Flüchtlinge

Endlich medizinische Hilfe für Flüchtlinge am Lageso

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Joachim Fahrun
Die freiwillige Helferin Sarah Tkotsch verteilt Getränke auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales

Die freiwillige Helferin Sarah Tkotsch verteilt Getränke auf dem Gelände des Landesamts für Gesundheit und Soziales

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Die Lebensmittel-Verteilung der Freiwilligen am Lageso ist eingeschränkt worden. Es gibt aber eine Einigung mit der Behördenleitung.

Berlin ringt um den Umgang mit den Flüchtlingen. Obwohl der Senat am Dienstag ein Flüchtlingskonzept beschlossen und einen Koordinierungsstab eingerichtet hat, sind viele Fragen ungeklärt. Dabei stellt die langfristige Integration der Menschen ebenso ein Problem dar wie kurzfristig die weiterhin krisenhafte Lage an der Moabiter Erstaufnahmestelle an der Turmstraße.

Auch am Donnerstag lagerten die Menschen wieder zu Hunderten auf dem runtergetretenen Rasen vor der Erstaufnahmestelle. Etwas weniger Flüchtlinge als in den vergangenen Tagen warteten auf dem Gelände. Allein am Dienstag sprachen nach Angaben der Senatsverwaltung für Soziales 1850 Asylbewerber im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) vor, darunter 600 bereits in der Leistungsstelle Registrierte. Auch viele Flüchtlinge mit einer Nummer kamen erneut.

Ehrenamtliche Helfer berichteten, dass manche Flüchtlinge schon den dritten Tag in Folge vor der Absperrung ausharrten, weil ihr Anliegen zunächst trotz ausgeweiteter Bürozeiten nicht bearbeitet werden konnte.

Ultimatum der Helfer

Die Lage an der Turmstraße war auch am Donnerstag angespannt. Offizielle Helfer waren wie schon zu Wochenbeginn nicht zu sehen. Stattdessen waren es Ehrenamtliche, die Wasser und Essen verteilten, die vielen Spenden einsammelten und die Weitergabe an die Menschen organisierten. Aber die Helfer fühlen sich von der Politik und dem Landesamt im Stich gelassen. „Es gibt keine humanitäre oder medizinische Versorgung auf dem Gelände außer durch uns“, sagte Diana Henniges von der Initiative „Moabit hilft“ am Mittag.

Schließlich drohten die Ehrenamtlichen, von Freitag an die Arbeit einzustellen, wenn Professionelle nicht die Koordination übernehmen und sie entlasten. Bisher habe es noch nicht einmal ein offizielles Dankeschön gegeben. Erst nach diesem Ultimatum erklärte sich Lageso-Präsident Franz Allert zu einem Gespräch mit der Initiative bereit.

Ohne die Helfer drohe eine hygienische Katastrophe

Dabei ist vor allem die gesundheitliche Situation vieler Flüchtlinge kritisch. Pro Tag sammeln die Helfer etwa ein Dutzend Personen aus der Menge, denen Medikamente wie Insulin fehlen, die an Bluthochdruck oder an akuten Krankheiten leiden. Die meisten dieser Menschen seien erst auf Initiative der freiwilligen Helfer versorgt und ins Krankenhaus gebracht worden, berichtete Henniges. Ohne die Helfer drohe eine hygienische Katastrophe, vor allem wenn die Zahlen, wie üblich am Montag, wieder nach oben gehen.

Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) hatte bereits am Mittwoch die hygienischen, medizinischen und humanitären Bedingungen vor der Zentralen Aufnahmestelle kritisiert. Der Senat müsse mehr Toiletten, Waschmöglichkeiten, Decken und muttersprachliche Informationen bereitstellen, forderte er.

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Am Nachmittag folgte der nächste Konflikt zwischen Behörden und den Ehrenamtlichen der Initiative „Moabit hilft“: Mitarbeiter des Gesundheits- und Veterinäramtes kontrollierten die Arbeit der Helfer. Sie monierten die hygienischen Bedingungen, unter denen „Moabit hilft“ frisches Obst und Brote für die stundenlang auf ihre Registrierung wartenden Flüchtlinge zubereitet.

„Wir sind anonym angezeigt worden“, sagte Henniges. Es sei aber nicht den ehrenamtlichen Helfern geschuldet, dass sie auf Packkartons mit Lebensmitteln hantieren müssen, weil Tische fehlen. Das Gesundheitsamt erteilte die Auflage, dass nur noch verpackte Kekse und verpacktes Obst verteilt werden dürfe. Zugleich lobte die Sozialverwaltung den „sehr engagierten“ Einsatz von „Moabit hilft“. „Die humanitäre Unterstützung, die diese Initiative dort leistet, war und ist absolut unverzichtbar“, teilte Sprecherin Regina Kneiding mit.

Am Ende ein Konsens

Nach dem Gespräch zwischen Allert und der Initiative entspannte sich die Lage am frühen Donnerstagabend. Die freiwilligen Flüchtlingshelfer und die Behördenleitung erzielten einen Konsens. „Wir haben die Situation ein wenig befrieden können“, sagte Diana Henniges. Als wichtigste Zusage wertete sie, dass medizinische Versorgung zugesagt wurde. Von Montag an werde ein Arzt samt Assistenz und medizinischem Equipment für die Flüchtlinge auf dem Gelände sein.

Auch Bezirksbürgermeister Hanke zeigte sich zuversichtlich. „Das war ein konstruktives und kooperatives Gespräch“, sagte er. Es sei Vertrauen hergestellt und auf Augenhöhe debattiert worden. Verabredungen seien getroffen worden und müssten nun umgesetzt werden.

Laut Hanke ist „Moabit hilft“ weiter eingebunden, es solle jedoch ab kommender Woche ein Wohlfahrtsverband die Betreuung vor dem Lageso steuern. Auch der Bezirk arbeite bei der Sicherstellung von Wasser- und Essensausgabe sowie der Bereitstellung von Toiletten mit. Es habe Einigkeit bestanden, dass ärztliche Betreuung nötig ist. Dazu sei Lageso-Chef Allert mit den Johannitern im Gespräch, sagte Hanke. „Wir hatten hier heute einen Flüchtling, der hatte noch ein Schrapnell im Auge - sowas muss behandelt werden“, schilderte er.

( mit ab und dpa )