#LaGeSo

Hunderte Flüchtlinge warten auf ein Stück Papier

Hunderte Flüchtlinge warten in der Hitze am Landesamt in Berlin-Moabit. Es kommt zu Tumulten. Am Abend gibt es doch eine Lösung.

Es ist unfassbar schwül. Manchen der Hunderten Flüchtlinge in der Erstaufnahmestelle in Moabit steht das Unbehagen ins Gesicht geschrieben. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie müssen warten. Auf ein kleines Stück Papier mit einer Nummer drauf, das ihnen vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) ausgehändigt wird. Es ist genau ein Mitarbeiter des Landesamtes, der dafür zuständig ist. Bis mittags sollen es über 230 Nummern gewesen sein, die er vergeben hat. Um 12.30 Uhr ist die Schlange abgearbeitet.

Die Menschen, die Tausende Kilometer Fluchtweg hinter sich haben, sind auf andere angewiesen. Bevor sie nicht diese Abfertigungsnummer haben, können sie sich auch nicht um eine Unterkunft in Berlin kümmern oder andere Termine vereinbaren. Bis dahin müssen sie auf dem ehemaligen Krankenhausgelände an der Turmstraße warten. Viele von ihnen kampieren bereits seit Tagen dort, teilweise auf dem blanken Boden.

Es stehen zwei provisorische Zelte von Hilfsorganisationen auf dem Gelände, die Räume im Landesamt sollen zu klein sein, wohin also, wenn es nass wird? Burkhard Hochheimer, ehrenamtlicher Arzt der Caritas, sagt: "Die Menschen hier brauchen Schirme – Schutz vor der Sonne und vor Regen."

Hatte man tagsüber noch befürchtet, die Menschen nicht unterbringen zu können, gibt es am Abend doch eine Lösung. Alle Flüchtlinge sollen einen Schlafplatz in einer Unterkunft in Köpenick bekommen, sagt Lageso-Chef Franz Allert. BVG-Busse bringen die Asylbewerber in eine neu bereitgestellte Notunterkunft an der Köpenicker Allee in Karlshorst, in die am Freitag die ersten Bewohner eingezogen waren. Auch die Stadtmission stellt Schlafplätze zur Verfügung.Gegen 20.30 Uhr haben bereits 150 Menschen das Gelände der Sozialbehörde verlassen.

Verzweifelte Familien

Mareike Wenzel hat über Facebook eine Gruppe gegründet, in der Hilfe von Freiwilligen koordiniert werden kann. Sie ist seit morgens hier und findet die Beteiligung toll. Und trotzdem sagt sie: "Es ist eine Schande, dass in einer Stadt wie Berlin Hunderte nicht wissen, wo sie hinsollen. Hier gibt es leer stehende Gebäude, und niemand öffnet die Türen für die Flüchtlinge.?"

Trotzdem ist es sehr friedlich an diesem Tag. Donnerstag sah das noch anders aus. Da gab es noch keine zentrale Sammelstelle für Spenden. Es ging chaotisch zu. Am Freitag sind es Caritas und Malteser, die diese koordinieren. Caritas-Chefin Ulrike Kostka sagt, dass es gut klappe. "Gespendet werden vor allem Wasser, Obst und Hygieneartikel." Was sie nicht annehmen könnten, sei Kleidung. Dennoch kommen immer wieder verzweifelte Familien mit schreienden Kindern, die nicht wissen, wo sie heute Nacht schlafen können.

"Wo sollen wir fragen?", bricht es die ganze Zeit aus einer Mutter mit Baby auf dem Arm heraus. Niemand weiß so richtig eine Antwort. Kostka sagt, die Caritas habe zumindest 100 Flüchtlingen über das Wochenende eine Unterkunft in Kirchenräumen organisiert. In denen des Landesamtes kamen sie nicht unter.

Trotz Koordinierung kann man in manchen Momenten beobachten, wie die Security zur Geduld aufrufen muss, wenn ein Auto mit Spenden vor einem der Gebäude hält. "Durch die Kanalisierung setzt sich nicht mehr nur der Stärkere durch, sondern auch Kinder und alte Menschen können versorgt werden", sagt Kostka.

