Architektur für Berlin

In dieser Wohn-Vision leben Studenten auf 9 Quadratmetern

Studenten präsentieren ihre Visionen für die Holzhochhäuser des Eckwerk-Projektes von Graft und Kleihues Architekten in Friedrichshain.

Die Studenten Max Fischer, Katharina Fischer,Jennifer Luisa Maroke und Rolf Brändle mit ihrer Professorin Alexandra Martini (v. l.) bereiten die Präsentation vor

Die Studenten Max Fischer, Katharina Fischer,Jennifer Luisa Maroke und Rolf Brändle mit ihrer Professorin Alexandra Martini (v. l.) bereiten die Präsentation vor

Foto: Krauthoefer

Wie könnte künftig nachhaltiges Wohnen von Studenten aussehen? Eine Antwort darauf entwickeln jetzt zehn angehende Designer an der Fachhochschule Potsdam. Ihr Forschungsobjekt: der geplante Eckwerk-Neubau auf dem Holzmarktareal am Spreeufer in Friedrichshain.

Dort, wo fünf Holzhochhäuser nach dem gemeinsamen Entwurf der Architekturbüros von Graft und Kleihues + Kleihues realisiert werden, präsentierte die von Professorin Alexandra Martini geleitete Seminargruppe am Freitag ihre Vision studentischen Wohnens.

Minutiöse Analyse des Studenten-Alltags

„Wir haben uns erst einmal genau angeschaut, wie studentisches Leben aussieht und mit Hilfe von Tagebüchern minutiös analysiert, wie und wo unser Alltag abläuft“, erläutert Student Rolf Brändle die Herangehensweise.

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Das Ergebnis der Recherche war eindeutig: „Die meiste Zeit des Tages verbringen wir außerhalb des eigenen Zimmers - auch zum Lernen“. Die Konsequenz dieser Erkenntnis war den Nachwuchsgestaltern ebenso klar: „Wir brauchen mehr Raum für die Gemeinschaft“, bringt Brändle die Grundidee des nachhaltigen Wohnens für Studenten auf den Punkt.

Bei gleicher Grundfläche mehr Platz für alle

Die Lösung: bei gleicher Grundfläche und Personenzahl bleibt bei kleineren Zimmern weitaus mehr Gemeinschaftsfläche für alle. Genau das war auch das Ziel der Designstudenten. Anders als in den meisten Studentenwohnheimen, in denen üblicherweise voll ausgestattete Zimmer die Gemeinschaft eher minimieren, wollten die Potsdamer Studenten „eine alternative Flächenverteilung als Antwort auf die Zukunftsfragen nach einer sozialeren, nachhaltigeren und am Nutzer orientierten Lebensweise“. Klingt etwas abgehoben, ist aber im Ergebnis bodenständig.

Professorin Martini erläutert: „Dabei galt immer die Vorgabe, die maximale Lebensqualität auf dem minimalen Raum zu erreichen“. Im Fall des Konzeptes für studentische Wohngemeinschaften der geplanten Eckwerk-Holzhochhäuser ist die Umsetzung „radikal“, wie die 43-jährige Designerin betont.

Optimale Nutzung der radikal kleinen Zimmer

Für jedes Einzelzimmer der jeweils sieben Bewohner einer 200 Quadratmeter großen Wohnung stehen gerade mal 9 Quadratmeter zur Verfügung. Doch diese 3 mal 3 Quadratmeter sind eben optimal genutzt.

So lassen die fast raumhohen Fenster die kleinen Räume dank Helligkeit und Ausblick optisch größer wirken. Und der Ausblick auf ist insbesondere in den oberen Etagen der bis 43 Meter hoch geplanten Türme am Spreeufer sensationell. „In den Etagen, in denen sonst üblicherweise teure Lofts verortet sind, haben wir uns für Wohnungen mit vielen Zimmern, die dann eben auch vielen Menschen einen tollen Ausblick bieten, entschieden“, sagt Alexandra Martini.

Ein Hochbett schafft zusätzlichen Raum

Dank hoher Decken bieten die Zimmer zudem ausreichend Raum für den Einbau eines 1,40 Meter breiten Hochbetts. Eine großzügig gestaltete Fensterbank kann zudem zugleich als Sitzbank oder auch als Arbeitstisch genutzt werden. Die Nutzfläche des kleinen Raums wird so durch wenige Eingriffe optimiert. „Die Bewohner haben so genug Rückzugsraum, wenn sie allein sein möchten, andererseits aber auch genug Möglichkeiten für Begegnungen“, sagt Planer Brändle.

Dieser deutliche Gewinn an gemeinschaftlich nutzbarer Fläche sei ein deutlicher Vorteil des reduzierten Zimmers. So stehen den Bewohnern der Eckwert-WG-Vision immerhin 63 Prozent der gesamten Wohnungsfläche zur Verfügung.

Zum Vergleich: Bei einem der von den Studenten analysierten Wohnheimen in Regensburg stand den Bewohnern zwar einzeln jeweils mehr als 40 Quadratmeter zur Verfügung. Für das gemeinsame Leben waren demgegenüber aber nur noch 18 Quadratmeter vorhanden. „Zu wenig“, wie die Designstudenten finden.

„Denn die Möglichkeiten für ein gemeinsames Wohnen werden von vielen stark befürwortet“, sagt Rolf Brändle.

Studentisches Wohnen und Start-ups

Seit Februar sitzen die zehn Gestalter an ihrem Konzept. Die Beteiligung der Studenten am Entwurfsprozess der Neubauten basiert auf dem Kooperationsvertrag zwischen der Fachhochschule Potsdam, der BSR und der Holzmarkt Genossenschaft.

Das Eckwerk auf dem Holzmarktareal soll mit insgesamt 35.000 Quadratmeter Wohn- und Arbeitsfläche für studentisches Wohnen und Start-Ups ein produktives Technologiezentrum und inspirierender Lebensraum werden, in dem von Anfang an Teilen vor Besitzen steht.

Dabei ist die Partizipation von Studenten nicht die einzige Besonderheit dieses urbanen Pilotprojektes, das sich ebenso der Kreativität wie der Nachhaltigkeit verschrieben hat. So sollen die Dächern der Holzhochhäuser nicht nur im Sinne von „urban gardening“ mit Gemüse begrünt werden, sondern zudem auch als Standort für Fischzucht genutzt werden.

Zur „Werkschau 2015“ der FH Potsdam präsentieren die Studierenden ihr WG-Konzept für das Eckwerk am Sonntag, 19. Juli, ab 17 Uhr auf dem Holzmarktgelände in Friedrichshain.