Berlin-Mitte

Wie das Oberholz zur Geburtsstätte der Start-ups wurde

Im "Sankt Oberholz" in Berlin-Mitte wurde so manche Idee zum Erfolg geführt. Jetzt feierte das Café sein zehnjähriges Bestehen.

Ansgar Oberholz kommt von der neuen Baustelle. Gleich um die Ecke vom legendären "Sankt Oberholz" am Rosenthaler Platz in Mitte soll am 1. Juli eine gern ebenso berühmte Dependance eröffnet werden. Die neue Adresse, Zehdenicker Straße 1, ist im Prinzip eine Verdopplung. Auf 600 Quadratmetern entstehen ein Café, Coworking Spaces, Büroräume und Konferenzzimmer.

Unten in der Lobby gibt es auch eine Kaffeemaschine. Nicht weil das Produkt daraus unbedingt besser schmecken würde. Nein, für die Kreativität der Menschen aus aller Welt, die sich hier treffen sollen. Gründer, Investoren, Journalisten, Start-up-Groupies, wer auch immer. "Die besten Ideen haben die Menschen am Kaffeeautomaten", erklärt Ansgar Oberholz. Und Ideen, davon lebt der Mythos des "Sankt Oberholz".

Jetzt feierte das Zuhause der digitalen Boheme, der Treffpunkt der Start-up-Szene und wie das Berliner Café sonst noch so genannt wird, seinen 10. Geburtstag. Zeit für eine Top Ten der schönsten Gründungen.

SoundCloud

Audio-Designer Alexander Ljung und Musiker Eric Wahlforss haben zwar in Stockholm gemeinsam angefangen, den entscheidenden Durchbruch hatte das Projekt SoundCloud, eine Plattform zum Austausch von Musik, aber in Berlin. Im "Sankt Oberholz" hatten die beiden ihr inoffizielles "Office".Man muss ins Ausland gehen, um eine Idee richtig entwickeln zu können, sagten sie später in Interviews. In Berlin, so räumten die Gründer ein, benötige man allerdings mehr Disziplin als an anderen Orten, um auch wirklich etwas zustande zu bringen. Heute ist SoundCloud die wichtigste Plattform für Musik.

Coldbrew

Simone König von Good Spirits fasste im "Sankt Oberholz" den Beschluss, die erste Cold-Brew-Marke Berlins zu werden. Die Idee ist: Kaffee, der kalt gebrüht und dann auch kalt getrunken wird. "New York trinkt den schon hektoliterweise", sagt Ansgar Oberholz. "Wenn ich meiner Großmutter erzählt hätte, dass man in der Zukunft mit kaltem Kaffee Geld verdienen könne, hätte sie mir vermutlich wenig Glauben geschenkt. Aber sie hätte wohl auch nicht gedacht, dass ich mit heißem Kaffee mein Geld verdienen würde."

BobRutman

Mit Bob Rutman, einem Avantgarde-Künstler aus New York, hat das "Oberholz" ein Joint Venture eröffnet. Die Idee: "Er bekommt jeden Morgen ein Frühstück, dafür beschenkt er uns mit Bildern, die er gemalt hat", erklärt Oberholz. Noch zu verbessern sei jedoch bei dieser Gründung: "Bob hat jeden Morgen freie Auswahl aus unserem reichhaltigen Sortiment, während wir das bekommen, was Bob gerade loswerden möchte: 'Take that shit!'"

Fundbüro Blog

Ansgar Oberholz sind natürlich auch selbst Ideen für Gründungen im "Sankt Oberholz" gekommen. Zum Beispiel sein Fundbüro Blog, in dem er dokumentiert, was seine Kunden alles so bei ihm vergessen. Ganz aktuell einen Auszug aus der Allgemeinen Betriebserlaubnis des Kraftfahrzeugtechnischen Amtes der DDR, Notizbücher, Damenschuhe. "Einmal sogar ein Schwangerschaftstest, den mir meine Mitarbeiter stolz brachten. Er war benutzt und das Anzeigefenster zeigte 'nicht schwanger' an. Ich speichere das unter gescheiterter Neugründung ab", erklärt Oberholz.

