Extremismus

„Es ist meine Aufgabe, die Jugendlichen aufzuklären“

Ferid Heider, Imam der muslimischen Teiba-Gemeinde in Spandau stimmt dem gern bemühten Satz „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun“ inhaltlich zwar zu. Das Lippenbekenntnis ist ihm aber zu wenig.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Terror und Gewalt, Hass und Ausgrenzung: Die Mehrheit der Muslime in Deutschland und Berlin will damit nichts zu tun haben. Immer häufiger werden Muslime dennoch aufgefordert, sich von islamistischen Extremisten zu distanzieren. Das kann nerven. So sagte es der Vorsitzende der Neuköllner Sehitlik-Gemeinde, Ender Cetin, nach den Anschlägen von Paris im Interview mit der Berliner Morgenpost.

Cetin distanziert sich trotzdem unablässig. Und nicht nur das. Er geht in die Offensive und spricht das Problem islamistischer Radikalisierung offen an. In den Räumen der Moschee bietet die Gemeinde Workshops an. Sozialarbeiter und Lehrer, Staatsschützer und Funktionsträger islamischer Einrichtungen können sich dabei über die Gründe für islamistische Radikalisierungen informieren.

„Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten“, sagt Cetin. Auch, wenn es um religiöse Inhalte gehe. Einige Koranverse würden Muslimen tatsächlich das Recht geben, sich bei einem Angriff mit Gewalt zu verteidigen. Aus dem Kontext gerissen und wenn man den Grund für die göttliche Herabsendung nicht berücksichtige, könnten sie daher für politische Ideologien missbraucht werden. „Da müssen wir uns gegen wehren“, sagt Cetin. Umso wichtiger sei es, die Kernbotschaft des Islam zu betonen. „Diese Botschaft ist Frieden, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit“, sagt Cetin.

„Das sind Terroristen, das sind Verbrecher“

Auch Ferid Heider, Imam der muslimischen Spandauer Teiba-Gemeinde, will nicht abwiegeln. Dem gern bemühten Satz, „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun“, stimmt er inhaltlich zwar zu. Das Lippenbekenntnis gegen den Terror ist ihm aber zu wenig. Heider ist kein „liberaler Muslim“, bezeichnet sich als konservativ. Er predigt in Moscheen, in denen Bücher islamischer Gelehrter ausliegen, die Islamwissenschaftler als fundamentalistisch bezeichnen würden. Ausgrenzung und Terror erteilt Heider jedoch eine eindeutige Absage: „Das sind Terroristen, das sind Verbrecher“, schärft er seinen jugendlichen Zuhörern ein, wenn er über den IS spricht. Die Terrormiliz werde aber schon wegen ihres Namens als religiöse Gruppe betrachtet. Muslime trügen daher Verantwortung, um Jugendlichen ein „ausgewogenes und korrektes“ Islamverständnis näher zu bringen.

Wie nötig die Aufklärung ist, weiß Heider genau. Nicht nur einmal musste er erleben, dass Jugendliche, die einst seinen Unterricht besuchten, ihn plötzlich als „Schleimer“ oder „Ungläubigen“ bezeichneten – und sich dem radikalen Ende der Salafisten-Szene anschlossen. „Es ist meine Aufgabe als Imam, die Jugendlichen, so gut es geht, aufzuklären und ihnen eine Alternative zu bieten“, sagt Heider. Die Terroristen würden den Sinn und die Botschaft des Islam ins Gegenteil verkehren. Das müsse er deutlich machen.

Die Anhänger Ferid Heiders, die an diesem Abend im Februar zu seinem Vortrag im „Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung“ in Wedding gekommen sind, berichten, dass die Radikalisierung von Jugendlichen bei ihnen „Top-Thema“ sei. „Den ein oder anderen, der nach Syrien gefahren ist, haben wir auch persönlich kennengelernt“, berichtet ein etwa 25 Jahre alter Moscheebesucher. Es seien junge Menschen mit vielen privaten Problemen, die keinen Anschluss gefunden hätten, sagt er. „Sie sehen dann so ein Ideal und glauben, es gebe eine einfache Lösung für ihre Probleme. Dann lassen sie sich diese merkwürdigen Gedanken eintrichtern, lassen alles stehen und liegen und gehen nach Syrien.“

Drohungen im Internet

Sie selbst fühlen sich wohl in Deutschland. „Wir dürfen uns das Leben von den wenigen, die uns als Muslime nicht haben wollen, nicht vermiesen lassen“, sagt eine junge Frau mit Kopftuch. Muslime könnten ihre Religion in Deutschland ziemlich problemlos ausüben. „Das ist in manchen Ländern, die angeblich islamisch sind, ja nicht so.“ Manchmal, so erzählt ein ebenfalls mit Kopftuch verhülltes Mädchen, sei die Ablehnung aber doch groß. „Als ich einen Tag nach den Anschlägen von Paris auf die Straße gegangen bin, hat mich ein Mann angerempelt und gesagt, dich müsste man töten.“

Bedrohungen von Islamhassern sind das eine. Mit ihrer offensiven Herangehensweise gegen den IS und andere Terrormilizen, haben sich Ferid Heider und seine Anhänger aber auch Feinde in der Dschiahdisten-Szene gemacht. Extremisten hätten ihn erst vor wenigen Wochen auf Facebook bedroht, sagt Heider. „Mit den Worten: Du Bastard, dein Kopf wird auch noch rollen.“ Er habe gefragt, ob er den Eintrag als Drohung auffassen solle. Die Antwort kam prompt: „Ja, du hast es erfasst.“

Die Texte sind Ergebnis einer Recherche der Berliner Morgenpost und des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Die Autoren sind Ulrich Kraetzer (Berliner Morgenpost), Sascha Adamek, Jo Goll, Torsten Mandalka (RBB). Das RBB-Fernsehen sendet dazu am Dienstag, 24. März, um 20.15 Uhr eine 45-minütige Dokumentation.

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