Wälder

Wenn die Berliner Wälder der Arbeitsplatz sind

Sie sind in Berliner Forsten die Streitschlichter mit der Kettensäge. Der Beruf des Forstwirts ist körperlich anstrengend, aber er bietet auch viele Vorzüge. Ein Besuch in der freien Wildbahn.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Laut brummt der Benzinmotor der Motorsäge in der Stille des Waldes auf. Die Zähne des Sägeblatts fressen sich in den Stamm der Kiefer, der mit einem pinkfarbenen Strich markiert ist. Der Strich besiegelt das Ende des Baums. Die Kiefer kann also „entnommen“ werden, wie es im Fachjargon heißt. Tom Schwarzer sägt eine sogenannte Fallkerbe in den Stamm, um die Richtung festzulegen, in die der 26 Meter hohe Baum stürzen soll.

„Aaaachtung!“, ruft der 18-Jährige laut und zieht das Wort in die Länge, um seine Wirkung im ansonsten stillen Wald zu verstärken. Gleich wird der Baum fallen. 80 oder 90 Jahre stand er an dieser Stelle. Nun muss er weichen, damit sich die anderen Bäume um ihn herum gut entwickeln können. Denn in einem Wald tobt ein ständiger Kampf um Nährstoffe, Licht und Wasser. Die Forstwirte sind die Streitschlichter des Waldes.

Es knirscht, es kracht, und die alte Kiefer fällt zwischen den anderen Bäumen hindurch. Dumpf schlägt sie auf das nasse Laub, der Boden vibriert. „Man hat schon große Ehrfurcht davor, wenn ein Baum gefällt wird“, sagt Manuel Gleue, der in einigem Sicherheitsabstand weiter oben am Hang steht und eine Zigarette raucht. Er vergleicht das mit der Jagd. Dort müsse man Respekt vor den Tieren haben, hier eben vor den Bäumen, sagt er. Der 23-Jährige ist im ersten Ausbildungsjahr zum Forstwirt.

An diesem Dienstag sind Manuel Gleue, Tom Schwarzer und Lisa Müller mit ihrem Ausbilder Gerhard Witzky in den Wald gefahren. Irgendwo auf dem Gebiet der Revierförsterei Hermsdorf hat Witzky den Kleinbus mit Anhänger geparkt. Darin die Motorsägen und anderes Werkzeug, um den Bäumen an den Stamm zu gehen. Der graue Himmel hängt schwer über den Baumkronen, die Füße versinken knöcheltief im nassen Laub. Die verzweigten Wege sind von schwerem Arbeitsgerät aufgewühlt und matschig. Die angehenden Forstwirte tragen warme Arbeitskleidung in Rot und Neongelb. Die Feuchtigkeit kriecht trotzdem darunter. Auf dem Kopf tragen sie einen Helm, auf den Ohren Kopfhörer gegen den Lärm der Säge. Sicherheitsschuhe gegen herunterfallende Äste.

Von 200 auf 30 Bewerbungen

Zu den Berliner Forsten gehören vier Ausbildungsförstereien, in denen je sechs Lehrlinge ausgebildet werden: Tegel, Rahnsdorf, Blankenfelde und Eichkamp. Wenn möglich, ist immer die Hälfte der Lehrlinge Frauen. Doch genau wie andere sogenannte Grüne Berufe, zu denen auch Landwirte oder Gärtner gehören, kämpfen die Berliner Förstereien um Nachwuchs. „Vor vier Jahren hatten wir noch 200 Bewerbungen, in diesem Jahr sind es bisher gerade einmal dreißig“, sagt Witzky. Und der Bewerbungsschluss für den Ausbildungsstart im Sommer ist schon am kommenden Sonnabend. Es habe sich in den letzten Jahren viel verändert, erzählt Witzky. Früher seien sie 21 Festkräfte gewesen. Heute vier Festkräfte, und viele große Maschinen. „Die jungen Leute wollen alle irgendwas mit IT lernen“, sagt Tom Schwarzer. Warum will er Forstwirt werden? „Weil das mein Beruf ist“, sagt er. Seine Eltern hätten ihm beigebracht, das zu machen, was einem Spaß macht.

Die Hauptaufgabe der Forstwirte bei den Berliner Forsten ist es, den Wald nachhaltig gesund zu halten. Sie fällen Bäume, sie bereiten das Holz so auf, dass es abtransportiert werden kann. Zum Beispiel von einem der sechs Pferde, die für die Berliner Forsten im Einsatz sind. Und sie pflanzen junge Bäume. Aber auch Tiere gehören in ihren Aufgabenbereich. Leider häufig tote. Wird zum Beispiel eine Wildschweinrotte von der S-Bahn erfasst, transportieren die Forstwirte die Kadaver ab.

Arbeitsplatz Wald. Für Manuel Gleue war klar, dass er einen Beruf lernen würde, der sich draußen in der Natur abspielt. Schon während des Abiturs hat er seinen Jagdschein gemacht, danach ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. „Ich mache mich gerne dreckig“, sagt er. Auch Lisa Müller kann sich nicht vorstellen, ständig in geschlossenen Räumen zu sitzen. Sie ist in der Revierförsterei Eichkamp eine von zwei Frauen, die zurzeit ausgebildet werden. Die Arbeit als Forstwirt ist körperlich anstrengend. Trotzdem, für Frauen werden keine Ausnahmen gemacht.

Den Wald schätzen lernen

„Ich komme damit zurecht“, sagt die 20-Jährige. Der größte Baum an diesem Tag gehört ihr. Eine dicke alte Buche. Als sie zu Boden fällt, schwingen die Baumkronen der umstehenden Bäume hin und her. „Man muss so lange nach oben sehen, bis sich nichts mehr bewegt“, erklärt Ausbilder Witzky. Denn so lange könnten noch Äste wie Pfeile herabschießen und die darunter Stehenden verletzen. Ein gefährlicher Beruf? „Es passieren hin und wieder leider Unglücke. Aber in Berlin habe ich noch keines erlebt“, sagt der 63-Jährige, der 1978 seine Ausbildung zum Waldfacharbeiter begann. „Außerdem bin ich ja dafür da, meine Auszubildenden gut auf den Beruf vorzubereiten.“

Für Witzky ist der Wald auch ein Ort der Ruhe. „Wenn hier die Sonne scheint“, sagt er und zeigt zwischen die Bäume, „ist das wunderschön.“ Er hat den Wald über die Jahre immer mehr schätzen gelernt und versucht, das seinen Auszubildenden weiterzugeben. Er weist sie hin. Auf eine besondere Pflanze, einen schönen Sonnenuntergang. In den Arbeitspausen setzt er sich mit seinen Lehrlingen hin und beobachtet den Wald. Und wenn sie dann ein Reh oder Wildschwein zwischen den Bäumen sehen, hat sich der Tag schon gelohnt.