Ausstellung in Berlin

„Körperwelten“ gewähren den Blick auf Lunge, Leber und Galle

Am kommenden Mittwoch öffnet das Körperwelten-Museum am Berliner Fernsehturm. Ein erster Blick in die neue Dauerausstellung „Menschen Museum – Facetten des Lebens“ von Plastinator Gunther von Hagen.

Foto: Amin Akhtar

Von Totenstille keine Spur. Hebebühnen fahren geräuschvoll in die Höhe, letzte Bauteile werden krachend abgeladen. Dazwischen stehen die ersten anatomischen Exponate, ausgeleuchtet in Vitrinen: die Tänzerin, das Paar in Umarmung, die Bogenschützin und der Denker. Noch wuseln die Arbeiter zwischen ihnen herum. Dazu läuft gerade die Bauabnahme vom Bezirksamt. Im Körperwelten-Museum am Fuß des Fernsehturms stehen die letzten Arbeiten an. Am Mittwoch, 18. Februar, eröffnet die neue Dauerausstellung des Plastinators Gunther von Hagens und seiner Frau und Kuratorin Angelina Whalley unter dem neuen Namen „Menschen Museum – Facetten des Lebens“.

Mit dem neuen Namen will sich Angelina Whalley von den mehr als 100 Körperwelten-Ausstellungen, die sie weltweit gezeigt hat, abgrenzen. „Wir haben in dem Museum inhaltlich ein anderes Konzept“, sagt die Kuratorin. 220 anatomische Exponate, darunter 20 Ganzkörperplastinate, sind auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern zu sehen. Sie erläutern den gesamten Körperbau mit Sehnen, Muskeln, Organen und sind in Kapitel geordnet, wie Verdauung, Atmung, Nervensystem. Zu jeden Bereich gehört eine übergeordnete Sichtweise, eine Metaebene, die über die anatomische Aussage hinausgeht. So ist dem Nervensystem das Thema Glück und Unglück zugeordnet.

Gehirn mit Glücksmodul

„Das Gehirn vermittelt das Glücksempfinden, es ist mit einem Modul ausgestattet, um Gutes vom Schlechten zu unterscheiden“, sagt Angelina Whalley. Das habe den Nachteil, dass es uns süchtig werden lässt nach dem Glücksgefühl. Sie will zum Nachdenken anregen. Auf einer Tafel steht: Warum sind wir mit dem Zustand der Zufriedenheit nicht zufrieden? Die Ausstellung verbindet Anatomie und Philosophie, Medizin und neue Medien. Zwischen schwarzen Stellwänden laufen Videoprojektionen. Fast im Kinoformat ist gerade die Reise durch das Nervensystem zu sehen. Auf die Frage nach dem Ausstellungshighlight gefragt, sagt die Kuratorin: „Das sind wir, der Mensch.“

Bereitwillig erklärt sie an den Plastinaten die Besonderheiten. So ist bei dem Paar in Umarmung bei beiden Körpern die Wirbelsäule aus dem Rücken herausgelöst und nach hinten gebogen. Dadurch ist der Blick auf Lunge, Zwerchfell, Leber und Gallenblase frei. Oben auf der Wirbelsäule ist die Schädelbasis mit dem Gehirn befestigt. Als Zeichen für das übergeordnete Kontrollzentrum, in dem Glück als Ergebnis elektrochemischer Reaktionen auf bestimmte Reize entsteht – rein wissenschaftlich gesehen.

Keine Daten über Körperspender

Angelina Whalley weiß, dass manche befürchten, den Anblick der plastinierten Körper nicht zu ertragen. „Um den Schrecken zu nehmen, müssen die Plastinate ästhetisch sein“, sagt sie. Bis zu 2000 Arbeitsstunden erfordert die Plastination eines Körpers. Grundlage des Verfahrens ist der Austausch von Körperwasser und -fett gegen einen Kunststoff. Die gezeigten Exponate stammen aus dem Körperspende-Programm des Instituts für Plastination in Heidelberg, in dem 15.000 Spender registriert sind. In der Ausstellung sind keine persönlichen Daten über die Körperspender zu erfahren, kein Alter und keine Todesursache. „Das wird zwar oft gefragt – das Wissen darüber würde aber davon abhalten, beim Anblick der Exponate sich selbst zu entdecken“, sagt Angelina Whalley.

Bis zum Schluss mussten die Kuratorin und Plastinator Gunther von Hagens um die Eröffnung ihres Museums bangen. Der Bezirk Mitte wollte die Ausstellung auf der Grundlage des Bestattungsgesetzes verbieten. Zwei Prozesse wurden geführt, zweimal hat das Gericht entschieden, dass Plastinate nicht unter das Bestattungsgesetz fallen. Das Bezirksamt ist in Revision gegangen und hatte ein Zwangsgeld von täglich 10.000 Euro angedroht, sollte die Ausstellung eröffnen. Erst vor vier Tagen hat das Gericht auch diese Forderung in einem Eilverfahren abgewiesen. Sie sei erleichtert, sagt Angelina Whalley. Sie toure seit 20 Jahren mit der Ausstellung, bereits 40 Millionen Besucher hätten sie gesehen, unter anderem in London, New York und Chicago. „Aber so etwas wie mit dem Bezirksamt Mitte haben wir noch nie erlebt“, sagt die 54 Jahre alte Ärztin.

Von Totenstille wird auch nach der Eröffnung keine Spur sein. Die Exponate regen nicht nur zum Betrachten sondern auch zum Austausch an. „Schüler sind schneller durch als Ärztegruppen“, weiß die Kuratorin. Die Mediziner müssten alle Details genau betrachten. Noch fehlen einige Grafiken. Die Ausleuchtung stimme auch noch nicht, sagt Techniker Christian Luger. Aber: Die Bauabnahme ist erfolgt.