Berliner Spaziergang

Wie „Miami Vice“ den Chef von Florida Eis inspirierte

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: ein Spaziergang mit Unternehmer Olaf Höhn, dem Gründer der Manufaktur Florida Eis.

Foto: Amin Akhtar

Der Mann, der in der Märzsonne vor dem Café und einem riesigen Eis mit Früchten und Schlagsahne sitzt, wird in der viel befahrenen Klosterstraße bestaunt. „Das ist doch der Chef“, ruft ein älterer Mann – und will vom Rad steigen. „Ach, Sie haben zu tun“, sagt er und fährt weiter, als er den Fotografen entdeckt, der Olaf Höhn vor dem Geschäft ablichtet, in dem auf den Tag genau vor 30 Jahren alles begann.

Die Geschichte der Manufaktur Florida Eis reicht zurück ins Spandau der 80er-Jahre, als Olaf Höhn das damals „Annelie“ genannte Eiscafé übernahm. Ein populärer Laden seit den 20er-Jahren, auch ein Treff für das erste Date. Mittlerweile spielt Höhn längst in der nationalen Eis-Liga mit, neben vier Florida-Eis-Cafés in Spandau und Tegel gibt es eine 4000 Quadratmeter große Produktionsstätte auf dem Gelände des früheren Flughafens in Staaken, die im Vorjahr 1200 Tonnen der kalten Süßigkeit auslieferte.

Die großen Einzelhandelsketten haben die Marke im Sortiment gelistet, der Jahresumsatz liegt bei zehn Millionen Euro, und aktuell beschäftigt Höhn 240 Mitarbeiter. „Unser Wachstum liegt jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich“, erzählt der Gründer mit unüberhörbarem Selbstbewusstsein.

Wer mit Olaf Höhn zum Spaziergang verabredet ist, muss ein bisschen Geduld mitbringen. Er ist bekannt im Kiez, viele sprechen ihn auf dem Gehweg an und wollen mit ihm plaudern. Bevor wir endgültig Richtung Havel aufbrechen, stellt Olaf Höhn mir noch schnell Edwina Schulze vor, die mit schwarzer Weste an der Klosterstraße hinterm Eistresen steht und schon vor 30 Jahren dabei war. „Ohne sie wäre ich nicht geworden, was ich bin. Sie ist den Gästen so zugewandt und immer freundlich, einfach ein Vorbild“, sagt er, während Edwina Schulze leicht verlegen lächelt. In den ersten sieben Jahren hat Höhn, der studierte Maschinenbauingenieur, noch selbst im Café mitgearbeitet – sieben Tage in der Woche. Mittlerweile hat der 65-Jährige etwas runtergeschaltet, arbeitet nur noch an sechs Tagen, wie er erzählt.

Im Boot groß geworden

Olaf Höhn schlägt für unseren Spaziergang eine Route vor, die er früher täglich, am liebsten mittags, absolviert hat – sie führt von der Klosterstraße zum Wasser, an der Havel entlang über den Markt in der Altstadt bis zur Ellipse gegenüber dem Rathaus. „Bei diesem Spaziergang kann ich etwas durchatmen“, sagt Höhn und blickt über das Wasser. Als gebürtiger Berliner hat er eine besondere Beziehung zu Flüssen und Seen, denkt gerne an die Segeltouren zurück, die er als Junge mit seinem Vater, der eine Großbäckerei in Neukölln betrieb, unternommen hat: „Ich bin im Boot groß geworden.“

Auf seinen Spaziergängen isst Höhn gerne eine Kugel Eis, doch nie mehr als eine, denn: „Ich muss auf meine Figur achten.“ Man sieht es ihm nicht wirklich an. Es ist übrigens immer Vanilleeis, obwohl er mittlerweile rund 80 Rezepturen für Milch- und Fruchteis im Programm hat, neben den Klassikern sind darunter so extravagante Sorten wie Erdnuss Toffee, Cherry Chocolate Chip oder Joghurt & Cranberry. Manchmal hat Höhn bei seinen Rundgängen auch noch eine Scheibe Toastbrot dabei – um sie an die Enten zu verfüttern.