Für hier oder zum Mitnehmen

Die entscheidende Idee für seinen Roman "Für hier oder zum Mitnehmen!", erschienen bei Ullstein, kam Oberholz auch in seinem Café. Der Plot geht so: Ein junger Mann eröffnet ein Café in Berlin-Mitte. "Ich hoffe sehr, dass das Werk schon bald zu den Klassikern unter den gastronomischen Entrepreneurs-Romanen zählt", sagt Oberholz. Verdient hätte er es, das Buch ist sehr zu empfehlen und wird auch am Tresen verkauft.

Bücher

Ein Ort wie das "Sankt Oberholz" hat nicht nur die Start-up-Szene inspiriert. Auch viele andere Bücher sind hier entstanden und handeln dann teilweise auch vom Leben zwischen Latte und Laptop, vom ewigen An-Projekten-Herumschrauben, vom Charme des Unfertigen und vom Nächsten-großen-Ding-Träumen. "Untitled" von Joachim Bessing zum Beispiel, "Gehwegschäden" von Helmut Kuhn, "Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel" von Moritz Rinke, "Wir nennen es Arbeit" von Sascha Lobo und Holm Friebe. Oberholz hat sie alle gelesen. "Das steht ganz in der Tradition von Alfred Döblins 'Berlin Alexanderplatz', der das Gebäude gleich am Anfang seines Textes in Erscheinung treten lässt", erzählt er. "Döblin textete hier, als der Ort noch 'Aschinger' hieß. Angeblich schrieb er aber hauptsächlich, während er im Taxi durch Berlin fuhr. Mobiles Arbeiten in einem sehr frühen Stadium."

Betahaus

Im Laptop-Café "Sankt Oberholz" kam den Gründern vom Betahaus die Idee, dass es auch noch etwas anderes geben kann als Laptop-Cafés, um sich zu treffen und Start-up-Raketen zu entwickeln. Heute hat das Betahaus, ein Ort, an dem man vorübergehend Büros mieten kann und das man als Treffpunkt für andere Gründer und Investoren nutzen kann, gleich mehrere Standorte.

Silikon Allee

Bei manchen hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass im Grunde jede gute Start-up-Idee aus dem "Oberholz" kommen müsse. Das stimmt allerdings nicht, wie auch Ansgar Oberholz gern betont. StudiVZ zum Beispiel entstand entgegen anders lautenden Behauptungen nicht am Rosenthaler Platz. Aber vieles andere, was vielleicht mehr Erfolg verdient hätte und jetzt nur noch eine gescheiterte Gründung ist. Fraisr zum Beispiel, eine Plattform, die über Versteigerungen Spenden für humanitäre Projekte sammelte. Was sich gehalten hat, ist "Silikon Allee", ein Onlinemagazin über die Start-up-Welt, das noch auf den großen Durchbruch wartet.

Zalando

Angeblich haben sich die Zalando-Gründer in der silbernen Kuppel des "Sankt Oberholz" zu den entscheidenden Gesprächen mit den ersten Investoren getroffen, leider wurde das nie offiziell bestätigt.

Die Kochduschenattrappe

Klamotte, Hausmeisterurgestein der Berliner Gastroszene, hat 2005 die Kochduschenattrappe erfunden – im "Sankt Oberholz" im zweiten Obergeschoss. Obwohl aus der Potemkinschen Brause sich nur ein paar Tropfen Wasser quälten, konnte er mit großer Überzeugungskraft den Mann vom Hygieneamt erkennen lassen, dass es sich um die behördlich vorgeschriebene Kochdusche handelte. Leider hat er nach diesem erfolgreichen Test des Prototypen keine weiteren Optimierungen verfolgt, und das Produkt ist nie in Serie gegangen.

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