Arm und Reich

Steglitz-Zehlendorf - ein Bezirk der Gegensätze

In Steglitz-Zehlendorf leben die reichsten Menschen der Stadt. Ganz anders in Lankwitz. Doch im Ortsteil hofft man – auch auf die Berlinale. Denn das Thalia an der Kaiser-Wilhelm-Straße ist dabei.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Internationale Filmfestspiele in Lankwitz, geht so etwas überhaupt? Berlinale, das ist doch, wenn die Filmdiven unter tausendfach aufleuchtenden Blitzlichtern über den Potsdamer Platz mit seiner Hochhauskulisse schweben. Ein bisschen vom großen Glamour aber verteilt Berlinale-Chef Dieter Kosslick seit 2010 auch auf die weniger atemberaubenden Ecken der Stadt. Das heißt dann „Berlinale goes Kiez“. In den vergangenen Jahren wurden etwa Kinos in Neukölln, Friedrichshagen und Steglitz in das große Spektakel einbezogen. In Lankwitz wird nun das 1953 gebaute Thalia an der Kaiser-Wilhelm-Straße 71 erstmals dabei sein. Hier heißen die Veranstaltungsorte nicht Berghain sondern Kinder- und Jugendtreff Käseglocke. Gespeist wird statt im „Borchardt“ im Bouletten-Imbiss „Burger Boys“. Und statt glitzernder Bürotürme prägen schlichte Mietshäuser das Bild.

Lankwitz erlebte den Niedergang

„Jede Aktion, die Menschen herlockt, ist dankenswert“, sagt Rüdiger Rabenow. In seiner schmalen Buchhandlung an der Kaiser-Wilhelm-Straße sitzt der 60-Jährige zwischen Kasse, Telefon und hellen Holzregalen wie auf einer Kommandobrücke. „Lankwitz ist in diesem Dreh eine tote Gegend“, so Rabenow. Vor zwölf Jahren zog er mit seinem Geschäft „Lust am Lesen“ an die Hauptstraße des Viertels. „Damals war das hier eine gutbürgerliche Gegend.“ Davon sei jetzt nur noch wenig zu spüren. Exemplarisch für den Niedergang seien jene Trinker, die im Sommer hinter dem Geschäft ihre Möbel zum gemeinsamen Zechen auf die Straße stellten.

Dabei sei der Kiez rund um die Dreifaltigkeitskirche einst ein Ort gewesen, zu dem die Menschen der Umgebung zum Shoppen strömten. Rabenow zählt auf: „Es gab ein Schuhgeschäft, einen florierenden Laden mit Fernsehern und Musikanlagen, wir hatten einen Lindner, einen Bioladen. Es gab sogar ein Dessousgeschäft.“ Nachgezogen sind anonyme Discountgeschäfte.

Starke Kontraste

Lankwitz liegt im äußersten östlichen Zipfel des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Die Menschen, die in diesem Bezirk leben, sind rein statistisch betrachtet die reichsten der Stadt, nirgendwo sonst in Berlin sind die Haushaltseinkommen höher. 3511 Euro beträgt das durchschnittliche Haushaltseinkommen der Steglitz-Zehlendorfer – in Gesamtberlin sind es 2951 Euro. Allerdings, so das Ergebnis des Wohnmarktreportes Berlin 2015, den die Berlin Hyp und das Beratungsunternehmen CBRE in der vergangenen Woche vorgelegt haben, gibt es ein deutliches Ost-West-Gefälle zwischen Zehlendorf und Steglitz. Dieses zeigt sich besonders in den beiden Extremgebieten Dahlem (Postleitzahl 14195) und Lankwitz-Süd (12249). So verfügen die Dahlemer über ein monatliches Haushaltseinkommen von durchschnittlich 5228 Euro. In Lankwitz-Süd dagegen liegt die Kaufkraft mit 2936 Euro sogar knapp unter dem Berliner Durchschnitt.

In einem der günstigen Geschäfte in Lankwitz steht der 45-jährige Erkan und hält jedem eintretenden Kunden die Tür auf. Er will etwas versuchen im Bezirk, in dem er aufwuchs. Als Co-Chef eröffnete er vor zwei Monaten an der Leonorenstraße das „Back 90“. In der Rush-Hour ist es hier laut wie auf einem Autobahnzubringer, und an den Bushaltestellen ist vor Menschen kein Durchkommen. Lankwitz ist dann ein riesiger Pendler-Umschlageplatz. „Coffee und Lounge“ steht auf Erkans Ladenschild. Fünf Sitz-Tisch-Ensembles im Look eines American Diners stehen entlang der Wände des großen Geschäfts, aus dem erst ein Teppichladen und ein Friseur zogen. Von einem Bild leuchten Cadillacs in Neonfarben. In der Auslage steht Kuchen. Im Sommer kommt Eiskrem ins Sortiment. Die Preise von Starbucks und Co. traut sich in diesem Kiez niemand. Bei Erkan kostet der Kaffee 80 Cent.

