Interview

Vattenfall-Chef Magnus Hall - „Berlin kann von uns profitieren“

Magnus Hall, Chef des schwedischen Versorgers, über das Engagement seines Unternehmens in der Hauptstadt, die harte Zeiten im Energiegeschäft und den Verkauf der Kohlesparte in der Lausitz.

Foto: Krauthoefer / Jörg

Der Milliarden-Poker um die Berliner Energieversorgung in Zeiten der Energiewende ist eröffnet. Der Senat strebt mehr Einfluss für das Land bei den Netzen und Versorgungsunternehmen an. Hauptakteur in der Stadt ist der schwedische Vattenfall-Konzern, der die einst landeseigene Bewag übernommen hat. Vorstandschef Magnus Hall erklärt, was er der Stadt zu bieten hat.

Berliner Morgenpost: Herr Hall, Vattenfall hat 2014 Verlust gemacht. Wie viel Spaß macht das Energiegeschäft in Deutschland in Zeiten der Energiewende?

Magnus Hall: Es ist ziemlich hart, aber auf der anderen Seite eröffnen sich auch viele Möglichkeiten. Vattenfall investiert die Mehrheit seiner Mittel für Wachstum in Deutschland. Wir investieren in Fernwärme, dezentrale Wärmeerzeugung und in Windkraft. Gerade haben wir den Offshore-Windpark Dan Tysk vor Sylt eröffnet, den wir zusammen mit den Stadtwerken München realisiert haben.

Es gab Gerüchte und eine politische Diskussion in Schweden, dass Vattenfall sich aus Deutschland zurückziehen würde.

Diese Debatte verstehe ich nicht. Aus Vattenfalls Perspektive haben wir drei Hauptmärkte: der größte ist Deutschland, der zweite ist Schweden und der dritte ist Holland. Dass wir Deutschland verlassen, ist Unsinn. Aber weil wir die Braunkohle verkaufen, denken manche Leute, das sei ein Schritt raus aus Deutschland. Aber das ist falsch. Es ist Teil einer Umbaustrategie für unser Geschäft in Deutschland. Und was Berlin angeht: Berlin ist wichtig für Vattenfall und deshalb bleiben wir hier.

Sie verdienen ihr Geld noch hauptsächlich mit Braunkohle und Atomkraft. Diese Energiequellen sind aber unter extremem Druck durch die politischen Entscheidungen der Bundesregierung.

Natürlich bedeuten der Atomausstieg und die Pläne für die Sonderabgabe für Kohlekraftwerke harte Diskussionen für uns. Aber gleichzeitig ist Deutschland sehr offen für erneuerbare Energien und für Systeme, die den Einsatz dieser Energiequellen ermöglichen. Das ist der Teil der Energiewende und es ist unsere Verantwortung, uns hier zu engagieren. Deshalb verkaufen wir ja die Braunkohle. Das ist Teil unserer Strategie, ein nachhaltigeres Unternehmen zu werden.

Wie lang wird es dauern, bis die Braunkohle in der Lausitz verkauft ist?

Das weiß ich nicht. Wir müssen zunächst der schwedischen Regierung einen Vorschlag unterbreiten. Ich denke, das wird Ende des Jahres passieren.

Vor anderthalb Jahren hatten wir in Berlin eine Volksabstimmung über die Energiepolitik. Ein Slogan war: Vattenfall den Stecker ziehen. Über 600.000 Bürger waren dafür, Vattenfall das Stromnetz wegzunehmen. Warum hat Vattenfall so ein schlechtes Image?

Ich habe nicht den Eindruck, dass unser Ruf so schlecht ist. Wir gewinnen mehr Stromkunden in Deutschland. Allein in den letzten drei Jahren haben wir jeweils 100.000 Kunden dazugewonnen. In unseren Kernmärkten Hamburg und Berlin sind die Zahlen stabil. Die Kunden sind offenbar zufrieden. Aber womöglich hat die Kritik an uns etwas damit zu tun, dass uns auch Atomkraftwerke gehören. Wir sind aber immer sehr verantwortungsbewusst damit umgegangen. Wir werden auch unsere Verpflichtungen beim Ausstieg aus der Atomenergie erfüllen.

War es vielleicht ein Fehler, den früher landeseigenen Energieversorger Bewag nach der Übernahme in Vattenfall umzubenennen?

Darüber kann man im Rückblick sicherlich diskutieren. Die Idee war, den Namen Vattenfall auch in Berlin mit guten Dingen in Verbindung zu bringen. Wenn wir uns jetzt klar in Richtung erneuerbarer Energien und einer neuen Energielandschaft bewegen, wenn wir gemeinsam mit Städten nach einer nachhaltigen Zukunft suchen, dann schaffen wir so das positive Bild der Zukunft. Ohne Braunkohle, versteht sich.

Einerseits propagieren Sie Ihr grünes Image und preisen sich als Kooperationspartner für Länder und Städte an, andererseits verklagen Sie die Bundesregierung auf 4,7 Milliarden Euro Schadensersatz für die Folgen des Atomausstiegs.

