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Amazon eröffnet Entwicklerstandort in Berlin

Der US-Internethändler Amazon hat einen neuen Entwicklungsstandort in Berlin eröffnet. In den Krausenhöfen in Mitte sollen bis zu 450 Entwickler an neuen Produkten forschen.

Foto: LEON NEAL / AFP

Es ist ein Geschäftshaus mit illustrer Vergangenheit: Zeitweise residierte hier die berühmte Filmgesellschaft Ufa, nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Defa. Jetzt hat sich in den Krausenhöfen Amazon eingemietet. Der US-Technologiekonzern will in den restaurierten Räumen vor allem am sogenannten Machine Learning arbeiten. Dabei werten Computerprogramme große Daten nach bestimmten Mustern aus. In den nächsten Jahren sollen rund 450 Arbeitsplätze entstehen, vor allem für Programmierer, Webentwickler und Techniker.

Amazon startet mit 150 Spezialisten, wie Standortleiter Ralf Herbrich zur Eröffnung sagte. Bis Ende des Jahres will Amazon bereits 180 Mitarbeiter beschäftigen. Amazon ist seit 17 Jahren in Deutschland, hat Berlin aber vergleichsweise spät entdeckt. Seit 2011 gibt es ein Kundenservicecenter im Domaquaree in Mitte, 2013 eröffnete Amazon das Development Center, das jetzt in den neuen Räumen mit aufgeht. Ebenfalls seit 2013 arbeitet in Brieselang nordwestlich Berlins ein Logistikzentrum. Die Deutschland-Zentrale hat ihren Sitz in München. Ob sie umzieht? Bei der Berliner Eröffnung jedenfalls frotzelten Herbrich und Deutschland-Chef Ralf Kleber darüber, dass nur Herbrich von sich sagen könne, er sei ein Berliner. Bisher jedenfalls.

Lob für den Digitalstandort Berlin

Sebastian Gunningham lobte in einer Videoeinspielung das Berliner Innovationsklima. Einige der besten Machine-Learning-Spezialisten lebten in der deutschen Hauptstadt, sagte er. Gunningham ist bei Amazon für die Geschäftsentwicklung zuständig. Und die Zentrale in Seattle im US-Bundesstaat Washington hoffe auf viele neue Ideen aus Berlin. 2012 hatte der Konzern nach einem geeigneten Standort für das Entwicklungszentrum gesucht und sich für Berlin entscheiden. Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) freute sich, dass Amazon seine Präsenz in der Hauptstadt ausbaut und lobte den Digitalstandort: Nummer 1 in Deutschland, führend in Europa.

Der Konzern ist nicht der einzige, der auf Berliner Wissen und Kreativität setzt. Zuletzt hatte die deutsche Bank angekündigt, bis Ende des Jahres gemeinsam mit dem US-Technologiekonzern Microsoft ein Zukunftslabor in Berlin einrichten zu wollen. Die Lufthansa ist mit einem eigenen Labor in Berlin vertreten, auch der Energiekonzern Eon lässt ein Team an neuen Ideen arbeiten.

Lichtdurchflutete Räume auf 10.000 Quadratmetern

2013 war das Gebäude noch verfallen – eingeworfene Scheiben, vermoderter Boden, Feuchtigkeit. Jetzt sind die mehr als 6000 Quadratmeter großen Flächen lichtdurchflutet, es gibt großflächige Graffiti, graue Böden, viel Weiß auf sechs Etagen. Und 400 Quadratmeter Dachterrasse. In den Zwanzigerjahren hatte die Ufa zeitweise an der Krausenstraße 38 ihren Sitz. Danach war in den Fünfzigern die Defa eingezogen. Nach der Wende verfiel der Bau langsam.

