Saubere Stadt

Gegen Müll und für mehr Bürgersinn in Berlin

Ein neues Projekt soll die Berliner zu einem bewussteren Umgang mit ihrem Abfall erziehen. Am Freitag fiel der Startschuss.

Auftakt einer stadtweiten Mitmach-Aktion zur Stadtverschoenerung mit BSR-Chefin Dr. Tanja Wielgoss, Tourismus-Chef Burkhard Kieker (r.) und  Bezirksstadtrat Dr. Peter Beckers

Auftakt einer stadtweiten Mitmach-Aktion zur Stadtverschoenerung mit BSR-Chefin Dr. Tanja Wielgoss, Tourismus-Chef Burkhard Kieker (r.) und Bezirksstadtrat Dr. Peter Beckers

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Gemächlich geht ein junger Mann mit Bierflasche, Bart und Seitenscheitel entlang der viele Meter langen, gewundenen Parkbänke. Weniger hippe Trinker sitzen dort um prall gefüllte Supermarkttüten. Der Boden ist mit verblassten Schriftzügen in Grün, Schwarz und Silber überzogen, und auf der Wiese funkelt nicht der Morgentau, sondern eine unübersichtliche Zahl Kronkorken. Es ist Vormittag auf dem Annemirl-Bauer-Platz hinter dem Ostbahnhof. Einen besseren Ort hätten sich die Tourismuswerber von "Visit Berlin" nicht suchen können, um eine Aktion für mehr Sauberkeit in der Stadt zu starten.

Die Kampagne "#AugenAufBerlin" soll zu "mehr Achtsamkeit in der Stadt führen", sagt "Visit Berlin"-Geschäftsführer Burkhard Kieker. Eine zuerst im Internet stattfindende Aktion wird zwar nicht für kippenfreie Parks und fortgeräumte Fast-Food-Verpackung sorgen. Aber sie soll ein Anfang sein.

Dies ist der Plan: An vier Terminen werden bis September rund um besonders auffällige Schmuddelzentren wie dem Annemirl-Bauer-Platz handflächengroße Holzaugen verteilt. Dort sind es an diesem Tag junge Mitarbeiter von "Visit Berlin" in weißen T-Shirts mit dem Logo der Aktion.

Die schwarzhaarige Claudia erklärt Radfahrer Andreas, 31, die Idee. Mit den anklebbaren Holzaugen ließen sich nun Schmutzorte markieren oder drollige Motive inszenieren. Claudia schiebt auf dem Bürgersteig einen herumliegenden Zigarettenfilter als Nase unter die Augen und plötzlich entsteht so ein Gesicht. "Mach' ein Bild, twittere oder poste es mit dem Hashtag #AugenAufBerlin." Das Netzwerk "Service in the City" und "Visit Berlin" sammeln die Bilder im Netz, zeigen sie auf einer Webseite und prämieren die besten. "Einige kommen auch auf unsere Facebook-Seite", sagt Kieker. "Von den Städten der Welt hat nur New York mehr Gefällt-Mir-Meldungen."

"Was so alles herumliegt"

Die Idee mit den Fotografien gefällt Radfahrer Andreas, der eigentlich schon längst am Arbeitsplatz und beim Schnitt eines Werbeclips sein sollte. Claudia erklärt: "Es geht um Aufmerksamkeit, darum, einfach mal genau hinzugucken, wie es aussieht in der Stadt und was so alles herumliegt."

"Ich wohne hier in der Gegend, bin hier geboren", sagt der 31-jährige Andreas. "Bei so einer Aktion merkt mancher vielleicht, dass es nicht notwendig ist, seinen Müll herumliegen zu lassen. Und dass es wirklich nicht immer gleich Politiker braucht, um ein Problem zu lösen."

Nach dem Start in Friedrichshain-Kreuzberg am Freitag sind weitere Aktionstage im selben Bezirk, an der Grenze von Kreuzberg zu Neukölln und in Wilmersdorf vorgesehen. Für Burkhard Kieker sind das Möglichkeiten, die Berliner auf die Internetseite des Projekts zu ziehen. Denn der langfristige Plan ist es, die Bürger zu mehr Engagement für ihre Stadt zu bewegen. Tanja Wielgoß, Chefin der Berliner Stadtreinigung (BSR), die wie Bezirksstadtrat Peter Beckers (SPD) zum Termin gekommen ist, mag den Gedanken: "Wir bei der Berliner Stadtreinigung sind die professionellen Saubermacher. Aber wenn nicht alle in der Stadt mit anpacken, wird das nichts in Berlin."