Auch in Schweden hat die Regierung beschlossen, Atomkraftwerke zu schließen, die deutschen Eigentümern gehörten. Darüber wurde verhandelt und sie bekamen Geld dafür, dass sie diese Anlagen stillgelegt haben. Das ist ein fairer Weg gewesen, den Deutschland nicht gehen will. Deshalb mussten wir klagen.

Kommen wir zum lokalen Geschehen. Wie sehen Sie die Zukunft von Vattenfall in Berlin?

Ich denke, wir können auch zukünftig ein sehr guter Partner für die Stadt Berlin sein. Wenn die Stadt es will, werden wir hier zusammen die Energiezukunft entwickeln. Wir haben ja schon eine starke Position. Uns gehört das Stromnetz, uns gehören das Fernwärmenetz und die meisten Kraftwerke. Wir haben eine Klimaschutzvereinbarung mit der Stadt abgeschlossen. Wir haben auch anderswo in Europa gute Beziehung zu den kommunalen Regierungen. Für uns ergeben sich hier geschäftliche Optionen, von denen Berlin profitieren kann. Darum geht es.

Wir waren überrascht, dass sie so relativ leicht und ohne großen Widerstand aus Hamburg rausgegangen sind.

So sah es vielleicht von außen aus. Aber wir waren nicht sehr glücklich damit. Doch manchmal werden eben klare Entscheidungen getroffen. Im Hamburg gab es einen erfolgreichen Volksentscheid dazu, das muss man akzeptieren. Aber in Berlin sind wir überzeugt, dass wir etwas Gutes für die Stadt anzubieten haben.

Würden Sie denn eine Mehrheit für die Stadt in ihrem Berliner Stromnetz und vielleicht auch in anderen Geschäftsfeldern akzeptieren?

Es wäre gut, die Stadt als Partner zu haben um zu entscheiden, wie die langfristige Entwicklung des Netzes aussehen soll und wie die Energiewende in Berlin umgesetzt werden kann. Für die strategischen Entscheidungen wollen wir eine Partnerschaft, wenn es ums operative Geschäft geht, brauchen wir eine Mehrheit.

Was bieten Sie der Stadt an? Wie viel Geld werden sie zum Beispiel investieren?

Wir reden über knapp zwei Milliarden Euro, die wir bis 2020 in Berlin investieren werden. Wir stecken großes Geld ins System. Wir müssen das machen, denn Berlin wächst. Sie haben hier fast 50.000 zusätzliche Einwohner jedes Jahr. Die müssen angebunden werden.

Wohin geht das Geld?

Wir investieren in die Erweiterung des Netzes und in neue Kraftwerke. In das Stromnetz stecken wir jährlich 130 bis 150 Millionen Euro. Das Kraftwerk Lichterfelde wird bei Fertigstellung eine halbe Milliarde gekostet haben. Dazu kommt der Ausbau des Fernwärmenetzes, die Modernisierungsprojekte an den anderen Kraftwerksstandorten und neue Erzeugungskapazitäten im Osten der Stadt.

Sie haben ja im Vorjahr 80 Millionen Euro und 2013 130 Millionen Euro Gewinne mit dem Stromnetz gemacht. Verstehen Sie die Strategie der Sozialdemokraten in Berlin, die das Netz wollen, um damit Geld für den Landeshaushalt zu verdienen?

Ja, aber man muss auch viel investieren und das Netz sehr gut managen, um dieses Geld zu verdienen. Sie müssen einen Service abliefern der ihre Kunden zufrieden stellt. Wer das Netz betreiben will, muss das so gut machen wie wir und auch so viel investieren. Das ist nicht so einfach. Außerdem zahlen wir ja eine Konzessionsabgabe von mehr als 130 Millionen Euro pro Jahr für das Stromnetz ans Land Berlin.

Wäre es leicht, Geld zu verlieren mit dem Netz?

Na ja, große Investitionen können immer mal schief gehen. Was nicht heißen soll, dass das passiert, weil jemand es anders als Vattenfall macht. Aber man braucht schon eine Menge Erfahrung, um so ein Netz effizient zu betreiben.

Was erwarten Sie nun vom Senat für das weitere Konzessionsverfahren zum Stromnetz?

Wir hoffen zunächst auf eine gute Diskussion mit der Stadt und dass wir ihr industrieller Partner sein können. Das ist unser Ziel.

Sie erwarten also nicht, dass sioe erst mal die Konzession zugesprochen bekommen?

Wir hoffen, dass es vorangeht. Aber wir sitzen nicht auf dem Fahrersitz, wenn es um diese Entscheidungen geht.

Machte es denn Sinn, ein großes Paket zu schnüren aus Stromnetz, Fernwärme und Gas und darüber zu verhandeln?

Ich bin mit nicht sicher, ob das rechtlich geht, aber für Berlin macht das bestimmt Sinn. Wir haben bewiesen, dass wir ein guter Versorger sind. Jemand sollte die Verantwortung für das Gesamtsystem haben, verbunden mit einer Offenheit, über Zusammenarbeit an verschiedenen Punkten zu sprechen.