Bodenständig ist ein Wort, das Olaf Höhn gefällt. Und das ihn beschreibt. Der Mann hat viel erlebt, die Geschichten sprudeln nur so aus ihm heraus. Kurz bleibt er am Fluss stehen und erzählt von seinem Traum, um die Welt zu segeln. Theoretisch könnte er das einfach tun. Auch Golf spielen mit Freunden – an Einladungen mangelt es nicht. Doch er lacht nur kurz auf, macht eine wegwischende Handbewegung. Am Ende reizt ihn das alles nicht genug, jedenfalls nicht so sehr wie die Ziele, für die er als Unternehmer brennt. Zunehmend hat er das Gefühl, ihm laufe die Zeit davon: „In mir ist mittlerweile so eine Unruhe, denn ich möchte noch so viel machen.“

„Miami“ war bereits vergeben

Die Leidenschaft fürs Eis kam erst später. Eher zufällig. Olaf Höhn wollte Mitte der 80er-Jahre einen eigenen Weg gehen, die väterliche Bäckerei hat schließlich der Bruder übernommen. Über einen Geschäftspartner seines Vaters erfuhr er, dass das Eiscafé „Annelie“ zum Verkauf stand. Über die Bedeutung des Zufalls, der im Leben entscheidende Weichen stellt, hat Höhn seither schon viel nachgedacht. Für das alteingesessene Café sollte ein neuer Name her: Zunächst dachte er an „Miami“. Schließlich ist der Sportwagenliebhaber bis heute bekennender Fan der Kult-TV-Serie „Miami Vice“ und hat alle 111 Folgen auf DVD in seinem Lichtenrader Zuhause stehen. Doch der Name „Miami“ war bereits vergeben – und da lag „Florida“ als Alternative nahe. Der US-Bundesstaat ist dann eines der Lieblingsreiseziele der Familie Höhn geworden.

Auch über Spandau und seine Geschichte spricht der Unternehmer gerne. Die Zitadelle zum Beispiel – er deutet an der Havel stehend in Richtung Burg – mag er gerne. Einmal im Jahr ist er dort zum Essen mit Spandauer Honoratioren eingeladen, „denn auch ich gehöre mittlerweile dazu“. Man zeigt sich gerne mit ihm. Überhaupt Politik. Energisch setzt er an dieser Stelle zu einem Exkurs über Glaubwürdigkeit an. „Das Wort Ethik wird wieder ganz wichtig werden, die Zeit der Schauspielerei ist vorbei“ – davon ist er fest überzeugt. Eher nebenbei erwähnt er, dass er den neuen Regierenden Bürgermeister seit Langem kennt und schätzt. Fleißig sei Michael Müller und „bodenständig“ – das Wort wird beim Spaziergang noch des Öfteren fallen.

Bezogen auf das Eis-Geschäft treibt ihn in puncto Ethik der Qualitätsverfall im Billigsegment um, wo mit viel Luft und Bindemitteln künstliche Cremigkeit erzeugt wird. „Das ist dramatisch, was da passiert. Die Qualität rutscht immer weiter ab“, sagt er mit großem Ernst. Entschieden setzt Höhn seine Philosophie dagegen, spricht über althergebrachte handwerkliche Traditionen und Herstellungsverfahren, die auch in der modernen Produktionshalle angewandt werden. Er vergleicht sich lieber mit amerikanischen Premiumanbietern wie Häagen-Dazs oder Ben & Jerry’s. Wohin die Reise seines Unternehmens gehen soll, das klingt in Sätzen wie diesem an: „Die Fabrik von Ben & Jerry’s in Vermont habe ich Ende der 80er-Jahre besucht, da waren die so groß wie ich heute.“

Zum Sonnen-Image, an dem der Florida-Eis-Gründer arbeitet, passt auch die CO2-neutrale Eisherstellung. Die Initialzündung kam in diesem Fall von Sohn Björn, der als Diplom-Geologe entsprechend sensibilisiert ist. Vor anderthalb Jahren ist der heute 32-Jährige als Quereinsteiger ins Unternehmen gekommen, und den Vater freut es. Seinen eigenen Ehrgeiz, den erkennt Olaf Höhn auch im Sohn wieder – und erwartet ihn wohl auch: „Der wird von Tag zu Tag besser. Das kann etwas werden.“

„Vor Arbeit habe ich keine Angst“

Damit sind wir nicht nur auf dem Spandauer Marktplatz, sondern auch beim Thema Arbeitseinsatz angelangt, das ihn persönlich und als Chef bewegt. Schon als Jugendlicher hat er in der väterlichen Bäckerei am Ofen gestanden, „vor Arbeit habe ich deshalb keine Angst“. Wenn es sein muss, ist er auch sonntags im Dienst, hilft, wenn Not am Mann ist, noch immer bei Events aus. Und wie kommt seine Frau, die früher selbst in der Buchhaltung mitgearbeitet hat, mit seiner Sechs-Tage-Woche klar? Er zögert mit der Antwort, sagt dann: „Das ist immer noch ein Thema, aber kein dominantes mehr. In der Hinsicht bin ich ein bisschen schwierig, ansonsten aber pflegeleicht.“ Seit 37 Jahren sind die beiden Höhns mittlerweile verheiratet.

