Gesundheitsversorgung

Charité und Vivantes behandeln gemeinsam Krebspatienten

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Andreas Abel

Gemeinsam gegen den Krebs

Charité und Vivantes intensivieren ihre Zusammenarbeit: Sie eröffnen ein gemeinsames Zentrum zur Behandlung von Tumorerkrankungen.

Video: Abendschau, RBB
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Die Charité und das Vivantes Netzwerk für Gesundheit haben ein gemeinsames Versorgungszentrum für Tumorpatienten eröffnet.

Wenn das Universitätsklinikum Charité und der kommunale Klinikkonzern Vivantes miteinander kooperieren, wer profitiert dann davon? „Ganz klar, die Patienten“, sagt Vivantes-Chefin Andrea Grebe. Am Donnerstag wurde am „Klinikum im Friedrichshain“ ein neues Kapitel der Zusammenarbeit zwischen den Schwergewichten im Berliner Gesundheitsbereich aufgeschlagen, die einst eher gegeneinander arbeiteten. Sie eröffneten das erste gemeinsame Medizinische Versorgungszentrum (MVZ). Das Zentrum bietet den Patienten universitäre Medizin mit hochpräzisen Bestrahlungstechniken zur Behandlung von Tumorerkrankungen.

Mit zwei Linearbeschleunigern der neuesten Generation sowie einem hochmodernen Computertomographen soll das MVZ die Gesundheitsversorgung in der gesamten Hauptstadtregion verbessern. Es wird eng mit den Kliniken der beiden Partner sowie mit den ambulant tätigen Fach- und Hausärzten zusammenarbeiten. Der formulierte Anspruch ist hoch: „Für alle Patienten die optimalen Voraussetzungen für eine individuelle Therapie auf Höhe des medizinischen Fortschritts“ anzubieten.

Auf den Millimeter genau

Das sollen vor allem die beiden baugleichen Linearbeschleuniger leisten, mit denen die Strahlentherapie durchgeführt wird. Sie ermöglichen, den Bestrahlungsbereich millimetergenau abzugrenzen und die Dosis der Bestrahlung zu den Rändern hin abzustufen. Kollateralschäden der Behandlung und die Zerstörung gesunden Gewebes können so vermieden werden. In dem Versorgungszentrum könnten alle Arten von Tumoren behandelt werden, bei denen eine Strahlentherapie medizinisch geboten sei, erläuterte Ulrike Höller, ärztliche Leiterin der Einrichtung. Voraussichtlich würden Brust- und Prostatakarzinome am häufigsten behandelt. Eindrucksvoll sind aber auch die Vorteile der neuen Technologie bei Karzinomen im Hals-Kopf-Bereich, etwa im Rachenraum. Die hochpräzise Bestrahlung ermöglicht etwa, Speicheldrüse und Speiseröhre auszusparen, was in der Vergangenheit kaum möglich war. Von diesen Linearbeschleunigern gibt es im Berlin nur 25 Exemplare.

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Eine wesentliche Rolle spielt auch der sogenannte Planungs-Computertomograph. Er ermöglicht es, den Patienten punktgenau zu vermessen, berücksichtigt sogar die Atmung. Computergesteuert kann die Liegeposition des Patienten und seine Ausrichtung zum Linearbeschleuniger bei jeder Bestrahlung exakt rekonstruiert werden. Tumorpatienten bekommen in der Regel 30 bis 45 dieser Bestrahlungen, jede Behandlung dauert inklusive Ausrichtung des Patienten etwa 15 Minuten. Auch die Mitarbeiter sind begeistert. Stolz tragen sie T-Shirts mit der Aufschrift „Wir strahlen den ganzen Tag.“

Charité und Vivantes teilen sich Kosten von 9,1 Millionen Euro

Die Kapazität beider Geräte ermöglicht es, insgesamt 130 Patienten pro Tag zu bestrahlen, Ulrike Höller rechnet mit etwa 1000 Patienten pro Jahr für das neue Versorgungszentrum. Das können übrigens nicht nur Tumorpatienten nutzen. Auch Tennisarme und Fersensporne können dort behandelt werden. Das MVZ ist in einem Neubau auf dem Friedrichshainer Klinikgelände angesiedelt, der in nur einem Jahr Bauzeit errichtet wurde. Die Kosten belaufen sich auf 9,1 Millionen Euro, wovon ziemlich exakt die Hälfte in die hochmoderne Technik investiert wurde. Die hätte keiner der beiden Partner allein ohne weiteres finanzieren und auch nicht sinnvoll auslasten können. Vivantes hat die Finanzierung gewissermaßen vorgestreckt, über die Behandlungen soll sich die Summe dann refinanzieren. Und auch das muss in Berlin stets ausdrücklich erwähnt werden: Das Projekt blieb im Zeit- und Kostenrahmen.

Beim Festakt zur offiziellen Eröffnung fanden die Festredner nur lobende Worte: „Charité und Vivantes gehen eine neuartige und wegweisende medizinische Kooperation zwischen einem universitären und einem kommunalen Krankenhaus ein. Das hat bundesweit Pilotcharakter“, sagte Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die auch Aufsichtsratsvorsitzende der Charité ist. „Das innovative Projekt schafft viele Synergieeffekte für die Krankenhäuser und wird gleichzeitig die medizinische Versorgung der Patienten weiter verbessern“, sagte Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Es ermögliche eine Behandlung ohne Schnittstellenverluste beim Übergang von der klinischen zur ambulanten Versorgung.

Arbeit auf Augenhöhe

Charité-Chef Karl Max Einhäupl sprach von einem großartigen Signal – für die Wissenschaft, die Krankenversorgung in Berlin und dafür, dass die Zeit des Gegeneinander zwischen den beiden landeseigenen Unternehmen vorüber sei. „Wir sind andersartig, aber gleichwertig“, skizzierte Einhäupl die Position der beiden Partner. Die gemeinsame Arbeit geschehe auf Augenhöhe. „Das ist die medizinische Zukunft Berlins.“ Der Charité-Chef erinnerte auch an die bereits bestehenden Kooperationen, das gemeinsame Labor, das längst eine Blaupause für andere Städte sei, aber auch die Zusammenarbeit beim Einkauf. Sogar ihre Speisepläne haben Charité und Vivantes abgeglichen, um Kosten zu sparen. Dennoch sei die sinnvolle Kooperation nicht der Einstieg in eine komplette Fusion. „Da denkt niemand dran, auch in der Politik nicht“, betonte Einhäupl. Auch Vivantes-Chefin Andrea Grebe betonte die neue Qualität der Zusammenarbeit. „Im Labor geht es um Proben. Jetzt behandeln wir gemeinsam Patienten. Ganz Deutschland guckt auf uns“, sagte sie.