Extremismus

Wie aus Harry M. Isa al-Khattab wurde

Im Alter von 17 Jahren konvertiert Harry M. zum Islam. Mehr als drei Jahre saß er in Haft, weil er islamistische Propagandavideos im Internet verbreitete. Für die Terrormiliz IS hat er Verständnis.

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Der dschihadistische Terror macht demokratische Gesellschaften verwundbar. Mitten unter uns wächst die Zahl von jungen Männern und Frauen, die sich radikalisieren. Der Trailer zum RBB-Dokumentation.

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Harry M. ist ein ruhiger Typ, höflich und zuvorkommend. Seine Gäste empfängt er mit einem gut gelaunten „Moin, moin“. Dann bereitet er sich für das Interview vor. Weil auch eine Kamera läuft, vermummt er sein Gesicht mit einem schwarz-weiß karierten Tuch. Dann spricht er über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) – und den sogenannten „Heiligen Krieg“.

Die Muslime, sagt Harry M. – er meint diejenigen, die ihren Glauben ähnlich radikal interpretieren wie er – seien überzeugt, dass der Dschihad eine Pflicht sei. „Auch wenn dabei Köpfe rollen“, fügt er hinzu. Eine Gruppe, die „auf dem Wege Allahs“ kämpfe, müsse sich dafür einsetzen, dass die Scharia, also das islamische Rechtssystem, etabliert wird. Und die Gräueltaten des IS? Empfindet er Mitleid mit den Menschen, denen die Gefolgsleute des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi die Köpfe abschlagen? „Ich persönlich darf kein Mitleid haben mit Personen, über die ein Urteil von Allah ausgesprochen ist, und zwar die Todesstrafe“, sagt Harry M.

Harry M. ist durch und durch radikalisiert. Ein Heißsporn oder gar „ein Wahnsinniger“, bei dem man Angst haben müsste, dass er beim Interview jederzeit ein Messer hervorholen könnte, ist er nicht. Er lässt die Reporter ausreden und wägt seine Antworten sorgsam ab. Zweifel, ob die unmenschlichen „Argumente“, die er vorträgt, vielleicht doch nicht im Sinne Allahs sind, kommen ihm aber nicht. Unter anderen Umständen hätte er sich möglicherweise längst dem IS angeschlossen. Doch er ist erst seit wenigen Monaten wieder auf freiem Fuß, muss also etwas aufpassen. Denn wenn er auf dem Weg in den angeblich „Heiligen“ Krieg aufgegriffen würde, dürfte der Richter das als Verstoß gegen seine Bewährungsauflagen werten.

Videos von Terrorgruppen

Harry M. kann sich noch gut erinnern, wie schnell die Sicherheitsbehörden zuschlagen können. Damals, im Juni 2011 war es, als Beamte eines Spezialeinsatzkommandos vor seiner Tür standen, seine Rechner beschlagnahmten und Harry M. in ihre Obhut nahmen. Ein knappes Jahr später verurteilte das Oberlandesgericht Schleswig den damals 20-Jährigen zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Der Vorsitzende Richter sah es als erwiesen an, dass er auf seiner Webseite „Islamic Hacker Union“ mehr als 80 Propagandavideos von Terrorvereinigungen verbreitet hatte. Einige Videos stammten von der Gruppe „Islamischer Staat Irak“ – der Vorläuferorganisation des IS.

Nun sitzt Harry M. in seiner Wohnung im schleswig-holsteinischen Neumünster und schildert seinen „Weg zum Islam“. Er konvertierte, als er 17 war. Davor hätten ihn Selbstmordgedanken geplagt. Sein Vater verließ die Familie, als er zwei Jahre alt war. Als die Mutter ihn rausschmiss, war Harry 13 Jahre alt. Er kam in ein Heim, dann schlug er sich irgendwie durch, übernachtete mal hier und mal da. Nach der neunten Klasse beendete er, ohne Abschluss, seine schulische Karriere – und nahm Marihuana, Ecstasy und Kokain und trank Alkohol. „Schule, Familie, Freunde, finanziell – ich hatte mit meinem ganzen Leben Probleme“, sagt Harry M.

