Kriminalstatistik 2014

Straftaten im Minutentakt - Berlin ist die Stadt der Diebe

Polizeipräsident Klaus Kandt und Innensenator Frank Henkel haben die Berliner Kriminalstatistik 2014 vorgestellt. Vor allem Eigentumsdelikte und Schwarzfahrten sind stark gestiegen.

Die Zahl der Straftaten in der Hauptstadt hat zugenommen. In jeder Minute des Tages wird in Berlin mindestens ein Delikt verübt. 1488 Straftaten pro Tag waren es 2014. Insgesamt registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 543.156 Taten, von Mord und Totschlag (zusammen 131 Delikte) über Raub (5697 Fälle) und Taschendiebstahl (32.121 Fälle) bis zu Betrugs- und Fälschungsdelikten (121.893 Fälle). Das waren acht Prozent oder knapp 40.000 Delikte mehr als im Jahr zuvor. Wie hoch die Dunkelziffer der gar nicht gemeldeten Straftaten ist, lässt sich dabei nicht einmal im Ansatz seriös feststellen.

Und dennoch: „Neben einigen Schattenseiten beinhaltet die Kriminalstatistik für 2014 auch Licht“, mit dieser ebenso einfachen wie zutreffenden Bemerkung eröffnete Innensenator Frank Henkel (CDU) am Montag die Pressekonferenz im Roten Rathaus, bei der Innenverwaltung und Polizei ihren Kurzbericht zur Kriminalitätsentwicklung im vergangenen Jahr vorstellten. Für den Schatten sorgt dabei einmal mehr die anhaltende, teils dramatische Zunahme der Eigentumsdelikte vom Taschendiebstahl bis zum Wohnungseinbruch. Licht sieht der Senator hingegen bei den Gewaltdelikten. Denn deren Anzahl hat im vergangenen Jahr den niedrigsten Stand seit 1996 erreicht.

Henkel will mehr Stellen schaffen

Besorgniserregend – das räumten auch Henkel und Polizeipräsident Klaus Kandt am Montag ein – ist die Entwicklung bei den Eigentumsdelikten. Bei Diebstählen insgesamt verzeichnete die Berliner Polizei im vergangenen Jahr einen Anstieg von 7,3 Prozent auf 242.899 Taten. Die Zahl der Einbrüche stieg um 5,1 Prozent auf 12.159 Fälle und beim Taschendiebstahl gab es gar einen Anstieg um 54 Prozent auf 32.121 Delikte. Kandt kündigte bei der Vorstellung des Kurzberichtes an, die Arbeit der eigens eingerichteten Ermittlungsgruppen zur Bekämpfung dieser Kriminalitätsformen weiter zu intensivieren. Der Innensenator wiederum nahm die Zahlen zum Anlass, für den nächsten Doppelhaushalt Mittel zur Schaffung weiterer Stellen bei der Polizei „im dreistelligen Bereich“ anzukündigen.

Insbesondere die Bekämpfung des Taschendiebstahls ist für die Polizei eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Die Taten, unter denen nicht nur die Berliner, sondern auch die zahlreichen Touristen leiden, werden nahezu ausschließlich von reisenden Tätergruppen begangen, die kaum unter Kontrolle zu bekommen sind.

Werden einzelne Langfinger erst mal gefasst und als Serientäter registriert, verschwinden sie aus Berlin und werden innerhalb der straff organisierten Banden in einer anderen Großstadt eingesetzt. Ersatzweise kommen dafür neue, noch nicht erfasste Täter in die Hauptstadt. Die Reserven an neuen Tätern, die fast alle aus Südosteuropa stammen, scheinen unerschöpflich. In ähnlicher Weise agieren auch die Banden, durch die der Großteil der Einbrüche verübt wird.

Mord und Totschlag nimmt zu

Gestiegen sind im vergangenen Jahr in Berlin auch Mord und Totschlag (um 23 Prozent auf 131 Fälle) und Sexualdelikte (um 14 Prozent auf 2991 Fälle). Deutlich zugenommen haben zudem die Taten im Bereich der Internetkriminalität, hier verzeichnete die Polizei 2014 knapp 21.000 Fälle, zehn Prozent mehr als im Jahr davor.

Rückläufige Zahlen gab es bei Raubdelikten (Rückgang um 8,4 Prozent auf 5697 Taten) Brandstiftungen (Rückgang um 9,8 Prozent auf 662 Fälle) und im Bereich der Wirtschaftskriminalität, wo 6574 Fälle erfasst wurden, 7,9 Prozent weniger als 2013.