„Die Leute haben kein Geld“

„Die Lage hier ist schlimm. Die Leute haben kein Geld“, sagt der drahtige Unternehmer. „In zehn Minuten sind die Leute an der Schloßstraße – und in diesem Bereich gibt es gar nichts. Kein gemütliches Café. Dafür: Ärzte, Pflegedienst, Apotheke. Das war’s.“ Da würde ein bisschen Berlinale dem Quartier ganz gut tun. „Das bringt vielleicht neuen Wind“, sagt Erkan.

So unterschiedlich die Einkommen im Bezirk, so unterschiedlich auch die Qualität der angebotenen Wohnungen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. In Dahlem sind die Wohnungen mit durchschnittlich 105 Quadratmetern fast doppelt so groß wie die in Lankwitz (68 Quadratmeter). Und während die Vermieter in Dahlem beim Abschluss eines Mietvertrages im vergangenen Jahr im Schnitt 11,11 Euro pro Quadratmeter verlangten, waren es in Lankwitz nur 7,24 Euro – deutlich weniger als im Berliner Durchschnitt (8,55 Euro). Der relativ geringe Mietpreis hängt auch mit der Bausubstanz zusammen: Während in Dahlem, Wannsee , Nikolassee und auch und Lichterfelde-West großzügige Villenetagen vermietet werden, ist der Hausbestand in Lankwitz überwiegend von schmucklosen Mietshäusern aus der Vor- und Nachkriegszeit geprägt.

Tickets für 4,50 Euro beim „Familientag“

Im Kino Thalia sperrt Theaterleiter Emanuel Fernandes 20 Minuten vor Filmbeginn die Schiebetür auf. Es ist „Familientag“, vor 17 Uhr kosten die Tickets 4,50 Euro. Senioren haben lange in der Kälte gewartet. Der Demenz-Film „Honig im Kopf“ mit Dieter Hallervorden zieht sie an. Die dreijährige Aliha zeigt am Schaukasten auf das Plakat des Mädchen-Pferde-Musicals „Bibi & Tina 2“. Es soll Alihas erster Nachmittag im Kino werden. Die Familie ist aus Mariendorf angereist.

Großmutter Gabi Richter sagt, dass sie das Berlinale-Geschehen bisher nur aus den Medien kennt. „Vielleicht schaue ich mir das jetzt mal aus der Nähe an. In einem kleinen Kino ist so ein Festival doch gleich viel familiärer.“ Die übersichtliche Größe der vier Kinosäle sei eines der Erfolgsgeheimnisse seines Hauses, sagt Kinochef Fernandes. Zwischen 20 und 225 Zuschauer finden darin Platz. „Das mögen unsere erwachsenen Gäste, und Kinder fühlen sich nicht gleich so verloren.“ Parken in der Umgebung ist nicht teuer, Getränke und Süßigkeiten sind günstiger als in den Filmpalästen an Potsdamer Platz und Kurfürstendamm.

Flair für den Kiez

Für einen Kinomacher kommt die Berlinale-Teilnahme einem Ritterschlag gleich. Für Emanuel Fernandes erst recht, denn er kennt das Filmfest seit jungen Jahren. „Ich war ständig dort, weil die Mutter eines Freundes bei der Berlinale arbeitete und uns Karten besorgte“, sagt der gebürtige Reinickendorfer. „Häufig zeigen wir Filme, die nirgendwo mehr laufen, da reisen viele aus weit entfernten Bezirken an“, sagt der 33-Jährige. Es habe ja vor allem symbolischen Wert, dass die Berlinale ins Viertel kommt. Vielleicht bringe sie ein anderes Flair in den Kiez. Denn ganz ohne eigenen Charakter, so Fernandes, sei ein Kiez nicht mehr Kiez.

Die interaktive Grafik der Berliner Morgenpost zeigt Ihnen, wie die Mieten in Berlins Kiezen steigen: morgenpost.de/mieten-in-berlin. Unter morgenpost.de/sowohntberlin finden Sie alle bisher erschienen Teile der Wohnserie

Thalia Kino, Kaiser-Wilhelm-Straße 71, Lankwitz, Tel. 774 34 40, Berlinale-Programm im Thalia 9. 2., 18.30 Uhr Berlinale Special Gala „Love & Merci“, 21.30 Forum „Queen of Earth“, Vorverkaufsstart 2. Februar 10 Uhr, berlinale.de

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