Das Berliner Team ist das dritte seiner Art im Konzern. Die anderen beiden Teams sitzen in Seattle und in der indischen Softwaremetropole Bangalore. Im Konferenzraum in der zweiten Etage der neuen Berliner Räume hängen deshalb drei Uhren, die die Zeit der jeweiligen Standorte anzeigen. Amazon setzt in Berlin auch auf die Wissenschaft. So arbeitet Herbrichs Team unter anderem mit der Technischen Universität zusammen.

Der Konzern eröffnete den Standort am Donnerstag mit einer ersten sogenannten Academy. Unter dem Motto „Zukunft der Möglichkeiten" trafen sich mehr als 250 Entwickler, Autoren und Händler, die Amazon als Verkaufsplattform nutzen, zum Ideenaustausch. Weitere Veranstaltungen sollen folgen, etwa in der zweiten Jahreshälfte in Frankfurt/Main. Auch US-Botschafter John B. Emerson sah sich die neuen Räumlichkeiten an.

Analyse großer Datenmengen sagt Trends voraus

Was genau ist Machine Learning? Im Modehandel müsse man im voraus Waren einkaufen und lagern, sagte Herbrich. Entsprechend schwierig sei es den Einkäufern, vorherzusagen, was die Trends bei Schnitten und Farben sein könnten. Ein Computer kann dagegen große Mengen Daten analysieren und Muster erkennen, die recht zuverlässig Trends zeigen. Das spart teure Lagerhaltung. Die Rechner könnten auch alle Stellen in einem elektronischen Buch finden, in denen etwa Harry Potter erwähnt werde, sagte Herbrich. Übrigens auch über alle elektronischen Bücher überhaupt hinweg. Einem Menschen wäre das nicht möglich.

Dafür, dass die Rechner entsprechende Vorhersagen treffen können – immer natürlich mit einem Fehlerrisiko behaftet –, müssen sogenannte Algorithmen entwickelt und programmiert werden. eine Art Handlungsanweisung für den Computer. Die sind je nach Art der Daten, die untersucht werden sollen, unterschiedlich. Und sie müssen ununterbrochen verbessert werden – alles Aufgaben für das Berliner Amazon-Team.

Vom Internethändler Amazon zum Technologiekonzern

Der US-Konzern will die Technologie allerings nicht nur für sich selbst verwenden, sondern damit auch Geld verdienen. Interessierte Unternehmen können Amazons Wissen nutzen und damit selbst Daten analysieren und Vorhersagen machen lassen, zum Beispiel über das Kaufverhalten seiner Kunden. Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Konzern nicht mehr nur reiner Internethändler ist, sondern vor allem Technologiekonzern.

Seit Jahren bietet das Unternehmen etwa Rechenleistung über das Internet an, was vor allem frisch gegründete Technologiefirmen nutzen, die wenig Geld für teure eigene Infrastruktur haben oder sich damit nicht abgeben wollen. Kunden sind zum Beispiel der Berliner Musikstreamingdienst Soundcloud, die Berliner Philharmoniker und das Berliner Unternehmen Eyeem, eine Internetgemeinde für Amateur- und Profifotografen, über die sich Bilder auch vermarkten lassen.

Software die Blumen und Weihnachtsstimmung auf Fotos erkennt

Auch Eyeem beschäftigt sich mit Programmen, die große Datenmengen analysieren und sortieren können. Die Fotoplattform hat eine eigene Anwendung entwickelt, die Bilder auswerten kann. "Wir bringen dem Rechner bei, welche Pixelkombination ,Blume‘ bedeutet oder ,Pornografie‘", sagt Technologievorstand Ramzi Risk. Auch abstrakte Begriffe wie Sommer, Spaß oder Weihnachten könne die Software erkennen.

Wenn die Eyeem-Techniker das Programm wieder einmal aktualisiert hat, so dass sich zum Beispiel "Blume" erkennen lässt, lassen sie sämtliche im System befindlichen Bilder damit untersuchen und automatisch verschlagworten. Das Unternehmen nutzt übrigens Rechnerleistung und Serverplatz von Amazon. Eigene Rechnerzentren betreibt Eyeem nicht.