Berliner Hotels

Übernachten im Sarg oder mit Löwenkäfigen

Klangskulpturen, Holzhütten und Wohnwürfel – Berlins Gäste erwarten zahlreiche innovative Hotelkonzepte. Dabei übertreffen sich die Macher mit immer neuen und vor allem skurilen Ideen.

Foto: Hüttenpalast / dpa-tmn

Sie brauchen nur ein Bett zum Schlafen, das reicht Ihnen völlig? Wer wird denn gleich so anspruchslos sein? Berlin ist schrill, Berlin ist anders. Und so sind auch seine Hotels.

Für die Propeller Island City Lodge in Kudamm-Nähe bekam man als Gast eine Bedienungsanleitung, um überhaupt mit seinem Zimmer klar zu kommen. Diese Booklets waren so beliebt, dass sie mittlerweile vergriffen sind. Alle Zimmer, Möbel und Objekte wurden von dem Berliner Künstler Lars Stroschen entworfen – keines der handgefertigten Unikate wird man jemals irgendwo anders auf diesem Planeten finden.

Die Zimmer sind mit einer Audioanlage ausgestattet, über die der Gast speziell für die City Lodge komponierte Klangskulpturen, Musik und Geräusche hören kann, wodurch sich die Atmosphäre der Zimmer jeweils verändern lässt. Ein Raum ist vollständig verspiegelt, in einem anderen stehen zwei Löwenkäfige auf anderthalb Meter hohen Stelzen, ein weiteres hat einen schiefen Fußboden. Manche Gäste übernachten in den Särgen der "Gruft", andere entscheiden sich für das "Upside Down"-Zimmer, in dem das Bett kopfüber von der Decke hängt. Sogar eine Gefängniszelle ist buchbar – die Toilette steht direkt im Zimmer.

Lars Stroschen, der unter dem Pseudonym Propeller Island arbeitet, baute in seiner Wohnung zwei Räume zu Fremdenzimmern um, um seine Musikprojekte zu finanzieren. So startete seine selbsternannte Visionsmaschine: "Ich bin stolz auf mein Gesamtkunstwerk, an dessen Durchführbarkeit so viele gezweifelt hatten und das jetzt immer mehr Kunstinteressierte aus der ganzen Welt anlockt – sogar 'richtige' Architekten und 'richtige' Hoteliers!"

Wohnwagen in einer Staubsaugerfabrik

Ein verrücktes Hotels ist auch der Hüttenpalast in Neukölln. Die ehemalige Produktionshalle einer Staubsaugerfabrik ist zum "Metropolenkiez-Campingplatz" umgebaut worden. In zwei Hallen stehen auf 200 Quadratmetern acht Wohnwagen und vier Holzhütten aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren.

"Uns war von Anfang an klar, dass unser Traumschloss kein Hotel im klassischen Sinne werden würde, aber wer braucht das schon in Berlin und wer will das schon in Neukölln?", fragte sich die Gründerin Silke Lorenzen. Die Wohnwagen heißen Schneewittchen, Herzensbrecher oder Dübener Ei. "Unser Schneewittchen ist der kleinste unter den Wohnwagen. In der DDR unter dem Namen Weferlinger Heimstolz geführt, war der Wagen aus Sperrholz sogar vom Trabant mit Leichtigkeit zu ziehen. Wir hatten das große Glück, diese Rarität von den Erstbesitzern zu übernehmen, die ihren Heimstolz seit den 60er-Jahren liebevoll gepflegt haben, erzählt Lorenzen. "Weil wir bei seinem Anblick ständig das Gefühl hatten, wir wären plötzlich Riesen und befänden uns in einer Märchenwelt, erhielt er den Namen Schneewittchen."

Wer wahrlich kaiserliche Energie spüren will, der ist im Qbe Hotel Heizhaus Berlin richtig. stand wohl mit seinem Ausspruch "Die Würfel sind gefallen" Pate bei der Philosophie des Hotels. Auf einem ehemaliges Gelände der NVA, 400 Meter vom S-Bahnhof Friedrichsfelde Ost entfernt, hat im August 2014 die coole Wohnwürfel-Anlage eröffnet.

"Die wachsende Zahl in- und ausländischer Berlin-Besucher erzeugt eine immer vielfältiger werdende Hotellandschaft in der Hauptstadt. Berlin bietet verschiedenste Hotels, die von den gängigen Konzepten abweichen", sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin. "Sie passen zum kreativen, wilden Image der Stadt. Derzeit gibt es etwa 20 Häuser, die völlig aus dem Rahmen fallen und entweder sehr kreativ, extrem durchgestylt oder öko sind. Schließlich stellen sich die Hoteliers so auf den härtesten Hotelmarkt der Welt ein."

Ankimo-Seeteufel-Leber über Wolfsbarsch-Falafel

Auch die Restaurants der Stadt müssen sich immer mehr einfallen lassen, um aufzufallen. Klappe, die Erste: Vorhang auf für das "Glass" in der Uhlandstraße, ein synästhetischer Mix aus Wonderland und Future Capsule. Okay, Besitzer und Chef-Koch Gal Ben Moshe hat es mit seiner Kochkunst und seiner verspielt-artifiziellen Speisekarte – von der Ankimo-Seeteufel-Leber über Wolfsbarsch-Falafel bis zum Wassermelonen-Nigiri – direkt in den Michelin-Guide geschafft. Aber Kochkunst alleine lockt heute nicht gleich alle hauptstädtischen Gourmet-Jünger an. Doch wer hier tafelt, sitzt in einem Glashaus, in dem sich industrielle Metallrohre und echte weiße Hyazinthen, die einzeln von der Zimmerdecke hängen, widerspiegeln. Und so fühlt sich der Gast nahezu selbst so, als ob er auf ein silbernes Tablett erhoben wird. Dazu reflektiert ein opulenter, schillernden Silbervorhang – einer Alufolie gleich – das genussvolle Geschehen.

Ganz großes Kino wird auch im aufgepimpten "Das Hauptstadtrestaurant – Gendarmerie" geboten. Im historischen Gebäude des Humboldt Carrés am Gendarmenmarkt ist der Superlativ ausgerufen worden. Schließlich kann man in einem 2500 Quadratmeter großen Saal auch nicht kleinlich sein und muss gehörig die gestalterischen Muskeln spielen lassen. Ein neues Lichtkonzept zaubert stimmungsvolle Farben und beleuchtet einen Nachbau der Berliner Mauer als Graffiti-Kunstwerk von Markus Lüpertz' Sohn Leo ebenso wie großformatige Fotografien mit Berliner Persönlichkeiten, wie Hildegard Knef und Horst Buchholz. Raumgreifender Clou ist das größte Holzrelief der Welt, das 70 Quadratmeter große "Bacchanal", extra erschaffen für die Gendarmerie von Jean-Yves Klein. "Das Bacchanal so zu sehen, heißt Erträumtem zu begegnen; die Phantasie des Malers bewegt dabei. Wer ihr folgt, dem kann es am Ende gelingen, das Leben zu umarmen!", schwärmt der Berliner Kunsthistoriker Wolfgang Schöddert.

Sagen Sie also nie, Sie gehen nur essen oder Sie wollen nur schlafen.

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