat der Regierende Bürgermeister wohl noch nie bekommen. Am Donnerstagabend im Kino Zoo Palast an der Hardenbergstraße in Charlottenburg konnte Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) das ungewohnte Gefühl genießen, dass die große Mehrheit der Zuhörer seine Pläne gutheißt, im Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz auch die Geschichte der „Welt.Stadt.Berlin“ zu präsentieren.

Mehr als 150 Gäste waren zu der Podiumsdiskussion mit dem Regierenden, mit Horst Bredekamp, Professor an der Humboldt-Universität und einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, mit Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., mit Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sowie Jochim Stoltenberg, Autor der Berliner Morgenpost, gekommen. Moderiert wurde der Abend von Autor und Kolumnist Hajo Schumacher. Das Thema der mittlerweile 14. Leserveranstaltung in der Reihe „Morgenpost vor Ort“ hieß „Berlin freut sich auf sein Schloss – Was kommt in das Humboldt-Forum?“

Zum Auftakt des Abends führte Horst Bredekamp in die Geschichte der kurfürstlich-königlichen Kunstkammer im historischen Berliner Schloss ein. „Hier wurde schon damals Naturforschung, Wissenschaft und Kunst der ganzen Welt gleichberechtigt nebeneinander präsentiert“, sagte Bredekamp. Dies solle auch das Vorbild für das künftige Ausstellungskonzept sein: „Eine unhierarchische Begegnung der Kulturen der Welt, die hier in Berlin zusammenkommen.“

Wegweisende Forschung

Bredekamp erinnerte daran, dass nicht nur die Staatlichen Museen und auch die Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität im Schloss ihren Ursprung hatten, sondern in den königlichen Gemächern auch wegweisende Forschung betrieben wurde, die später ihren Siegeszug in der wissenschaftlichen Welt antrat. „Wir wollen nicht nur Museum, sondern auch Forschungslabor sein“, formulierte Bredekamp den Anspruch.

Dazu gehöre auch, dass Berlin selbstbewusst zeigen könne, dass es heute zur digitalen Avantgarde zähle. „In zehn Jahren hat Adlershof Silicon Valley eingeholt, wenn nicht gar überholt.“ Auch dieses müsse in einem noch zu gestaltenden Zukunftsraum gezeigt werden. „Schließlich hat Leibniz, der erste Präsident der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, mit seiner Rechenmaschine die Grundlage für die Entwicklung des Computers überhaupt erst geschaffen“, so Bredekamp weiter.

Der Kunsthistoriker gab damit auch das Stichwort für den Regierenden Bürgermeister. Der nutzte die Gelegenheit, seinen überraschenden Alleingang zu erklären, mit dem er im März dieses Jahres das bisherige Konzept für die 4000 Quadratmeter, die Berlin im Humboldt-Forum nutzen darf, kippte. Anstatt diese, wie ursprünglich geplant, für die „Welt der Sprachen“ zur Verfügung zu halten, die die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) gestalten wollte, will Müller dort nun die Geschichte Berlins präsentieren. „Die Welt der Sprachen kann man auch in der AGB oder in einem neu zu bauenden Bibliotheksgebäude präsentieren, das Konzept ist ja gut“, sagte Müller.

Ein Ort der Begegnung

Allerdings sei es ihm für den hohen Maßstab, den man zu Recht beim Humboldt-Forum anlege, „zu wenig“. Man dürfe die Chance nicht vertun, sich auf den eigenen Flächen im Schloss der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Wie Berlin in den vergangenen 250 Jahren auf die Welt gewirkt hat und die Welt auf Berlin, sei gerade auch angesichts der derzeitigen Flüchtlingswelle ein hochaktuelles Thema. „Ich will im Schloss kein zweites Heimatmuseum, so etwas haben wir mit dem Märkischen Museum bereits“, sagte Müller und erhielt dafür viel Applaus aus dem Publikum. Einig waren sich alle Teilnehmer auch darüber, dass das Humboldt-Forum ein Ort der Begegnung für alle Berliner sein müsse.

Kritik an Müllers später Kehrtwende, „drei Jahre, nachdem die ZLB bereits ihr Konzept sehr weitgehend ausgearbeitet hatte“, übte die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, Sabine Bangert. „Die Welt der Sprachen wäre eine tolle Bereicherung für das Humboldt-Forum gewesen, das Projekt hat ebenfalls im Hinblick auf Migration und Integration, die ohne Sprache nicht denkbar ist, hervorragend in das Gesamtkonzept eines Weltmuseums gepasst“, sagte Bangert weiter. Bredekamp sagte zu, dass ernsthaft geprüft werde, ob nicht Teile des ZLB-Konzeptes übernommen werden könnten.