Die Spendenbereitschaft der Berliner ist so groß, dass die die Helfer bei der Koordination zum Teil überfordert sind. So konnten zeitweise keine Spenden mehr angenommen werden. Lebensmittel wurden auch an mehrere Notunterkünfte weitergegeben, sagt Lageso-Chef Franz Allert. Am Freitag lieferten die berliner Wasserbetriebe 4000 Literb Trinkwaser an. Ab Montag dann sollen so genante "Wasserbars" bereit stehen, an denen sich die Asylbewerber selbst Wasser zapfen können.

Es gibt auch Momente mit glücklichen Gesichtern. Für diese kleinen, aber vor allem wichtigen Dinge ist vor allem ein Haufen Freiwilliger verantwortlich, der den Wartenden helfen will. Über Facebook und den Hashtag #LaGeSo auf Twitter formieren sich die Berliner, die Spenden bringen. Gemeinsam koordinieren die Helfer, wie, wann und wohin sie Windeln, Obst, Isomatten und auch Wasser bringen sollen.

Zwei Festnahmen bei Tumulten

Am späten Nachmittag kommt es kurzzeitig zu tumultartigen Szenen, als etwa 15 Flüchtlinge gewaltsam in das Gebäude eindringen wollen und vom Sicherheitsdienst zurückgedrängt werden. Daraufhin fliegen Flaschen und andere Gegenstände in Richtung der Security-Mitarbeiter, die schließlich die Polizei alarmieren. Die eintreffenden Beamten nehmen zwei Männer fest, einmal müssen sie Pfefferspray einsetzten. Daraufhin beruhigt sich die Lage schnell. Ein Flüchtling erleidet bei den Tumulten Verletzungen.

Am Freitag wies Sozialstaatssekretär Dirk Gerstle Vorwürfe zurück, das Lageso habe die Menschen stundenlang bei großer Hitze ohne jegliche Wasserversorgung warten lassen. Es sei Wasser verteilt worden, mit der Kritik werde das Engagement der Landesamtsmitarbeiter herabgewürdigt. Gerstle räumte ein, dass die Situation der wartenden Flüchtlinge auf dem Gelände sehr problematisch sei. Das ehrenamtliche Engagement der vielen Helfer sei lobenswert, allerdings sei wichtig gewesen, es zu koordinieren. Das habe dank des Einsatzes der Caritas am Freitag besser funktioniert.

Anzeige gegen Senator gestellt

Gegen 18.30 Uhr twittert dann der Berliner Abgeordnete Oliver Höfinghoff (ehemals Piratenpartei): "Ich habe gerade Strafanzeige gegen @MarioCzaja wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet." Am Freitagabend sollte das Gelände, wie immer vor dem Wochenende, abgeschlossen werden. Ob das auch diesmal möglich war, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Bislang hatte der Wachdienst nicht das Problem, dass dort Menschen übernachten, weil sie noch nicht registriert sind und daher keine Unterkunft haben. (Mitarbeit: ab, mst)

Müller lädt zu kurzfristigen Beratungen ein

In Berlin lud der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Freitag kurzfristig die Fraktionsspitzen der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien zu einem Gespräch über die Lage der Flüchtlinge in der Stadt ein. Anlass sei zum einen der Stand der Unterbringung gewesen, zum anderen die dramatische Situation bei der Erstaufnahme, sagte Senatssprecherin Daniela Augenstein nach dem Treffen.

An dem Gespräch nahm auch Gerstle teil, mit dem Müller zuvor die Lage erörtert hatte. Bei dem Gespräch mit den Fraktionschefs sei es weniger um Ergebnisse gegangen, als vielmehr um Informationen aus erster Hand über die Situation in Moabit und das Vorgehen der Sozialverwaltung, erklärte Augenstein.

Zuvor hatte sich die Kritik der Opposition an den Zuständen zugespitzt. In Berlin werde die Einleitung von Asylverfahren verschleppt, rügten die Grünen. Der Regierende Bürgermeister müsse den Umgang mit Flüchtlingen in der Hauptstadt zur Chefsache machen. Die Linke nannte die Politik von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) "verantwortungslos".

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