Hörschäden

Auf Musikfestivals im Kampf gegen den Tinnitus

Freiwillige verteilen auf Festivals Ohrenstöpsel. Denn von einem Konzert mit dröhnendem Bass kann ein Ohrgeräusch auf Dauer bleiben.

Foto: Marion / Marion Hunger

Im Nachhinein ist es schwer zu sagen, ob es wohl anders gekommen wäre. Wenn die Gefahr schon damals allen bewusst gewesen wäre – ihren Eltern zum Beispiel, und den Betreuern im Jugendzentrum. Nicht zuletzt ihr selbst.

Seit neun Jahren hat Anita Melis, Jahrgang 1994, ein chronisches Ohrgeräusch. Zum ersten Mal bemerkbar machte sich der Tinnitus, nachdem sie mit zwölf Jahren angefangen hatte, in einer Jugendband zu singen und E-Gitarre zu spielen. Selbst geschriebene Musik zumeist, rockige Stücke, laut war es immer. „Einen Ohrschutz hatte ich nie, und die anderen auch nicht. Über so etwas haben wir weder nachgedacht noch geredet, auch nicht mit den Betreuern. Es ging einfach um den Spaß.“

Schäden in der Hörschnecke

Heute redet Anita Melis häufig über das Thema, gerade mit jungen Leuten, die eben das wollen: einfach Spaß haben. Auf Musikfestivals und Open-Air-Konzerten ist sie gemeinsam mit meist neun anderen Ehrenamtlichen unterwegs, sucht das Gespräch mit den Besuchern, klärt über die Risiken dröhnender Bässe für die Haarzellen in der Hörschnecke unseres Innenohres auf, verteilt Ohrstöpsel.

Begonnen hat die Aufklärungskampagne der Deutschen Tinnitus-Stiftung Charité unter dem Titel „Ich höre was, was du nicht hörst“, für die während der Festivalsaison im Sommer allein mehr als 60 Freiwillige aus Berlin aktiv sind, mit dem Berlin Summer Rave 2012. Innerhalb von zwei Stunden verteilten die Volunteers damals 1000 Paar Ohrstöpsel. „Da reicht die Hosentasche nicht mehr“, sagt Anita Melis. „Wir gehen mit Stoffbeuteln herum, und die Reaktionen sind meistens positiv.“

Neun Veranstaltungen besucht das Team der Stiftung in der laufenden Saison, vier davon in Berlin. „Dabei wird häufig die maximal empfohlene Dezibelgrenze von 105 dB weit überschritten“, weiß Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums an der Charité und Vorsitzende der Stiftung. Am Arbeitsplatz dagegen muss laut Vorschrift bereits bei 85 Dezibel ein Gehörschutz getragen werden.

Beim Lollapalooza wieder dabei

Zu den nächsten zwei Festivals noch im Juli in Sachsen-Anhalt reist Melis nicht mit, im September beim Lollapalooza auf dem Tempelhofer Feld dagegen will sie wieder dabei sein. Überrascht, sagt die 21-Jährige, zeigten sich zumeist die jüngeren Musikfestbesucher. „Viele sind kaum informiert und sagen, was, Tinnitus kriegt man doch erst im Alter.“ Aber auch mit einer anderen Beobachtung hatte die Studentin anfangs gar nicht gerechnet: „Unter den Leuten so ab Mitte, Ende 20 haben einige schon Ohrstöpsel dabei, aber es sind auch erstaunlich viele, die sagen, sie hätten bereits einen Tinnitus.“

Auf mehr als elf Millionen Betroffene schätzen Experten in Deutschland die Verbreitung des psychoakustischen Phänomens, hinter dem eine Fehlverarbeitung von Lautsignalen im Gehirn steht. Für die Hauptstadt entspräche das statistisch etwa 464.000 Menschen. Zur Heilung führt auch eine Behandlung nicht, das Pfeifen, Piepsen oder Rauschen im Ohr bleibt ständiger Lebensbegleiter. Anita Melis hat sich damit arrangiert. „Man kann den Tinnitus als störend empfinden oder ihn ins Leben integrieren.“ Sie wählte den zweiten Weg, vermeidet heute neben zu großer Lärmbelastung auch zu viel Stress, der als eine der Tinnitus-Ursachen gilt.

Mit dem Tinnitus intensiv beschäftigt

Als die Schönebergerin 2014 ihr Abitur machte, legte sie ihre Präsentationsprüfung in den Fächern Biologie und Psychologie zum Thema Tinnitus ab. Bei den Lehrern fand das unerwartete Beachtung. „Manche haben sich nur aus Interesse in die Prüfung gesetzt.“ Eine Lehrerin, die selbst unter Tinnitus litt, bedankte sich im Anschluss bei ihr.

Über die intensive Beschäftigung mit dem Thema stieß Melis auch auf die Stiftung, die 2011 am Tinnituszentrum der Charité gegründet worden war und sich, neben der Forschung, der Sensibilisierung der Öffentlichkeit widmet. „Seit ich weiß, wie viele Menschen das betrifft, möchte ich auf jeden Fall auch darauf aufmerksam machen, was man selbst präventiv tun kann“, sagt Anita Melis. Noch im Jahr ihres Abiturs ließ sie sich an der Charité für die Einsätze auf Festivals schulen. Inzwischen ließ sich eine ihrer Freundinnen anstecken.

Nächstes Jahr will sich eine weitere anschließen. Jeden dritten bis sechsten Festivalbesucher könnten die Ehrenamtlichen bei ihren Einsätzen erreichen, sagt Birgit Mazurek. Noch fehlen der Stiftung bisher allerdings Geld und Personal, um weitere geplante Projekte umzusetzen. „In den letzten drei Jahren wurden wir immer wieder von Schulen angesprochen“, sagt Mazurek. Dort sei der Handlungsbedarf erkannt, eine Einarbeitung des Themas in die Lehrpläne erwünscht.

Prävention früh beginnen

Für die Medizinerin ist Information gerade in jungen Jahren dringend notwendig: „Weil immer mehr Jugendliche an Tinnitus erkranken, ist es wichtig, so früh wie möglich mit der Präventionsarbeit zu beginnen.“ Dass das Alter eine Rolle spielen kann, weiß auch Anita Melis. Als sie mit 17, 18 Jahren – längst selber Tinnitus-geschädigt – viel in Clubs und zum Feiern ausging, waren Ohrstöpsel noch immer kein Thema. „Ich hatte nie welche. Es wäre mir auch unangenehm gewesen“, sagt sie. „Früher dagegen, mit zwölf Jahren, wenn mich damals schon jemand dazu angehalten hätte, hätte ich das vielleicht noch akzeptiert.“