Andreas Knieriem

Zoochef will Panda-Pärchen nach Berlin holen

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Isabell Jürgens; Katrin Lange
Dr. Andreas Knieriem, Direktor von  Zoo und Tierpark

Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark

Foto: Reto Klar

Zoo- und Tierpark-Direktor Andreas Knieriem stellt einen neuen Publikumsliebling in Aussicht – aber auch höhere Eintrittspreise.

Kaum hatte Andreas Knieriem vor gut einem Jahr seinen Job als Direktor des Berliner Zoos und des Tierparks Friedrichsfelde angetreten, schockte er die klamme Hauptstadt. Der Grund: Er legte allein für die Neugestaltung des defizitären Tierparks einen Finanzbedarf von 92 Millionen Euro vor. Dafür, so verspricht der Veterinärmediziner, der zuvor als Direktor die Geschicke des Münchener Tierparks Hellabrunn und des Zoos in Hannover leitete, soll aus der verstaubten Anlage ein moderner Erlebnis-Zoo mit Seilbahn und künstlichen Kontinenten werden. Als Hauptattraktion für den Zoologischen Garten in der City West setzt sich der 49-Jährige dagegen für einen schwarz-weißen Neuzugang mit plüschigem Fell ein: Berlin, verrät er im Interview mit der Berliner Morgenpost, bemüht sich um ein Panda-Pärchen.

Berliner Morgenpost: Sie sind aus der reichen Stadt München nach Berlin gekommen. Passen Ihre teuren Umgestaltungspläne für den Tierpark Friedrichsfelde zur hochverschuldeten Hauptstadt?

Andreas Knieriem: Eins vorweg: Der Tierpark hat in den vergangenen 20 Jahren noch viel mehr Geld ausgegeben. Unsere Pläne sind nicht teuer – im Vergleich zu anderen Zoos sogar sehr preiswert. Ich bin grundsätzlich dafür, die Zahlen offen auf den Tisch zu legen. Mit dem Ziel- und Entwicklungsplan für den Tierpark haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme, Bewertung und Planung vorgenommen und sind am Ende auf die Summe von 92 Millionen Euro gekommen. Um den Tierpark in einen zeitgemäßen, modernen Zooerlebnispark umzuwandeln, benötigt es leider etwas Geld. Aber alles andere ist unrealistisch. Unehrlichkeit haben wir schon genug in der Stadt, da sage ich deshalb ganz ehrlich, was erforderlich ist, um alles so wie geplant umzusetzen.

Und woher soll das Geld kommen?

Man muss ja nicht alles aus einem Landeshaushalt stemmen, die Summe kann man auf unterschiedliche Fördertöpfe verteilen. Zudem darf man nicht vergessen, dass diese Summe in drei Bauphasen über 15 Jahre hinweg ausgegeben werden soll. In Hannover haben wir 50 Millionen Euro aus der Landeskasse benötigt, um den kränkelnden Zoo zu einem Erlebniszoo zu machen, der sich aus seinen Einnahmen finanzieren kann. Und wenn wir nicht alles so wie in unserem Konzept vorgeschlagen umsetzen wollen, dann ist das auch gut. Aber erstmal sage ich, das Geld wäre gut angelegt.

Braucht Berlin wirklich zwei Zoos?

Die erste Frage ist doch, ob Berlin überhaupt einen Zoo braucht. Das ist die Frage, die uns ganz viele Besucher auf den Tisch legen. Meine Antwort darauf: Es ist unsere Aufgabe, die Menschen für das Thema Tiere und Natur zu begeistern. Punkt.

Und weiter?

Daraus ergibt sich die zweite Frage, wie macht man das? Vor dem Fernseher gelingt das nicht, das ist nicht wahrnehmbar und nicht haptisch genug, um anhaltend zu wirken.

Dann würde aber auch ein Zoo genügen...

Im Zoologischen Garten begrüßen wir mehr als drei Millionen Besucher pro Jahr, sind damit Spitzenreiter in Europa. Kommen Sie mal im August in den Zoo, wenn wir täglich 15.000 bis 17.000 Besucher haben – davon sind zwei Drittel Touristen. Sehr viel mehr geht nicht. Und das wollen wir auch gar nicht, wir wollen den Stand halten. In einer Stadt wie Berlin mit 3,5 Millionen Einwohnern, einer weiteren Million im Umland und dazu noch den zwölf Millionen offiziell registrieren Touristen im Jahr reicht ein Zoo nicht aus, eigentlich genügen noch nicht einmal zwei Zoos. München beispielsweise hat etwa 4,5 Millionen Einwohner in der Metropolenregion und gleich zwei Zoos, Hellabrunn und Augsburg. Hätten wir in Berlin nur einen, müssten wir noch einen bauen.

Und was wollen Sie im Zoo verändern?

