GEW

Berlins Jugendämter hissen wegen Überlastung die weiße Fahne

Die Sozialpädagogischen Dienste fühlen sich völlig überlastet. Dem Senat werfen sie vor, sie im Stich zu lassen.

Die Mitarbeiter der Berliner Jugendämter haben am Mittwoch wieder weiße Laken aus ihren Fenstern gehängt. Sie wollen damit auf ihre Überlastung aufmerksam machen. Schon Ende Dezember 2013 hatten die Regionalen Sozialpädagogischen Dienste (RSD) symbolisch die weiße Fahne gehisst. Geändert habe sich seither für die Beschäftigten nichts, heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Kerstin Kubisch-Piesk ist GEW-Mitglied und RSD-Regionalleiterin im Bezirksamt Mitte. Ein Mitarbeiter betreue derzeit zwischen 80 und 90 Familien, sagt sie. Für Langzeit-Erkrankte gebe es keinen Ersatz, die Kollegen müssten die Aufgaben mit übernehmen.

Höchstens 28 Familien pro Mitarbeiter

„Das ist nicht mehr handhabbar“, sagt Kerstin Kubisch-Piesk. Im Jugendamt Grüntaler Straße in Wedding beispielsweise gebe es mehrere Kinderschutzmeldungen am Tag: Berichte von Nachbarn, Lehrern, Trainern, dass ein Kind möglicherweise misshandelt wird. „Wir müssen jeder Meldung nachgehen“, schildert sie die Arbeitsbelastung. Gegebenenfalls müssen die Mitarbeiter die Familie aufsuchen, um zu gucken, ob das Kindeswohl gefährdet ist.

„Gerade dann ist es ganz wichtig, die Familie mit ins Boot zu holen. Dafür braucht man wahnsinnig viel Zeit.“ Zeit, die die Mitarbeiter nicht haben. Sie wünschen sich laut GEW, dass ein Vollzeitmitarbeiter höchstens 28 Familien betreut und eine Vertretungsreserve geschaffen wird. Außerdem wollen sie in eine höhere Entgeltstufe eingruppiert werden.

Auf mehr Stellen geeinigt

Im März hatten sich die Jugendamtsleiter, die Bezirksstadträte und die Senatsjugendverwaltung darauf geeinigt, den Jugendämtern zusätzliche Stellen zur Verfügung zu stellen. „Bei dem Treffen ist etwas in Gang gekommen“, sagt Kerstin Kubisch-Piesk. „Aber was die Stellen anbelangt, hören wir gar nichts.“

Der Senat wolle die bekannten Probleme einfach aussitzen, klagt die GEW und fordert Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf, die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten.

Zuständig für die Personalausstattung sind eigentlich die Bezirke, die ihren Bedarf mit der Finanzverwaltung aushandeln. Dennoch hat sich die Senatsjugendverwaltung an den Diskussionen beteiligt, wie die Situation in den Jugendämtern verbessert werden kann. Festgelegt ist, dass es 75 zusätzliche Stellen für die Jugendämter geben wird.

Weiterer Gesprächsbedarf

Wie diese aufgeteilt werden, ist Sache der Bezirke. Jugendstaatssekretärin Sigrid Klebba (SPD) sagte dazu: „Wir sind auf einem Weg, der einen Stufenplan enthält.“ Die gemeinsam mit den Bezirken erarbeiteten Maßnahmen zur Sicherung der Funktionsfähigkeit der Jugendämter seien weiterentwickelt worden.

Noch in diesem Jahr wollen Land und Bezirke weiter über den Personalbedarf für die Jugendämter sprechen.