Bildungsmisere

An Berliner Schulen fehlen 136 Leiter

Das Problem hat sich seit vergangenem Jahr verschärft. Vor allem Grundschulen sind betroffen. Die Koalition will den Schulleitermangel in Berlin beseitigen. Dazu gehören auch finanzielle Anreize.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

An den Berliner Schulen fehlen derzeit 136 Schulleiter und stellvertretende Schulleiter. Besonders dramatisch ist die Lage an Grundschulen, dort sind allein knapp 90 Führungsstellen nicht besetzt – 19 von Schulleitern, 70 von Stellvertretern. Damit ist fast jede fünfte Grundschule von diesem Problem betroffen. Neu ist es nicht, allerdings hat sich die Lage im Vergleich zum Vorjahr zugespitzt. Nun wollen sich die Koalitionsfraktionen im Abgeordnetenhaus des Schulleitermangels annehmen.

Die CDU-Fraktion hatte dazu bereits im vergangenen Herbst einen Antrag formuliert. Dort fordert sie unter anderem, größere finanzielle Anreize für die Übernahme einer Leitungsfunktion zu schaffen und die Besoldung der Grundschulleiter um eine Gehaltsstufe anzuheben. Konrektoren, die eine Schulleitung kommissarisch wahrnehmen, sollen für diese Zeit ebenfalls das höhere Gehalt bekommen. Hintergrund ist, dass viele Lehrer unter den jetzigen Bedingungen nicht bereit sind, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Es könne nicht sein, dass ein Lehrer für zwei Fächer mehr verdient als der Konrektor einer Grundschule, es sei deshalb kein Wunder, dass sich kaum Bewerber finden würden, sagte dazu Carsten Paeprer, in der Vereinigung der Berliner Schulleiter für Grundschulen zuständig, der Berliner Morgenpost. Außerdem bräuchten die Grundschulleitungen dringend Unterstützung bei Verwaltungsaufgaben.

Diese Unterstützung benötigten alle Schulleiter, sagt die CDU. Sie trügen hohe Personalverantwortung und müssten Managementaufgaben wahrnehmen, die mit der Führung eines mittelständischen Unternehmens vergleichbar seien. „Damit sich Schulleiter mit voller Kraft diesen wichtigen Aufgaben widmen können, muss sichergestellt sein, dass sie von einem Verwaltungsteam, bestehend aus Verwaltungsleiter, Schulsekretärin, Hausmeister und einem IT-Experten unterstützt werden“, heißt es im Antrag.

Mehr Autonomie für Schulen

Besonders wichtig für eine Entlastung der Schulleiter sei, dass auch die Position des Stellvertreters sowie die Funktionsstellen, also etwa für Fachbereichsleiter und pädagogische Koordinatoren, besetzt sind, formuliert die Union. Der Senat müsse eine Strategie vorlegen, wie innerhalb der nächsten zwei Jahre alle freien stellvertretenden Schulleiterstellen und freie Funktionsstellen besetzt werden können. Zudem solle in einem Modell erprobt werden, den Schulen mehr Autonomie zuzubilligen. In diesem Rahmen sollten auch die Entscheidungsbefugnisse von Schulleitern über Personal und Budget erweitert werden. Außerdem sollten sie die Möglichkeit erhalten, bestimmte Leistungsziele innerhalb der Schule durchsetzen zu können.

Schließlich, so die Union, solle die Qualifizierung der Rektoren verbessert werden. Lehrer, die Schulleiter werden wollen, müssten eine Qualifikation nachweisen, entweder durch eine frühere Schulleitertätigkeit oder einen verpflichtenden Qualifizierungslehrgang an der neu gegründeten Schulleiter-Akademie. Zudem sollten absehbare Vakanzen, etwa durch Pensionierung oder Schulwechsel, künftig schneller und transparent bekannt gegeben und die Bewerbungs- und Auswahlverfahren in kürzerer Zeit als bisher abgeschlossen werden.

„Engagierte Schulleiter haben eine weit über das normale Maß hinausgehende Arbeitsbelastung. Es besteht Konsens darüber, dass die Qualität einer Schule maßgeblich mit den menschlichen, fachlichen und pädagogischen sowie den Team- und Managementqualitäten des Schulleiters und seines Stellvertreters zusammenhängen“, sagte CDU-Fraktionschef Florian Graf dazu der Berliner Morgenpost. Die aktuelle Situation mit 136 unbesetzten Schulleiter- und Vertreterstellen sei fatal und müsse dringend geändert werden.

SPD verweist auf die Kosten

Mit dem Antrag der CDU befasst sich nun die SPD-Fraktion. Ziel ist – wie üblich in der Koalition – ein gemeinsamer Antrag im Abgeordnetenhaus. Die Bildungspolitiker der SPD-Fraktion reklamieren für sich, dass die ursprüngliche Initiative zur Verbesserung der Situation der Schulleiter von den Sozialdemokraten ausgegangen sei. Deren Antragsentwurf konzentrierte sich allerdings nach Morgenpost-Informationen sehr auf Brennpunktschulen, was der CDU nicht weit genug ging. Daher formulierte die Union ihren eigenen Antrag. Den hat der Facharbeitskreis der SPD-Fraktion leicht verändert und nun den Finanzexperten der Fraktion vorgelegt. Dort soll er in Kürze behandelt werden. Wesentlicher Änderungsvorschlag der Sozialdemokraten: Das Modell für mehr Autonomie in Budget- und Personalfragen sowie zur Durchsetzung von Leistungszielen solle an Brennpunktschulen erprobt werden.

Zudem verweist die SPD darauf, dass die Vorschläge im Rahmen der Beratungen für den Doppelhaushalt 2016/2017 diskutiert werden müssten. „Die Schulleiter sind die Kapitäne des Schulbetriebes, sie haben den Kompass in der Hand und tragen eine große Verantwortung für den richtigen Kurs ihrer Schulentwicklung. Wir wollen sie dafür besser ausbilden und bezahlen. Es besteht noch Beratungsbedarf, weil das viel Geld kostet und seriös gestaltet werden muss, das geht nicht handstreichartig“, sagte Joschka Langenbrinck, Bildungspolitiker der SPD-Fraktion.

Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren Berlins und Direktor des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow, mahnt ebenfalls Verbesserungen bei den Schulleitern an. Seine wichtigsten Kritikpunkte sind allerdings in den Anträgen der Koalitionsfraktionen nicht explizit enthalten. Die Direktoren der Gymnasien müssten verbeamtet werden, fordert Treptow. Sie erfüllten hoheitliche Aufgaben, weil sie über die Hochschulzulassung von Abiturienten entscheiden. Zweitens müsse die Zahl der Unterrichtsstunden, die Schulleiter und deren Stellvertreter an Gymnasien zu geben haben, reduziert werden. Sie sei im Bundesvergleich besonders hoch.