Seit Freitag ist die sehr bunt gestaltete Seite frei geschaltet. Dort gibt es Informationen und Veranstaltungen von 40 Berliner Initiativen. Weitere sollen hinzukommen, jeder kann sich dort melden, sein Projekt vorstellen und um Unterstützer werben: ein Begegnungsraum für ein aufgeräumtes Berlin.

Die bestehenden Bürgerinitiativen sind auf einer Stadtkarte dargestellt, so dass jeder Besucher der Seite sehen kann, was in seinem Kiez geschieht. Die Themen, nach denen die Projekte unterteilt sind, heißen etwa Umweltbildung, Kiezpflege, urban gardening und Kinder. Einige Beispiele: Das Nachbarschaftshaus am Teutoburger Platz in Prenzlauer Berg lädt jeden ersten Sonntag im Monat ab 15 Uhr ins "Repair Café". Es geht "Gegen die Wegwerfkultur", heißt es auf der Seite. Gemeinsam werden dort unter Anleitung Dinge repariert, die sonst im Müll landen würden. Das Projekt "Berliner gießen Bäume" ist ein Aufruf des "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland". Was zu tun ist, sei ganz einfach: Jeder Bürger möge einmal am Tag morgens oder abends "seinen ganz persönlichen Lieblingsbaum vor der eigenen Haustür oder in der Straße mit einem Eimer Wasser versorgen".

Bei den "Kehrenbürgern" engagieren sich Berliner, die gemeinsam kleine Flächen der Stadt sauber machen, dort Blumen pflanzen oder Grünanlagen wieder präsentabel machen. Die Interessenten erhalten dazu von der BSR ein sogenanntes Kehrpaket. Darin befinden sich Handschuhe, Greifzangen, Besen, Mülltüten und BSR-Westen.

"Ob es etwas bringt...?"

Nach den Sommerferien sollen auch Schulklassen verstärkt in die Aktion #AugenAufBerlin einbezogen werden, sagt "Visit Berlin"-Chef Kieker. Dann beginnen an den Schulen die Projektwochen, und da lasse sich auch einiges mit dem Material anstellen. "Wir haben einen ganzen Raum voller Holzaugen, die können gern geordert werden."

Auf dem Annemirl-Bauer-Platz beobachtet Bezirksstadtrat Beckers die Vorstellung der Aktion mit Interesse. Er ist stellvertretender Bürgermeister und als Stadtrat zuständig für Wirtschaft, Ordnung, Schule und Sport. "Die Idee, mit der Aktion zu sensibilisieren, finde ich gut", sagt er. "Ob es etwas bringt weiß ich nicht."

Bis 2008 war der Platz für 1,25 Millionen Euro saniert worden. Jetzt sind viele Spielgeräte gesperrt und die Verwahrlosung breitet sich aus. Der Stadtrat beobachtet dort das Gegenteil von bürgerlichem Engagement. "Heute ist das ein Hotspot im Bezirk, an dem sich Berliner und Touristen nachts treffen und feiern." Neben Cafés ist der Platz gesäumt von 24-Stunden-Geschäften. "Bei den Spätis deckt man sich ein", sagt Beckers, "und dann gibt es für viele nichts Schöneres als sich mit der Gitarre hinzusetzen und zu trinken."

Morgen für Morgen – so auch an diesem Tag – zeuge der Platz von den Feiern der letzten Nacht. Wer das beseitigt? Die BSR ist dafür nicht zuständig. "Und den Anwohnern ist das nicht zuzumuten", sagt Beckers. Bis sich Projekte wie #AugenAufBerlin etabliert haben, so seine Forderung, müsse der Annemirl-Bauer-Platz von einer privaten Firma betreut werden. "Es reicht , wenn jeden Morgen um sechs Uhr ein Dienst erscheint, der zwei Stunden lang aufräumt." Die Kosten dafür müsste Beckers' Ansicht nach nicht der Bezirk, sondern das Land Berlin tragen, wo die zunehmenden Einnahmen aus dem Tourismus ankämen.

Mehr Infos:

www.augenauf.berlin

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.