Das heißt aber, dass Sie bereit wären, Ihren Anteil von etwa einem Drittel an der Gasag abzugeben? Die Gasag steht ja ebenfalls im Konzessionsverfahren um das Gasnetz, derzeit liegt man mit Berlin vor Gericht.

Wir sind bereit darüber zu reden. Aber natürlich müssen wir die Frage Gasag im Zusammenhang betrachten. Wenn wir eine volle industrielle Zusammenarbeit erreichen, sollten wir offen für einen Verkauf sein.

Macht es Sinn, wenn ein Unternehmen beide Netze für Strom und für Gas besitzt und betreibt?

Das sind zwei verschiedene Dinge. Ein großes Unternehmen für beides macht aus meiner Sicht wenig Sinn. Das sind zwei verschiedene Geschäfte.

Der Senat hat ja entschieden, nach einem großen industriellen Partner zu suchen. Sie haben das erwähnt. E.on bietet sich sehr offensiv an und ist sogar bereit, dem Land eine Mehrheit zu überlassen. Warum Sind sie der bessere Partner für Berlin?

Für uns ist es eine Firmenstrategie, Partner von Städten zu sein und uns in der lokalen Energieversorgung zu engagieren. Wir haben bewiesen, dass wir das können. Das sollte für eine Stadt ein wichtiger Punkt sein bei der Partnersuche. Wir respektieren die Pläne der Kommunen und müssen sicherstellen, dass sich diese Pläne auch umsetzen lassen.

Wie frei sind sie als staatliches Unternehmen in solchen Entscheidungen? Redet die Regierung Ihnen rein?

Die schweidische Regieurng verfolgt einen klaren Umgang mit staatlichen Unternehmen. Es gibt einen Aufsichtsrat, der die Unternehmen mit dem Management führt. Das ist ein professionelles Gremium, kein politisches. Bei ganz großen, strategischen Entscheidungen, wie etwa dem Verkauf der Braunkohle, möchte der Eigentümer natürlich mitreden. Das ist normal. Auch die großen LInien sind vorgegeben vom Eigentümer: Vattenfall möchte eine führende Kraft sein, wenn die neue, nachhaltige Energielandschaft geschaffen wird. Aber was wir in Berlin tun, würde nicht mit der Regierung erörert. Der Aufsichtsrat entscheidet über die großen Investitionen.

Ist es realistisch, das Ziel zu erreichen, 2050 Kohlendioxid-neutral zu werden?

Es muss noch viel getan werden. Natürlich kann man mehr Wärmeenergie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Berlin braucht mehr Lade-Infrastruktur für Elektroautos. Eine Stadt kann auch in Öko-Energie investieren. Sicher nicht im großen Umfang innerhalb der Stadt, sondern in Windfarmen anderswo. Das macht Sinn. Was wir mit den Stadtwerken München machen, würden wir auch mit Berlin tun, wenn die Stadt das möchte. Am Ende sollte die Stadt klimaneutral sein.

Wie lange wird das dauern?

Das weiß niemand. Aber die Richtung ist klar. Natürlich können wir mehr Wind und Sonnenenergie bauen. Aber diese Energiequellen stehen eben nicht immer zur Verfügung. Das große Thema ist deshalb das Speichern von Energie. Und da haben wir als Netzbetreiber und Wärmeerzeuger eine wesentliche Position. Wir arbeiten daran bereits intensiv und ich bin optimistisch, was die technische Entwicklung angeht.

Sie wollen ja den Senat auch an der Fernwärme beteiligen. Die Politik ist darauf offenbar aber nicht so scharf. Was wäre der Vorteil für die Stadt, in der Fernwärme mit aktiv zu sein und wie würde sich Ihr Geschäft womöglich ändern?

Ich bin nicht sicher, ob wir etwas anders machen würden als jetzt. Aber es hätte den Vorteil, dass die Politik stärker beteiligt wäre an der Diskussion über die Entwicklung der Wärmeseite. Dort findet der größte Energieverbrauch statt, dort muss in Deutschland die Energiewende gestaltet werden.

Wie lange denken Sie wird es dauern, Lösungen für die vielen Berliner Fragen zu finden? Der Senat sprach von August...

Jede Antwort ist wahrscheinlich falsch. Ich möchte ja nichts gegen den Senat sagen. Aber wir sollten im nächsten halben Jahr mehr Klarheit haben.

Machen Sie sich Sorgen um die Klage des Landes? Das Land möchte prüfen lassen, ob man das Recht hat, Ihnen die Fernwärme wegzunehmen.

Wir haben eine sehr starke Rechtsposition. Die aktuelle Situation bereitet uns keine schlaflosen Nächte. Aber es wäre sehr viel besser, über eine Zusammenarbeit zu sprechen als sich vor Gericht zu streiten. Wir wollen gemeinsam etwas entwickeln.