In beiden Einrichtungen müssen wir schauen, wie wir die gesetzlichen Verpflichtungen zum Tier- und Artenschutz erfüllen und gleichzeitig den Menschen ein attraktives Freizeitangebot machen. Meine eigene Frau ist rückwärts wieder aus dem Raubtierhaus im Zoo herausgegangen. Diese gekachelten Käfige sehen leider aus wie Toilettenanlagen. Sie haben mit der Naturvermittlung, für die wir uns ja zuständig fühlen, nicht viel zu tun. So lange wir solche Käfige noch haben, können wir noch so attraktive Gazellenfreianlagen haben, das interessiert den Besucher dann nicht. Er nimmt mit, dass die für ihn wichtigen Tierarten nicht gut gehalten werden. Nicht der Biologe verteilt die Noten, sondern der „normale“ Besucher bewertet uns. Wir wollen unsere Botschaft herüberbringen und dem Besucher zeigen, dass wir unsere Tiere nach bestem Wissen und Gewissen halten. Unser nächstes großes Bauvorhaben wird das Raubtierhaus sein. Die Katzen benötigen artgerechte, naturnahe Landschaften.

Brauchen wir einen zweiten Knut?

Es ist nicht nachhaltig, den Erfolg eines Zoos an einem Tier festzumachen, das dann auch noch eine Handaufzucht ist. Das vermittelt einen falschen Eindruck. Denn wir tun alles dafür, dass das Junge möglichst beim Muttertier bleibt. Wir sind verpflichtet, die Tiere so aufzuziehen, dass sie die sozialen Kompetenzen ihrer Art entwickeln können. Bei dem Orang-Utan-Mädchen Rieke, das im Januar geboren und von seiner Mutter verstoßen wurde, haben wir uns deshalb dafür entschieden, es wegzugeben, damit es ein affentypisches Leben mit anderen Orang-Utans führen kann. Eine Handaufzucht konterkariert ja geradezu unseren Versuch, den Menschen die Natur nahezubringen.

Haben Sie dennoch Verständnis für die innige Beziehung, die viele Berliner zu ihren Zootieren haben?

Diese innige Beziehung spüren wir täglich. Viele Berliner spenden dem Zoo viel Geld, und dafür sind wir sehr dankbar. Dank der Spenden und Erbschaften benötigen wir im Zoo keine Zuschüsse aus öffentlicher Hand, und darauf sind wir sehr stolz. Dass in Berlin der Zoo und all seine Tiere etwas Besonderes sind, merkt man nicht nur an den Spenden, sondern auch an solch starker Identifikation wie der Vergabe von Namen. Hier heißen die Flusspferde Knautschke, und man hat das Gefühl, dass man sich diese Riesenkartoffel ins Wohnzimmer holen kann. Diese Berliner Eigenart respektiere ich sehr.

Bao Bao war auch ein großer Publikumsliebling. Bekommen wir noch mal einen Panda?

Wir arbeiten daran und versuchen, die hohe Politik dafür zu begeistern. Wir haben schon einige Gespräche geführt, auch mit China. Dass wir Pandas halten können, haben wir mit Bao Bao, dem ältesten Panda der Welt (Bao Bao wurde 34, d. Red.), bewiesen. Natürlich würden Pandas heute im Zoo ganz anderes untergebracht – nicht mehr in solch einem Aquarium, sondern in einem eigenen artgerechten Gehege. Eine komplett neue Anlage, die dann auch beim Besucher das Gefühl auslöst, es geht den Tieren hier gut.

Im Zoo oder im Tierpark?

Ehrlich gesagt, würden wir den Panda dann im Zoo zeigen.

Warum nicht im Tierpark?

Man muss für die Tiere viel Geld an China zahlen. Die Chinesen finanzieren damit ihr Panda-Schutzprogramm, das finden wir auch gut und richtig. Solch eine Anschaffung muss deshalb refinanziert werden und das funktioniert bisher nur im Zoo. Zudem glaube ich nicht, dass eine einzelne Tierart den Tierpark rettet. Aber da man das Pärchen – denn die Pandas werden ja als Paare vermittelt – ohnehin zeitweise trennen muss, könnte das Männchen zeitweise in den Tierpark ziehen. Ich bin überzeugt, dass wir den Tieren eine gute Heimat geben und die Chinesen überzeugen können.

Was kostet ein Panda?

Etwa eine Million Dollar muss man für ein Pärchen zahlen. Als Leihgebühr versteht sich, die Tiere werden ja nicht verkauft. Wir würden das Geld nicht zahlen, wenn es nicht tatsächlich in China zum Artenschutz für die Tiere verwendet würde.

In Hannover kostet der Eintritt in den Erlebniszoo 25 Euro, in Friedrichsfelde zwölf und im Zoo 13 Euro. Womit müssen die Berliner rechnen, wenn Sie aus dem Tierpark ein Disneyland gemacht haben?

Preis und Leistung müssen passen. Derzeit sind wir mit zwölf, beziehungsweise 13 Euro im bundesweiten Zoovergleich wirklich sehr günstig. Natürlich wird es auch bei uns Preisanpassungen geben. Die Kosten für Energie, Personal etc. steigen, und dann sind Anpassungen unabwendbar. Attraktive Familienangebote und Jahreskarten sollen zudem dafür sorgen, dass der Besuch für die Berliner nicht zu teuer wird. Und im Übrigen ist Disneyland für mich absolut kein Schimpfwort, sondern ein großes Lob, weil die Tiere in Animal Kingdom, den Disneyzoo, hervorragend gehalten werden. Die Kollegen in Animal Kingdom sind weltweit bekannt für gute Tierhaltung und Artenschutz. Wir in Berlin stehen auch gut da: In der Gesamtleistung sind wir mit rund 500 Mitarbeitern der größte Zoobetrieb Europas mit dem größten Zootierbestand der Welt und den weltweit meisten Artenschutzprogrammen.