Extremismus

„Die Jugendlichen suchen Identität und Anerkennung“

Claudia Dantschke ist Expertin für Islamismus und berät mit ihrem Team von der Berliner Beratungsstelle Hayat Angehörige von Jugendlichen, die in salafistische Kreise geraten sind.

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Der dschihadistische Terror macht demokratische Gesellschaften verwundbar. Mitten unter uns wächst die Zahl von jungen Männern und Frauen, die sich radikalisieren. Der Trailer zum RBB-Dokumentation.

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Claudia Dantschke ist Expertin für Islamismus und berät mit ihrem Team von der Berliner Beratungsstelle Hayat Angehörige von Jugendlichen, die in salafistische Kreise geraten sind. Einige spielen sogar mit dem Gedanken, in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Seit der Gründung Ende 2011 hatte Hayat mehr als 130 Beratungsfälle. Im Interview erläutert Hayat-Leiterin Claudia Dantschke, was Jugendliche dazu bringt, ihr Leben für das zu opfern, was sie für „die wahre Religion“ halten.

Berliner Morgenpost: Frau Dantschke, wer ist anfällig für Radikalisierung?

Claudia Dantschke: Unsere Fälle kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Eines haben aber alle gemeinsam: Sie sind im religiösen Sinn Analphabeten und kommen in irgendeiner Form nicht mit ihrem Leben zurecht. Eine große Rolle spielt die Familie. Da gibt es fast immer Brüche und etwas ist schiefgelaufen. Oft sind es auch labile Charaktere, die keine Verantwortung übernehmen können und ein geringes Selbstwertgefühl haben.

Die Medien sprechen oft von Turbo-Radikalisierung. Geht es wirklich so schnell?

Es ist nicht so, dass jemand im Internet Propagandavideos sieht und sofort in den Dschihad zieht. Eine Radikalisierung verläuft in Phasen, und um anfällig zu sein, müssen die Betroffenen eine gewisse Unzufriedenheit spüren. Wenn jemand in einer solchen Phase eine Erklärung für die Unzufriedenheit anbietet, kann das ein Schritt in Richtung Radikalisierung sein.

Was wäre denn eine solche Erklärung?

Die betroffenen Jugendlichen fühlen sich in irgendeiner Form fremd in dieser Gesellschaft. Salafisten deuten dieses Gefühl in etwas Positives um. Sie erzählen, dass der Prophet Mohammed in Mekka bekämpft wurde, nach seiner Auswanderung nach Medina aber den islamischen Staat gegründet hat und als Sieger zurückkehrte. Und das alles, weil er trotz aller Widerstände an seinem Glauben festhielt. Mit diesem Bild spielen Salafisten. Junge Menschen, die sich als ausgegrenzte Verlierer fühlen, fühlen sich so als Anhänger einer elitären Gemeinschaft.

Was ist daran gefährlich?

Salafisten werten sich selbst auf und andere ab. Dazu nutzen sie das salafistische Prinzip, dass ein Muslim loyal gegenüber dem sein soll, was Allah will und sich von dem distanzieren soll, was Allah nicht will. Am radikalen Ende der Salafisten-Szene wird daraus ganz platt „Liebe und Hass für Allah“. Jugendlichen bietet das eine scheinreligiöse Legitimation, um sich abzuschotten. Dschihadisten nutzen das Konzept, um den „Heiligen Krieg“ als Pflicht für jeden Muslim darzustellen.

Was hat Salafismus mit dem Islam zu tun?

Die meisten Muslime haben mit den Salafisten nichts zu tun. Aber Salafisten können vieles zuspitzen, was es auch im konservativen Mainstream-Islam gibt. Die sehr plastische Angst vor der Hölle, das zum Teil wortgetreue Verständnis des Koran, die Überzeugung, dass nur Muslime ins Paradies kommen. Die Religion ist aber oft nicht entscheidend. Die Jugendlichen suchen vielmehr Identität, Gemeinschaft, Anerkennung. Bei Dschihadisten spielen auch Männlichkeitsfantasien eine Rolle. Die Religion dient oft nur als Begründungsfolie.

Warum wendet sich Hayat nicht direkt an Jugendliche, sondern an deren Angehörige?

Es gibt zwei Wege der Deradikalisierung. Der eine Weg ist die Arbeit direkt mit Jugendlichen, der andere die Arbeit über die Eltern und das familiäre Umfeld. Sie sind oft die Einzigen, die noch an die Jugendlichen heran kommen. Sie sind oft Teil des Problems, aber immer Teil der Lösung. Wir beraten sie, denn sie können oft den Kindern das bieten, wonach sie suchen und was sie vermeintlich bei den Radikalen finden. Dazu müssen wir aber oft erst innerfamiliäre Konflikte lösen, die die Radikalisierung befördern. Das ist schwierig. Aber in 21 Fällen konnten wir die Radikalisierung stoppen und umkehren. Bei den sicherheitsrelevanten Fällen haben wir durch die Beratung über die Familien in neun Fällen erreichen können, dass ihre Kinder nicht in die Kampfgebiete ausreisen oder nach Hause zurückkommen.

Die Texte sind Ergebnis einer Recherche der Berliner Morgenpost und des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Die Autoren sind Ulrich Kraetzer (Berliner Morgenpost), Sascha Adamek, Jo Goll, Torsten Mandalka (RBB). Das RBB-Fernsehen sendet dazu am Dienstag, 24. März, um 20.15 Uhr eine 45-minütige Dokumentation.

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Foto: privat