Erwartet einer wie Olaf Höhn auch von seinen Mitarbeitern einen bedingungslosen Einsatz? Freimütig sagt er, dass er „Rathausdenken“ nicht sonderlich schätzt, und ja, „ein paar Prozent mehr Einsatz“, die möchte er schon gerne sehen bei seinen Angestellten. Umgekehrt ist er ein Kümmerer, einer, der sich auch persönlich für die Mitarbeiter interessiert und da sein möchte, wenn einer Hilfe braucht. Wir stehen mittlerweile vor der Nikolaikirche mit ihrem soliden Turm und betrachten sie. Olaf Höhn gefällt sie, ebenso wie die Fußgängerzone. Klar, alles könnte noch einen Tick schicker sein, und doch: „So etwas hat Berlin sonst nicht.“ In der Kirche heiratet im Sommer eine Mitarbeiterin von ihm – der Chef ist eingeladen. Natürlich wird er hingehen.

Mehr als den Mindestlohn zahlt er in seiner Produktionshalle nach eigenen Angaben schon lange. Und doch ist das Gewinnen von Mitarbeitern ein Dauerthema im Unternehmen. Später im Café, als wir am Tisch sitzen und ein Eis löffeln, wird er lange darüber sprechen: Servicekräfte zu finden sei in einer boomenden Tourismusstadt wie Berlin ohnehin schwierig, doch auch in der Produktion sei es nicht leicht.

Mitarbeiter reisen aus Polen an

Viele seiner Mitarbeiter reisen jeden Tag aus Polen nach Spandau an. Ganz nüchtern sieht er deshalb Einwanderung als überlebensnotwendig für den Wirtschaftsstandort Deutschland an: „Fremde können kommen.“ Wenn in zwei bis drei Jahren die Frage ansteht, wo die nächste Produktionshalle errichtet wird, um weiter expandieren zu können, will Höhn die Entscheidung über den Standort auch daran koppeln, wo er am besten qualifizierte Mitarbeiter finden kann.

Olaf Höhn ist einer, der auch im Detail wissen will, was los ist in seiner Firma. E-Mails von Kunden beantwortet er daher „zu 90 Prozent“ selber: „Das mache ich unheimlich gerne.“ Egal, ob es um Fragen zu möglichen Allergien oder um Wünsche nach neuen Sorten geht. Er schreibt, so sagt er, ausführliche Antworten. Um nicht abzuheben. Das erzählt er, als wir in der Mitte des Marktplatzes stehen. Hier sitzt er gerne in einer alteingesessenen Konditorei, um Kaffee zu trinken und ein Stück Torte zu essen. Er isst gerne, denn gut gemachte Produkte, hochwertige Zutaten, die weiß er zu schätzen. So freut er sich immer auf Fachmessenbesuche in Italien, weil er die Küche des Landes liebt. Genusstrends muss er früh erkennen. In diesem Sommer beispielsweise ist veganes Eis angesagt – „das will der Handel“, sagt er. Sieht er sich als Gourmet? Sein „Nein“ kommt schnell und entschieden. Auch das ist ihm zu abgehoben.

Beim Gehen und Sprechen hat Olaf Höhn ein hohes Tempo. Zeit ist kostbar, und er will weiter an seiner Erfolgsgeschichte arbeiten. Im vergangenen Jahr hat er eines Tages überraschend einen Anruf von Luitpold Prinz von Bayern erhalten. Resultat dieses und vieler weiterer Gespräche: die Linie „König Ludwig Glace Royale“ in blauen Bechern mit dem Konterfei des Märchenkönigs, die im Premiumsegment angesiedelt und in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu haben ist. Dafür hat Mitinhaberin Simone Gürgen, die selbst gelernte Konditorin ist, mit einem Team in den Florida-Eis-Labors zehn eigene Sorten entwickelt, beispielsweise Bayrisch Crème. Als Höhn davon spricht, wie er im Vorjahr den Vertrag mit der bayerischen „Schloss Kaltenberg Königliche Holding und Lizenz KG“ unter Dach und Fach gebracht hat, sieht er aus wie einer, der ganz mit sich im Reinen ist.

Er fühlt sich fit genug, um weiter mitzumischen. Sport war immer wichtig für Olaf Höhn. Schwimmen, Fußball, auch Motorsport hat er betrieben. Und nebenher noch für den Pilotenschein gebüffelt. Dahinter steckt auch, aber nicht nur Freude an der Bewegung. „Wenn ich einen Gegner habe, baue ich mich auf und kämpfe“, erzählt Höhn, und die blauen Augen leuchten. So spricht einer, der noch ganz viel vorhat.

Foto: Amin Akhtar

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