Fox & Sheep

Wie ein Berliner Start-up weltweit Kinder zum Träumen bringt

| Lesedauer: 9 Minuten
Jörgen Camrath

Das Berliner Start-up Fox & Sheep entwickelt Apps, die auch für die Kleinsten geeignet sind. Mit wachsendem Erfolg auf der internationalen Bühne. Jetzt wollen die Gründer neue Märkte erschließen.

Wenn Apple Anfang Juni zu seiner Entwicklerkonferenz nach San Francisco einlädt, werden auch in diesem Jahr wieder viele Berliner dabei sein. Längst gehört die Bundeshauptstadt zu den Hotspots der Start-up- und Programmierszene und muss sich hinter Silicon Valley und Co. nicht mehr verstecken. Alle zwölf Monate fliegen darum zahlreiche Gründer und Entwickler aus Berlin in die USA. Sie wollen sich informieren und fortbilden, sie wollen Kollegen und Freunde treffen, sie wollen ihr Netzwerk erweitern.

Im vergangenen Jahr reiste auch Verena Pausder nach San Francisco. Die 36-Jährige ist Mitgründerin von Fox & Sheep. Gemeinsam mit ihrem Kompagnon Moritz Hohl hat sie das Unternehmen vor drei Jahren aus der Taufe gehoben. Heute gehört ihre Firma zu den erfolgreichsten Anbietern von Kinder-Apps.

Fox & Sheep wurde 2012 gegründet. Pausder und Hohl hatten damals bereits Nachwuchs und merkten eines Tages, dass Tablets und Smartphones „irgendwas mit der Kindheit unserer Kinder machen werden“, erzählt die gebürtige Hamburgerin.

Auf der Suche nach geeigneten Inhalten stolperten die beiden über zwei Programme eines Berliner Studios und schlugen zu: Mit „Schlaf gut!“ – einer interaktiven Gute-Nacht-Geschichte – und „Kleiner Fuchs“ – einem Liederbuch zum Mitsingen – wurden die ersten Titel aufgekauft und international ausgerollt. Weil die zentralen Figuren der Geschichten ein Fuchs und ein Schaf waren, stand auch der Name der neuen Firma schnell fest: Fox & Sheep.

Fox & Sheep: Einmal Zahlen, immer spielen

Hochwertige Inhalte für kleine Kinder – ganz ohne versteckte Kosten: Das schrieben sich Pausder und Hohl früh auf die Fahnen. „Einmal zahlen, immer spielen“, sagt die Gründerin. „Wir wollten, dass es den Kindern Spaß macht, und die Eltern ein gutes Gefühl haben.“

Mit dieser Strategie ist das Unternehmen bis heute sehr erfolgreich gefahren – vor allem Dank seiner Internationalisierungsstrategie. „Alle unsere Apps sind in zwölf bis 18 Sprachen übersetzt worden“, sagt Pausder. „Der Markt ist nicht lokal, die Musik spielt woanders.“ USA, Russland, China, Japan – wer sich nur auf Deutschland konzentriere, habe kaum eine Chance.

Erste Erfolge stellten sich bei Fox & Sheep schnell ein. Bereits im März 2013 war das Unternehmen nach eigenen Angaben profitabel. Das lag vor allem daran, dass App-Entwickler zumindest am Anfang mit relativ wenigen Mitarbeitern auskommen und auf Abteilungen wie Marketing verzichten können. „Man muss nicht riesengroß sein“, sagt Pausder. „Darum konnten wir sowohl Umsatz als auch Gewinn in den kommenden Jahren jeweils verdoppeln.“ 2014 wies das Unternehmen einen Umsatz von 1,2 Millionen Euro aus.

Zwölf Millionen Mal wurden die Apps von Fox & Sheep bereits heruntergeladen – zwei Drittel davon kostenlos. „Viele Menschen sind nicht bereit, für Programme Geld auszugeben“, sagt Pausder. „Um eine weltweite Marke zu schaffen, zahlt es sich darum aus, das eigene Produkt hin und wieder kostenlos anzubieten.“

Sechs bis neun Monate bis zur fertigen App

Diese Taktik hat sich offenbar bewährt. Alle sechs Monate kam eine neue App heraus, das Team wurde größer, neue Plattformen in Angriff genommen. Auf iOS folgten Android, der Amazon-Store und Blackberry. „So haben wir festgestellt, dass in der App-Welt ganz eigene Dynamiken existieren“, erklärt Pausder. „Es gibt keine Marketingkanäle.

Und bei einem Preis von 2,99 Euro pro Spiel bleiben nach Abzug durch Apple nur zwei Euro übrig. Davon kann man sich keine Nutzer kaufen.“ Darum sei es besonders wichtig, dass das Produkt überzeugen kann, und man dadurch in den verschiedenen App Stores einen prominenten Platz erhalte. „Um eine App bekannt zu machen, geht man nicht die klassischen Wege. Soziale Netzwerke und Blogger-Relations spielen eine viel größere Rolle als Display-Marketing, SEM und SEO“, sagt die 36-Jährige.

Bis eine App fertig ist, dauert es zwischen sechs und neun Monaten. Die Kosten liegen jeweils zwischen 100.000 und 150.000 Euro. Damit werden die Texte in verschiedene Sprachen übersetzt, Soundentwickler beauftragt und – wie im Falle des neuesten Projektes von Fox & Sheep – 3D-Modelle gebaut.