Gäbe es eine Rangliste für die Ab- und Zunahme einzelner Straftaten, Berlins Schwarzfahrer würden einsam und allein an der Spitze stehen. Registrierte die Polizei 2013 noch etwa 7000 Fälle sogenannter Beförderungserschleichung, waren es 2014 knapp 35.000 Fälle. Das bedeutet eine Zunahme um sagenhafte 395 Prozent.

Die Zahlen zu den Schwarzfahrern zeigen aber auch, mit welcher Vorsicht statistische Angaben zu bewerten sind. 2013 gab es vergleichsweise wenige Kontrollen in Bussen und Bahnen, 2014 wurden sie deutlich erhöht. Allein daraus ergibt sich nach Angaben des Polizeipräsidenten der atemberaubende Anstieg.

Weniger Gewalt, weniger jugendliche Täter, weniger Drogendelikte, das waren die Punkte, die Innensenator und Polizeipräsident in den Vordergrund stellten, ohne dabei die negativen Entwicklungen außer acht zu lassen. „Die Wahrscheinlichkeit, in Berlin Opfer einer Gewalttat zu werden, ist so gering wie seit 20 Jahren nicht mehr“, sagte Henkel und sprach von einer erfreulichen Nachricht. Er habe nicht den Eindruck, dass Berlin unsicherer geworden wäre, ergänzte Kandt.

Nur wenige Stunden nach Bekanntwerden der Kriminalitätszahlen präsentierten Politiker der Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus erwartungsgemäß eine andere Sicht der Dinge. Benedikt Lux, Innenexperte der Grünen, nannte die Zahlen ebenfalls besorgniserregend und verwies darauf, dass die Gesamtzahl der 2014 erfassten Delikte auf dem höchsten Stand seit 2003 liege. Gerade im Bereich der Alltagskriminalität dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Polizei habe bereits kapituliert, warnte Lux und forderte den Innensenator auf, seine Anstrengungen zur Bekämpfung der Großstadtkriminalität zu verstärken.

Bedrohung durch Terrorismus

Deutlich schärfer fiel die Kritik bei Hakan Tas von der Linkspartei aus. Die Zahlen ließen den Innensenator schlecht aussehen und zeigten, dass dieser mit seiner „Politik der Ankündigungen“ gescheitert sei, sagte Tas. Berlin brauche keine Ankündigungen, sondern mehr qualifiziertes Personal bei der Strafverfolgung, forderte der Abgeordnete der Linken.

Ähnlich reagierten auch Vertreter der Polizeigewerkschaften. Sie nahmen die Kriminalitätszahlen zum Anlass, einmal mehr zusätzliche Stellen für die Polizei zu fordern. In einem Punkt zumindest zeigten Henkel und Lux eine bei ihnen eher seltene Einigkeit: Beide dankten den Berliner Polizisten für ihre Arbeit unter schwierigen Bedingungen.

Neben dem Kurzbericht zur allgemeinen Kriminalitätsentwicklung im Jahr 2014 präsentierten Innensenator und Polizeipräsident auch erste Zahlen zur politisch motivierten Kriminalität (PMK) im vergangenen Jahr. Dort gab es fast ausschließlich Zunahmen. Die Delikte mit rechtsextremistischem Hintergrund stiegen um elf Prozent von 1385 auf 1536 Fälle. Taten aus dem linksextremistischen Spektrum wurden 1350 Mal registriert, 300-mal mehr als im Jahr zuvor, das ist ein Anstieg von 30 Prozent. Die politisch motivierte Ausländerkriminalität stieg im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 63 Prozent von 196 auf 319 Fälle.

In dem Zusammenhang nannte Kandt den islamistischen Terrorismus eine anhaltende Bedrohung, die auch Berlin betreffe. Die Zahl der Berliner, die als Rückkehrer aus Kriegsgebieten im nahen Osten eine Gefahr darstellten, liegt laut Kandt „im oberen zweistelligen Bereich“.

Auch im Bereich PMK mussten Henkel und Kandt eine besorgniserregende Entwicklung einräumen. Etwa jedes vierte Delikt mit politischem Hintergrund war 2014 eine Gewalttat. 777 wurden registriert, gegenüber dem Vorjahr ist das ein Anstieg von 69 Prozent. „Hier müssen wir wachsam bleiben, dass die Gewalt nicht in die Mitte der Gesellschaft rückt“, sagte Henkel.