„Warum lebe ich hier?“

Religiös war Harry M. nie. „Ich habe mir um mein Leben aber auch Gedanken gemacht, wie jeder Mensch eigentlich“, erzählte er in einem Video, das er noch vor seiner Inhaftierung ins Internet stellte. „Warum lebe ich hier, was ist mein Sinn des Lebens, und was bringt mir das, wenn ich arbeiten gehen würde? Und da kam ich auf den Gedanken an Gott.“ An die salafistische Ideologie führte ihn sein Schwager heran. Vier Tage später sprach er das islamische Glaubensbekenntnis. „Da habe ich etwas gesehen, was mir einen Sinn gibt. Woran ich glauben kann und was mir Halt gibt. Was mich weiter voranbringen kann, dass ich nicht so deprimiert durch die Welt laufe.“

Nach dem Übertritt zum Islam übernachtete Harry M. in Moscheen – und hatte vielleicht das erste Mal das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Er war jetzt ein stolzer Muslim und überzeugt, ins Paradies zu kommen. Die „Ungläubigen“, all jene also, die ihm das Leben so schwer gemacht hatten, würden in der Hölle landen. Er lauschte Vorträgen von salafistischen Propagandisten wie dem rheinländischen Konvertiten Pierre Vogel oder dem Organisator der salafistischen Koran-Verteilungskampagne, Ibrahim Abou-Nagie. Ihre Botschaften verstand er schnell: Der Koran ist das unverfälschte und für alle Zeiten gültige Wort Gottes. „Wahrhaft Gläubige“, müssen sich in allen Lebenslagen und unter allen Umständen danach richten – auch wenn die „von Menschen gemachten“ Gesetze etwas anderes verlangen.

Harry M. betete nun fünfmal am Tag, rührte keinen Alkohol mehr an und hielt sich von den Frauen fern. Verboten oder erlaubt, Himmel oder Hölle, gläubig oder ungläubig. Das Leben, das so kompliziert war, schien plötzlich sehr übersichtlich. Seine neue Identität brachte er auch in seinem Namen zum Ausdruck. Aus Harry M. wurde Isa al-Khattab.

Fotos aus Guantanamo

Seine Glaubensbrüder zeigten ihm Bilder aus Palästina und Afghanistan. Flüchtende Frauen, leidende Kinder, Kriegsversehrte und Tote. Fotos aus Guantanamo und aus dem irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib. Harry M. verstand auch diese Botschaft: Die „Ungläubigen“ unterdrücken uns – wir müssen uns verteidigen! Harry M. folgte dem Ruf, beließ es aber beim virtuellen Dschihad. Auf seiner Internetseite, die ihm in der Szene Anerkennung verschaffte, postete er Videos und Kampfgesänge des zum Hardcore-Islamisten mutierten Kreuzberger Ex-Gangsta-Rappers Denis Cuspert oder Fotos von Osama bin Laden. Als er Propagandavideos internationaler Terrororganisationen hochlud, lieferte er den Behörden den rechtlichen Rahmen, um gegen ihn vorzugehen.

Nun ist er auf Bewährung draußen und berichtet in seiner kleinen Wohnung über seine Ansichten zum „korrekten“ Vorgehen in einem „Heiligen Krieg“. Einer seiner Glaubensbrüder habe in einem Video ja gesagt, er würde einem „Ungläubigen“ gerne mit einem stumpfen Messer den Kopf abschneiden. „Das ist im Islam nicht erlaubt“, stellt Harry M. klar. Denn der Prophet Mohammed habe gesagt, dass ein Messer vor dem Schlachten geschärft werden müsse. Einem Menschen mit einem scharfen Messer den Kopf abzutrennen wäre also in Ordnung? „Nach islamischem Recht, ja“, behauptet Harry M.

Die Texte sind Ergebnis einer Recherche der Berliner Morgenpost und des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Die Autoren sind Ulrich Kraetzer (Berliner Morgenpost), Sascha Adamek, Jo Goll, Torsten Mandalka (RBB). Das RBB-Fernsehen sendet dazu am Dienstag, 24. März, um 20.15 Uhr eine 45-minütige Dokumentation.

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