Antisemitismus

Zentralratspräsident Schuster rät Juden, keine Kippa zu tragen

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Josef Schuster rät Juden davon ab, in bestimmten Kiezen der Stadt die Kippa zu tragen. Die Entwicklung sei „ein wenig erschreckend“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, rät den Juden in Deutschland zu mehr Vorsicht im öffentlichen Raum. Er stellt das Tragen der Kippa in Problemvierteln in Frage.

Die meisten jüdischen Einrichtungen seien gut gesichert, räumt Schuster ein. Auch sollten sich Juden nicht aus Angst verstecken. Andererseits könnte es in bestimmten Stadtvierteln durchaus angeraten sein, sich nicht mehr als Jude zu erkennen zu geben. Das sagte Schuster am Donnerstag in einem Interview im RBB-Inforadio.

Ein Verstecken sei zwar nicht der richtige Weg, führte Schuster weiter aus. „Die Frage ist, ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben, oder ob man da besser eine andere Kopfbedeckung trägt.“

Schuster gegen Abwanderung nach Israel

Das sei eine Entwicklung, die er so vor fünf Jahren nicht erwartet habe, und die schon auch ein wenig erschreckend sei, bedauerte Schuster.

Nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen – auch auf jüdische Einrichtungen und Bürger – hatte Israels Ministerpräsident Juden wiederholt dazu aufgefordert, nach Israel einzuwandern. Schuster betont dagegen, dass Juden und jüdische Einrichtungen in Deutschland sich sicher fühlten.

Trotzdem habe er einen Appell an die Verantwortlichen gerichtet, die Sicherheitstechnik zu überprüfen: "Ich glaube, was die Sicherheit angeht, ist es sicherlich notwendig, gerade in den nicht im Mittelpunkt stehenden Gemeinden, in kleineren und mittelgroßen Gemeinden, bei den technischen Möglichkeiten der Sicherung noch ein bisschen nachzubessern", so Schuster im RBB-Inforadio.

Auch der Berliner Rabbiner Daniel Alter warnte nach einem Überfall im Jahr 2013 vor No-Go-Areas für Juden in der Hauptstadt. Dennoch ist Berlin unter jungen Israelis äußerst angesagt und gilt als sicherer und günstiger Ort zum Leben. Daniel Alter ist seit Ende 2012 Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Seit Mittwoch haben sich rund 350 junge jüdische Erwachsene in Berlin zu ihrem Jugendkongress versammelt. Schwerpunktthema des diesjährigen Kongresses sind die deutsch-israelischen Beziehungen. Denn die die diplomatischen Beziehungen bestehen in diesem Jahr seit genau einem halben Jahrhundert. Der Kongress endet am Sonntag.

Zahl antisemitischer Straftaten gestiegen

Die Zahl antisemitischer Straftaten nahm im vergangenen Jahr in Deutschland stark zu. Wurden 2013 noch 788 Fälle registriert, waren es im vergangenen Jahr 1076 – ein Anstieg um mehr als ein Drittel. Das teilte die Amadeu-Antonio-Stiftung der Zeitung "Heilbronner Stimme" mit. Die Stiftung beruft sich auf Zahlen der Bundesregierung, die bislang noch nicht veröffentlicht wurden.

Eine ähnlich hohe Zahl antisemitischer Taten gab es demnach zuletzt 2008. Der Projektleiter der Stiftung, Jan Riebe, verwies auf eine hohe Dunkelziffer. "Viele Straftaten werden nicht angezeigt, was auch an der sehr niedrigen Aufklärungsquote liegt."

Weiterhin hohe Gefährdungslage

Die Gefährdungslage für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist laut Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nach den Anschlägen von Frankreich und Dänemark unverändert hoch. "Die Gegner unserer Demokratie werden mit allen zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft", sagte der Minister am Dienstag bei einem Treffen mit Schuster. Bei einem Anschlag auf die Hauptsynagoge von Kopenhagen war am 15. Februar ein jüdischer Sicherheitsmann getötet worden.

De Maizière betonte: "Wir alle wünschen uns, dass Juden weiterhin gerne in Deutschland leben." Schuster bekräftigte, das jüdische Leben in Deutschland sei ein "Teil unserer Gesamtgesellschaft", den man sich nicht durch Terroranschläge zerstören lasse. Die jüdische Gemeinschaft sei zwar nach den jüngsten Anschlägen beunruhigt, vertraue aber auf die Entschlossenheit der Behörden, sie zu schützen.

( EPD/dpa/KNA/tal )