Schulpolitik

Berliner Lehrer fordern Volksentscheid über Rahmenlehrplan

Volksentscheide scheinen in Berlin immer beliebter zu werden: Nun rufen die Lehrer nach einem Votum. Ihnen geht es um die Einführung des neuen Rahmenlehrplans, in dem das Fach Geschichte fehlt.

Foto: Matthias Balk / dpa

Wie geht es mit dem geplanten Rahmenlehrplan für die Klassen eins bis zehn an Berliner Schulen weiter? Peter Stolz, Geschichtslehrer am Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain und Vorsitzender des Berliner Geschichtslehrerverbandes, forderte am Mittwochabend bei einer Podiumsdiskussion im Abgeordnetenhaus einen Volksentscheid über die Einführung. Das Forum hatte die CDU-Fraktion veranstaltet, auf dem Podium saßen ausschließlich Schulpraktiker. Alle konnten dem Entwurf des neuen Rahmenplans, für den die SPD-geführten Bildungsverwaltungen von Berlin und Brandenburg verantwortlich zeichnen, nichts Gutes abgewinnen. Unter den rund 80 Zuhörern waren ebenfalls fast ausschließlich Kritiker des Entwurfs.

Dieser sieht vor, die bisherigen Rahmenlehrpläne für Grundschulen, Sekundarschulen, Gymnasien und Förderschulen zu einem einheitlichen Plan für die Klassen eins bis zehn zusammenzufassen. Dies sei „für die Berliner Schulen rundum untauglich”, sagte Moderator Stefan Schlede, Bildungsexperte der CDU-Fraktion. Schlede forderte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf, die am Freitag endende Anhörungsfrist um mindestens ein Jahr zu verlängern und die Einführung des neuen Rahmenlehrplans um ein Jahr auf den Beginn des Schuljahres 2017/2018 zu verschieben.

Auch Hildegard Bentele, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, appellierte eindringlich an Scheeres, den “noch unausgegorenen” Entwurf zu stoppen. “Wir können keine Reform gegen die Schulpraktiker durchführen”, warnte sie. Mehrere Zuhörer stimmten zu, sehr viele Eltern seien über den künftigen Rahmenlehrplan und die gravierenden Änderungen, die er für die Schullaufbahn ihrer Kinder mit sich bringe, noch nicht informiert.

Neuer Berliner Rahmenlehrplan sieht keinen klassischen Geschichtsunterricht vor

Vorgesehen ist darin unter anderem die Neueinführung des Fachs Gesellschaftswissenschaften für die fünften und sechsten Klassen. Darin sind Geschichte, Geografie und Politische Bildung gebündelt – der klassische Geschichtsunterricht als eigenständiges Fach entfällt für diese Altersgruppe. Der Ende November 2014 vorgestellte Entwurf enthalte weder ein Bildungsziel noch ein Menschenbild, kritisierte Hinrich Lühmann (parteilos, für CDU), Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung in Reinickendorf und langjähriger Direktor des Tegeler Humboldt-Gymnasiums.

Er addiere lediglich Kompetenzen, die für eine spätere Berufsausübung befähigen sollen. Dieses Kompetenznetz sei sehr allgemein gehalten. Was die Schüler tatsächlich lernen sollen, bleibe unklar. Konkrete Unterrichtsinhalte seien nicht ausgewiesen.“Es gibt keinen Kanon, was man wissen muss”, rügte Lühmann. Jede Schule müsse ihr Curriculum, also Ziele, Inhalte und Prozess des Unterrichts, selbst erstellen. “Viel Spaß bei einem Umzug innerhalb Berlins” sagte der ehemalige Schulleiter ironisch. Das sei künftig für Schüler schlimmer als ein Umzug von Bayern nach Bremen. In seiner jetzigen Form sei der Rahmenlehrplan eine „Herausforderung des Berliner Schulfriedens”, so Lühmann.

Bildungssentorin Scheeres plant indes nicht, den Anhörungszeitraum noch einmal zu verlängern. Schulpraktiker hätten lange die Möglichkeit gehabt, sich einzubringen. Zudem lägen mehr als 2600 Kommentare und Vorschläge zum Entwurf vor, sagte sie am Donnerstag der Berliner Morgenpost. Diese würden nun intensiv ausgewertet. Es sei derzeit auch nicht vorgesehen, die Einführung des neuen Rahmenlehrplans zu verschieben.