Prozess

Wie ihre Geschwister Arzu Ö. verschleppten und töteten

Die junge Kurdin Arzu Ö. wurde von ihrem Bruder erschossen. Im Prozess in Detmold äußert sich die Familie erstmals zum Tatablauf.

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Ob die Tränen von Sirin Ö. echt sind oder Kalkül entspringen, ist für den Beobachter schwer zu erkennen. Den Vorsitzenden Richter Michael Reineke beeindrucken sie an diesem Tag offenbar nicht. „Das Ganze ist keine Show hier. Nun reißen sie sich zusammen“, unterbricht er die stockenden Aussagen der 27 Jahre alten Angeklagten am Montag schon nach den ersten Sätzen. Kaum verständlich hatte Sirin über ihre Beziehung zu ihrer Schwester Arzu erzählt und berichtet, wie es dazu kam, dass die 18-Jährige in Detmold von ihren Geschwistern verschleppt und in Norddeutschland erschossen wurde – von ihrem 22-jährigen Bruder Osman.

Reineke ist ein erfahrener Richter. In dem Verfahren am Landgericht Detmold sind fünf Geschwister der Toten im Alter von 21 bis 27 Jahren angeklagt. Sie sollen Arzu am 1. November 2011 aus der Wohnung ihres deutschen Freundes verschleppt haben. Drei Angeklagten wird zudem vorgeworfen, die 18-Jährige getötet zu haben, weil ihr Lebenswandel nicht den Traditionen der jesidischen Familie entsprach. Vor allem die Beziehung zu einem 21-jährigen Deutschen wurde nicht geduldet. Immer wieder wurde sie offenbar verprügelt.

Kurz vor der Tat war die 18-jährige Kurdin von ihrer Familie verstoßen worden. Sie hatte ihren Namen und ihr Aussehen geändert und war in ein Frauenhaus geflüchtet. Von der Verschleppung und dem Tötung wussten die Eltern nach Angaben der Angeklagten nichts. Das sieht die Staatsanwaltschaft Detmold noch anders – so wird derzeit auch gegen den Vater ermittelt.

Sirin Ö. als treibende Kraft

Sirin Ö. war bei den Planungen zur Auffindung und Verschleppung von Arzu offenbar die treibende Kraft. Durch ihre Arbeit in der Detmolder Bürgerberatung kannte sie den Umgang mit Behörden und die Recherchen in den Ämtern. Die Beziehung zu ihrer jüngsten Schwester Arzu sei besonders innig gewesen, sie habe sich für sie verantwortlich gefühlt. „Ich liebe sie und das wird auch immer so bleiben“, erklärt die 27-Jährige zu Beginn ihrer umfangreichen Aussage. So habe sie Arzu unter anderem den Führerschein vorfinanziert.

Nach dem Bruch mit der Familie versuchte Sirin Ö. immer wieder, den Aufenthaltsort von Arzu zu ermitteln. Nach mehreren Misserfolgen stellte sie schließlich fest, dass die 18-Jährige weiterhin ihren Freund in Detmold besuchte. Dort kam es am 1. November zu dem Überfall – nachdem Sirin zuvor erfolglos versucht hatte, mit Arzu zu sprechen. „Mir war klar, dass wir das mit Gewalt durchsetzen, wenn sie nicht mitkommt“, gesteht sie. Sirin sowie ihre Brüder Kirer und Osman machten sich mit einem Pkw Richtung Hamburg auf, um die aus ihrer Sicht renitente Schwester bei einem „liberalen Onkel“ abzuliefern. Ein zunächst gefasster Plan, Arzu zu einem Haus der Familie im ostwestfälischen Steinheim zu bringen, wurde aufgegeben. Die Brüder Kemal und Elvis waren an dem weiteren Tatgeschehen demzufolge nicht mehr beteiligt.

Auf dem Weg nach Norddeutschland – zunächst nach Hamburg und dann zu einem weiteren Onkel in Lübeck – geriet die Situation nach Angaben von Sirin außer Kontrolle. Bei einer Pause nahe der Autobahn 1 kam es zu einem Streit zwischen Arzu und Osman. Nachdem sie den Pkw verlassen hätten, habe Arzu ihn und seine Eltern beleidigt und ihn provoziert, sagt der 22-jährige Osman. Er habe Arzu zu Boden geschmissen, eine mitgeführte Waffe gezogen und ihr in den Kopf geschossen. Die Schusswaffe will er im Juni 2010 erworben haben, weil es zu Auseinandersetzungen mit dem Schwiegervater seines Bruders gekommen sei.

Anders als seine Schwester beschränkt sich Osman Ö. bei seiner Aussage auf wenige Worte. Auch auf Nachfrage von Richter Reineke kann er nicht wirklich deutlich machen, warum er zur Waffe griff und feuerte. „Ich bin außer Kontrolle geraten“, erklärt er lediglich. Warum er die Waffe überhaupt bei sich hatte, wisse er nicht. Nach der Tötung wurde die Leiche der jungen Frau an einem Golfplatz abgelegt, wo sie Mitte Januar 2012 entdeckt wurde.

Bislang hatten die wegen Mordes angeklagten Geschwister zu der Tat nichts gesagt, lediglich Kemal und Elivs hatten bei den Vernehmungen die Verschleppung aus der Wohnung eingeräumt. Richter Reineke wägt die Aussagen bedächtig ab und bohrt immer wieder nach, wenn ihm die Angaben zweifelhaft erscheinen. Es sei durchaus nicht ausgeschlossen, dass es sich bei der Aussage von Osman um eine „vorgeschobene Geschichte“ handele, sagt er. Seiner Ansicht nach gibt es noch Widersprüche unter anderem zu der mit dem Auto zurückgelegten Strecke und den Handyanrufen. Man „stehe noch ganz am Anfang des Prozesses“, erklärt Reineke – zudem stehe es den Angeklagten durchaus frei, „Märchen“ zu erzählen.

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