Der Werdegang ist immer gleich. Auf eine Idee folgt die Suche nach einem Illustrator – wenn, wie im Falle von „Schlaf Gut“ geschehen, die Idee nicht sowieso vom Illustrator stammt. Anschließend wird ein Konzept erstellt, dann kommen die Entwickler ins Spiel. Ist ein Programm fertig, wird an Kindern getestet und die App für verschieden Länder lokalisiert.

530.000 neue Arbeitsplätze in Europa seit Start des App Stores

Trotz der Dominanz von Android bei mobilen Betriebssystemen konzentrieren sich Entwicklerstudios wie Fox & Sheep nach wie vor stärker auf Apples iOS-Plattform. Zu diesem Ergebnis kommt nicht nur ein Bericht zur europäischen App-Economy von Vision Mobile. Auch Pausder kann diesen Trend bestätigen: „Wir machen 95 Prozent unseres Umsatzes mit Apple. Das ist nicht nur bei uns so. 90 Prozent der Entwickler in Berlin gäbe es nicht, wenn es Apple nicht gäbe. Das ist so.“

Als einen Grund nennt die 36-Jährige die starke Fragmentierung bei der Google-Plattform. „Viele Nutzer sind sich nicht sicher, ob das Programm auf ihrem Gerät überhaupt läuft“, sagt die Gründerin. Darum würden sich Android-Kunden zweimal überlegen, ob sie eine Bezahl-App tatsächlich kaufen. Bei iOS-Nutzern sei zudem die Kaufkraft größer. „Es ist erstaunlich. Obwohl Android immer größer wird, bleibt der Umsatzanteil bei uns gleich“, berichtet Pausder.

Wenn Tim Cook am 6. Juni die Bühne in San Francisco bei Apples WWDC-Konferenz die Bühne betritt, wird er wie in den vergangenen Jahren auch diesmal wieder aktuelle Daten zu den Mac- und iOS-Plattformen präsentieren. 7,5 Milliarden US-Dollar wurden laut Apple bislang an Entwickler in Europa ausgezahlt – weltweit sind es 25 Milliarden Dollar. 530.000 Arbeitsplätze sollen in Europa seit dem Start des App Stores rund um die iOS-Plattform entstanden sein, alleine in Deutschland haben sich 53.000 Mitglieder für das kostenpflichtige Entwicklerprogramm von Apple angemeldet. Tendenz steigend.

Ein Großteil der Entwickler in Deutschland sitzt in Berlin. Trotzdem sind die Nachfrage und der Konkurrenzkampf um die besten Talente hoch. Laut einer McKinsey-Studie könnten in der Bundeshauptstadt bis 2020 über 100.000 neue Arbeitsplätze durch Start-ups entstehen. Die Lage wird sich also weiter verschärfen.

„Berlin ist ein Magnet“

Dass der Entwickler-Markt in Berlin umkämpft ist, weiß auch Florian Meissner. Der Mitgründer der Fotocommunity-App EyeEm hatte in der Vergangenheit trotzdem kaum Probleme, neue Mitarbeiter in die Hauptstadt zu locken. „Wir suchen international. Indien, Großbritannien, Russland – selbst aus dem Silicon Valley kommen die Leute“, berichtet der 30-Jährige. „Berlin ist ein Magnet, die Lebenshaltungskosten gering.“ Weil man viel ins eigene Team und in die Unternehmenskultur investiere, konnte die Mitarbeiterzahl von EyeEm im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt werden.

„Es ist sehr schwierig, in Berlin Entwickler zu finden“, sagt dagegen Pausder. Bei Fox & Sheep hat man deshalb früh auf Mitarbeiter in Russland und Schanghai gesetzt. „Wer richtige Spiele und keine Kinder-Apps herstellt, hat es leichter.“ Gute Entwickler könnten sich ihre Arbeitgeber heute quasi herauspicken. „Die Konkurrenz ist riesig. Wooga, Researchgate, Soundcloud, OneFootball haben alle Millionen an VC-Geldern eingesammelt und können andere Gehälter zahlen“, fügt die Mutter von zwei Kindern hinzu. Das eigene Unternehmen sei dagegen bisher ohne Risikokapital ausgekommen.

Zusammen mit Mitgründer Hohl hielt Pausder lange 80 Prozent an ihrer Firma, bis Anfang 2015 der Spielzeughersteller Haba als strategischer Investor und Mehrheitseigentümer ins Boot geholt wurde. „Brettspiele, Bücher, Merchandise – damit wollen wir jetzt auch in die Offline-Kanäle einsteigen“, erklärt die 36-Jährige den Schritt.

Digitale Produkte will das Unternehmen allerdings auch weiterhin entwickeln. In wenigen Wochen soll bereits eine neue Bauernhof-App vorgestellt werden. Auf dem großen Klassentreffen der Apple-Entwickler in San Francisco wird Fox & Sheep darum genau wie die Fotocomunity-App EyeEm auch in diesem Jahr wieder vertreten sein. Um sich zu informieren und fortzubilden. Um Kollegen und Freunde zu treffen. Und um das Netzwerk zu erweitern.

Foto: © Copyright FOX & SHEEP