Berliner Spaziergang

Manfred Stolpe ist der etwas andere Genosse

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Ein Spaziergang mit Manfred Stolpe, Ex-Ministerpräsident und Ex-Bundesverkehrsminister.

Foto: Reto Klar

Manfred Stolpe wartet schon, vor der Tür. Ohne Mütze. Er hat eine dunkelblaue Steppjacke an, sie ist nur leicht gefüttert, den roten Schal trägt er locker um den Hals gebunden. Obwohl es kalt geworden ist über Nacht. Es wird also kein langer Spaziergang. „Schön, dass Sie mich besuchen“, sagt er. So, als hätte er darauf gewartet, dass endlich mal einer vorbeikommt. Stolpe ist aber nur höflich. „Wo geht’s lang?“, fragt er. Ich deute auf den Steg des kleinen Yachthafens. Vom „Johanniter-Quartier“ bis ans Wasser sind es nur ein paar Schritte.

Seit drei Jahren wohnen der frühere Ministerpräsident und seine Frau in einer Seniorenresidenz in Potsdam. Ein moderner, schnörkelloser Bau. Von ihrer Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon im dritten Stock können die beiden hinunter gucken auf die Havel und auf die neue Uferpromenade. Auch auf den Steg, auf dem Manfred Stolpe nun fotografiert werden soll, ehe es los geht mit unserem Spaziergang.

Der Fotograf hat Brot für die Möwen mitgebracht, das wirft er in die Luft, damit die Vögel auf dem Foto um Stolpe herum fliegen. Doch nur die Enten unten auf dem Wasser schnappen nach den Krümeln. Stolpe guckt einem bunt gefiederten Mandarinenten-Männchen zu, wie es inmitten der aufgeregten Schar seelenruhig seine Bahnen zieht. Er mag das Unaufgeregte. Das entspricht seiner eigenen Natur. „Jetzt nach links schauen“, bittet der Fotograf. Manfred Stolpe fragt: „Nur die Augen nach links oder mit dem Kopf?“ Ein Profi. Wie oft er schon fotografiert worden ist: Ein bisschen drehen, Herr Dr. Stolpe. Danke. Und jetzt bitte noch mal. Er kennt sich aus mit Fotografen. „Die sagen immer: Gleich sind wir fertig und legen dann erst richtig los.“ Er lächelt: „Langsam wird mir kalt am Kopf.“

Übermütig ist er nicht

Wir starten also mit dem Spaziergang, auf der Promenade. Er holt nun doch eine Mütze aus der Jackentasche. Wie es ihm denn gehe, frage ich Stolpe. Nicht der übliche anfängliche Smalltalk, sondern die entscheidende Frage. „Ich fühle mich pudelwohl und bin ganz froh“, sagt er, „bei der Untersuchung im Dezember war ich metastasenfrei.“ Übermütig sei er aber nicht. „Das darf man bei dieser Krankheit nicht sein.“ Seit mehr als zehn Jahren kämpft der SPD-Politiker und frühere Landesvater gegen den Krebs. Die Ärzte hatten ihm 2004 keine drei Jahre mehr gegeben. Der während seiner Zeit als Bundesverkehrsminister diagnostizierte Darmkrebs hat schnell gestreut. Befiel die Leber, dann die Lunge. Er musste mehrfach Operationen über sich ergehen lassen, und Chemotherapien. Es fällt nicht schwer, ihn nach der Krankheit zu fragen. Denn Manfred Stolpe spricht ganz offen darüber, mit seiner Frau Ingrid hat er sogar ein Buch über den gemeinsamen Kampf geschrieben. Vier Jahre nach ihm war auch sie erkrankt, an Brustkrebs.

Stolpe geht langsam. Er zieht das linke Bein ein wenig nach. „Gucken Sie mal, da drüben ist der alte Landtag“, sagt er und bleibt stehen. „Den neuen Landtag mit der Fassade des alten Stadtschlosses kann man von hier aus leider nicht sehen.“ Ein Paar läuft an uns vorbei, eng umschlungen. „Am Wochenende ist auf dieser Promenade eine Menge los“, erzählt Stolpe. „Seit dem Ausbau kommt man von hier mit dem Fahrrad bis nach Geltow.“ Er steigt nicht mehr so oft aufs Fahrrad. „Man wird vorsichtiger mit dem Alter.“ Im Mai wird er 79 Jahre alt. „Im Februar wollen wir mit der ganzen Familie nach Seefeld in Tirol in den Winterurlaub. Dieses Mal werde ich das Langlaufen vermutlich aber lassen.“ Doch, doch, er traue es sich durchaus noch zu. Er wolle sich nur nicht zu allem Überfluss die Knochen brechen. „Damit ich bei meinen beiden Enkeln nicht ganz durch bin, habe ich das Skifahren nicht ganz aufgegeben.“