Die Leser interessierte jedoch nicht nur die Gestaltung der Berliner Flächen im Schloss, die schließlich nur zehn Prozent der Gesamtflüche von rund 40.000 Quadratmetern ausmacht. So wollte eine Leserin etwa wissen, was aus dem Museum Europäischer Kulturen in Dahlem werden soll. „Beschlossen ist zwar, dass das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst aus Dahlem an den Schloßplatz in das Humboldt-Forum ziehen sollen. Aber was geschieht mit den Europäischen Kulturen?“, wollte sie wissen. Auch darüber, sagte Bredekamp, sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen.

Sammlungen verbinden

Allerdings sei ja ohnehin die Verschränkung des Humboldt-Forums und seiner Sammlungen der Weltkulturen mit der benachbarten Museumsinsel, auf der europäische Kultur präsentiert werde, vorgesehen. „Dazu wäre es toll, wenn wir die beiden Einrichtungen auch räumlich verschränken und den Verkehr umleiten könnten“, schlug Bredekamp vor.

Die Idee, die Straße Unter den Linden auf Höhe des Lustgartens in einer Fußgängerzone enden zu lassen, erteilte Müller jedoch eine Absage. „Das wird nicht möglich sein, wir können nicht die ganze historische Mitte zur verkehrsberuhigten Zone machen. Wir werden erst einmal sehen, wie sich die Besucherströme tatsächlich entwickeln“, sagte der Regierende Bürgermeister. Man erwarte jährlich bis zu vier Millionen Besucher.

Moderator Hajo Schumacher brachte schließlich zur Sprache, was trotz der allgemeinen Schlosseuphorie auch zur Wahrheit gehört: „Alle reden immer nur über die Baukosten – was kostet eigentlich der laufende Betrieb?“ Müller bezifferte die geschätzten Kosten für den jährlichen Unterhalt auf rund 50 Millionen Euro. „Es ist klar, dass die Eintrittsgelder keinesfalls kostendeckend sein werden“, sagte Müller. Mit hohen Eintrittsgeldern würde man „Hürden errichten, die wir nicht wollen“, sagte er.

Streit um Kommerz

Den Vorschlag aus dem Publikum, die Vielzahl der im Schloss zur Verfügung stehenden Räume auch für Kongresse zu vermieten, damit so Geld eingenommen werde, lehnte Müller jedoch ab. „Kommerzielle Veranstaltungen passen nicht ins Schloss, dafür haben wir in der Stadt andere Orte. „Konferenzen dagegen, wie beispielsweise der G-8-Gipfel“, ergänzte Schlossförderer Wilhelm von Boddien, könnten durchaus im Humboldt-Forum stattfinden. Morgenpost-Autor Jochim Stoltenberg appellierte an den Bund, zu seiner Verantwortung auch beim Betrieb des Humboldt-Forums zu stehen. „Der Bund hat uns das Schloss hingestellt und kann den Rest jetzt nicht Berlin überlassen“, sagte er.

Dass der Betrieb des größten Kulturbauvorhabens der Nachkriegszeit „richtig Geld kostet“, so Schlossförderer von Boddien, sei allen Entscheidungsträgern klar gewesen. Boddien verwies auf das New Yorker Metropolitan Museum of Art (Met), das einen jährlichen Etat von 150 Millionen Dollar habe. „Wenn der Gründungsintendant Neil MacGregor ein Fürst ohne Geld wird, wird er scheitern“, warnte Boddien.

Auch die Frage aus dem Publikum, warum Boddien mit seinem Schlossverein nicht auch Geld für die historische Ausgestaltung zumindest einiger Innenräume sammle, wies dieser mit Verweis auf die hohen Kosten ab. „Wir brauchen 105 Millionen Euro Spenden für die Rekonstruktion der Fassaden, der Innenportale und der Kuppel – das ist schon mal eine erhebliche Aufgabe“, sagte Boddien. Inzwischen habe der Verein mehr als die Hälfte dieser Mittel einsammeln können und der Rest werde bis zur geplanten Eröffnung des Humboldt-Forums auch zusammenkommen, gab sich Boddien überzeugt.

„Löcher wird es nicht geben“

Eine Leserin regte an, Lücken in der Barockfassade mit hängenden Gärten, wie sie etwa Dussmann in seinem Geschäft an der Friedrichstraße habe, zu verdecken: „Das würde doch auch gut zum Naturforscher Alexander von Humboldt passen“, sagte sie. „Löcher in der Fassade wird es nicht geben“, erteilte Boddien diesem Vorschlag jedoch eine Absage. Und fügte hinzu, dass es den vielen Spendern nicht zuzumuten sei, Geld für die historische Rekonstruktion des 1950 gesprengten Schlosses zu geben, „nur damit die Fassade dann sofort hinter Grünzeug verschwindet.“