Vermisst in Potsdam

Suche nach Elias - Ein Verbrechen wird wahrscheinlicher

Der sechsjährige Elias bleibt verschwunden. Nun prüft die Polizei, ob eine Verbindung zur vermissten Inga aus Sachsen-Anhalt besteht.

Die Polizei will sich bei der Suche nach dem seit einer Woche vermissten Elias ab jetzt stärker auf ein mögliches Verbrechen konzentrieren. „Je länger der Junge verschwunden bleibt, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass er Opfer einer Straftat wurde“, sagte der Polizeiführer des Einsatzes, Kriminaldirektor Sven Mutschischk, am Dienstag in Potsdam. „Wir ermitteln aber weiter in alle drei Richtungen: Elias könnte verunglückt sein, er ist weggelaufen oder er wurde Opfer eines Verbrechens.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass der Sechsjährige von zu Hause ausgerissen ist, gehe jedoch gegen null.

Die Pressekonferenz war kurzfristig anberaumt worden. Die Polizei gerät in dem tragischen Vermissten-Fall immer mehr unter Erfolgsdruck. Mittlerweile ist ein Flugblatt der freiwilligen Helfer aufgetaucht, das die Stimmung unter ihnen wiedergibt: Am unteren Ende des Zettels steht der Hinweis: „Bitte alle Hinweise ERST an die Einsatzleitung per Telefon durchgeben und NICHT die Polizei anrufen!!“

Viele der Helfern, die seit Tagen zu Hunderten nach Elias suchen, werfen der Polizei vor, sie nicht genug eingebunden zu haben. Die weist das zurück. „Das galt nur für die erste sogenannte Chaosphase, danach hat sich die Zusammenarbeit so gut wie möglich gestaltet“, sagt der Stabsleiter der Polizeidirektion West, der Leitende Polizeidirektor Michael Scharf. Die Hinweise wurden alle aufgenommen, es sei aber nicht Aufgabe der Polizei, eine Freiwilligensuche zu leiten oder zu koordinieren.

Seit einer Woche suchen rund 800 Beamte und Hunderte von Freiwilligen Tag und Nacht fast bis in den letzten Winkel nach dem Jungen aus dem Potsdamer Stadtteil Schlaatz. Selbst die Gullydeckel wurden abgenommen. Täglich sind bis zu 170 Polizisten zum Teil mit Spürhunden im Einsatz, unterstützt durch Kräfte aus anderen Bundesländern. Auch Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Lebensrettungsgesellschaft helfen mit.

314 Hinweise von Bürgern

Bislang gingen laut Polizei 314 Bürgerhinweise ein, 126 davon seien abschließend bearbeitet. Die Beamten stellten zahlreiche Videoaufnahmen sicher. „96 Stunden Bahnhofsaufzeichnung, 80 Stunden an Tankstellen, acht Stunden aus dem nahe gelegenen Rewe-Einkaufsmarkt und 26 Stunden aus Verkehrsmitteln“, so Mutschischk. Insgesamt 210 Stunden Videomaterial. 867 Bilddateien müssten dazu noch ausgewertet werden. Keine einzige Spur führte bislang aber zu dem Jungen. Die Sonderkommission wertet nun auch Übereinstimmungen mit dem Fall der fünfjährigen Inga aus Sachsen-Anhalt aus. Das Mädchen wird seit Anfang Mai vermisst. „Bislang ist aber die einzige Verbindung, dass beide Kinder innerhalb kurzer Zeit verschwunden sind“, sagte er. „Und Sachsen-Anhalt ist nicht weit weg.“

Auch die Eltern sind Bestandteil der Ermittlungen, wie der Polizeiführer bestätigt. Ob sich ein Verdacht allerdings auch gegen sie richte, dazu wolle man aus „polizeitaktischen Gründen nichts sagen“. Mittlerweile hätten Zeugen die Aussage der Mutter bestätigt, dass Elias am Mittwoch, 8. Juli, im Inselhof gespielt habe. „Was wir mit Sicherheit sagen können: Elias ist zwischen 17 und 18.33 Uhr weggekommen“, sagt Mutschischk, der die „Soko Schlaatz“ leitet. Die Ermittlungen hätten bislang Folgendes ergeben: „Der Junge war um 15.45 Uhr von der Mutter im Hort abgeholt worden. Gegen 16 Uhr kamen sie zuhause an.“ Anschließend seien die Mutter und der Lebensgefährte einkaufen gegangen. Als sie zurückkehrten, sahen sie Elias noch im Karree des Häuserblocks spielen. Da war es etwa 17 Uhr. Der Lebensgefährte der Mutter forderte ab 18.33 Uhr bei Freunden und Bekannten Hilfe zur Suche an. Um 19.12 Uhr verständigte die Mutter per Notruf die Polizei.

Der Stabsleiter der Polizeidirektion West, der Leitende Polizeidirektor Michael Scharf, kündigte an, die Polizei werde nicht aufgeben. „Wir wollen diese Woche noch im unmittelbaren Wohnumfeld Am Schlaatz suchen und neben der Nuthe auch die Havel absuchen. Solange wir Hinweise von Bürgern bekommen, gehen wir denen nach.“ Danach werde die Suche nicht aufgegeben, aber heruntergefahren. Er hoffe inständig, dass Elias gefunden werde. Der Einsatz zehre auch an den Kräften der Beamten. Viele von ihnen seien 10 bis 15 Stunden täglich unterwegs, darunter viele Väter und Mütter mit schulpflichtigen Kindern.

Freiwillige brechen bald ab

Die Suchaktion der Helfer hingegen ist ins Stocken geraten. Derzeit seien nicht mehr genügend Freiwillige für Einsätze da, sagte eine Sprecherin. Über 15.600 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe „Suche Elias“ mittlerweile. Im Netz wird seit Tagen gestritten, wie weit die Suchaktionen noch sinnvoll sind. Nur die Anlaufstelle der Helfer am Schlaatz wird wohl noch einige Tage aufrechterhalten.

Die Initiative „Vermisste Kinder“ lässt in Berlin die offiziellen Suchplakate der Polizei auf digitalen Infotafeln schalten. Bis Freitag sollen sie auf 17 Bildschirmen an Hauptbahnhof, Friedrichstraße, Potsdamer Platz, Ostbahnhof, Zoologischer Garten und Gesundbrunnen zu sehen sein.

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