Nur noch einen Schrank im Keller

Die Jungs sind inzwischen sieben und 13. Und wohnen mit der Tochter und dem Schwiegersohn keine anderthalb Kilometer entfernt. Im früheren Zuhause von Oma und Opa. Seit sie nach 40 Jahren ausgezogen sind, haben Stolpes nur noch einen Schrank im Keller ihrer einstigen Villa, für die Winter- und Sommerkleidung, wechselweise. In der neuen 95-Quadratmeter-Wohnung ist nicht so viel Platz wie einst. 800 Bücher hat Stolpe verschenkt, immer noch genauso viele nahm er in sein neues Arbeitszimmer mit. „Die Enkel kommen nach der Schule häufig zu uns – und jeden Sonntag zum Essen“, sagt er. Auch wenn er vorsichtiger geworden ist – der Tag beginnt für den Ruheständler weiterhin mit dem Frühsport. Dazu steht er um 5.45 Uhr auf. „Ich habe mir im Alter einen 30-minütigen Zuschuss an Schlaf genehmigt.“ Er erlaubt sich wie jeher nur wenig Muße. Sein Terminkalender ist gut gefüllt. Jeden Morgen ist er der erste im Bad der Seniorenresidenz. Mindestens 20 Minuten schwimme er täglich, „danach bin ich wie aufgeladen“. Für heute hat er seine Ration Sport offenbar schon hinter sich. „Ich habe einen Tisch für uns bei mir im Hause reserviert“, sagt er. Wir sind etwa zehn Minuten gelaufen.

Das Café-Restaurant der Seniorenresidenz ist fast leer. Zwei Frauen sind in ihr Gespräch vertieft. Stolpe steuert auf den von ihm reservierten Tisch zu. Es ist später Nachmittag. „Ich nehme diesen guten Heidelbeerkuchen und einen Cappuccino“, sagt er mit seiner sonoren Stimme zur Bedienung. Er trägt einen bordeauxfarbenen Pullunder über dem hellblauen Hemd, eine blau-rot-gold-gestreifte Krawatte und ein dunkelblaues Jackett. Und er hat eine neue Brille auf, mit Goldrand. „Damit fühle ich mich viel jünger“, erklärt er lächelnd. „Endlich sehe ich wieder richtig.“

Ein gutes Stichwort, um übers Alter zu reden. „Das Alter verändert einen schon“, sagt Stolpe. „Man muss aufpassen, dass man alte Erfahrungen nicht automatisch auf neue überträgt.“ Er gehe nicht mehr so unbefangen an die Dinge heran wie früher. So sei er zwar froh, dass es in Brandenburg bislang keine Pegida-Bewegung wie in Dresden gebe, doch die Hand ins Feuer legen wolle er für die Brandenburger auch nicht. „Die sächsische Regierung hat das Problem der Ausländerfeindlichkeit zu lange unterschätzt“ sagt er. In Brandenburg sei es dagegen spürbar gelungen, die Zivilgesellschaft gegen den Rechtsextremismus zu stärken. Stolpe hat es geschickt geschafft, das Gespräch von der Person zur Politik zu lenken. Ganz offensichtlich will er nicht über seine Krankheit reden, auch nicht übers Alter. Und schon gar nicht über den Tod. Vielleicht, weil das Leben ihm momentan wieder viel näher ist.

Sein Leben bleibt die Politik

Sein Leben, das war und ist die Politik. Sie ist für ihn immer das Ringen um Kompromisse. Dass er als oberster Jurist der evangelischen Kirche in der DDR auch mit der Staatssicherheit Gespräche führte, brachte dem ehemaligem Konsistorialpräsidenten nach dem Fall der Mauer viel Kritik ein. Für viele blieb – trotz eines Untersuchungsausschusses – die Frage unbeantwortet, ob er ein Stasi-Spitzel war. Das Bundesverfassungsgericht hat untersagt, ihn so zu nennen. Stolpe selbst hat immer wieder betont, dass er sich stets nur als Vermittler sah. Auch im neuen vereinten Deutschland will er vermitteln. „Es bringt sicherlich etwas, mit den Menschen, die bei den Pegida-Demonstrationen mitmachen, über ihre Ängste zu reden“, sagt er. Auf den Dialog setzt er auch im Konflikt um die Ukraine. Man müsse mit Russland im Gespräch bleiben. Die Kritik an dem „Putin-Versteher“ Matthias Platzeck, seinem einstigen Nachfolger, hält er für überzogen. Platzeck und er hätten gute Erfahrungen mit den Russen gemacht. „Bei mir ist da eine Art Grundvertrauen“, sagt er. Gorbatschow und den russischen Streitkräften sei es zu verdanken, dass die DDR in einer friedlichen Revolution ohne Blutvergießen endete.

Dabei hat Manfred Stolpe durchaus erlebt, dass sein Vertrauen nicht immer angebracht war. In den zwölf Jahren als Ministerpräsident habe er sich „oft Märchen erzählen und an der Nase herumführen lassen“, gibt er zu. „Ich hätte meine Frau wohl doch überreden müssen, öfter zu Terminen mitzukommen. Als Ärztin hat sie ein sehr treffsicheres Urteilsvermögen. Sie hätte mich vor einigen Irrtümern bewahrt.“ Er lehnt sich etwas zurück. „Sie hätte gesagt, lass dich nicht auf Ideen ein wie den Traum vom Riesen-Luftschiff Cargolifter. Oder: Sei vorsichtig bei den Versprechungen für den Bau der Chipfabrik in Frankfurt an der Oder.“ Aus dem Lausitzring sei ja immerhin was geworden, stellt er fest. Stolpe gibt damit zu, dass er mitunter sinnlose Projekte mit Millionenbeträgen gefördert hat. Blauäugig sei er aber nicht gewesen. „Ich habe nach 1990 ein stärkeres Misstrauen entwickelt als in der DDR“, sagt Stolpe. „Davor waren die Fronten klarer.“

Kapitulation in Sachen Flughafen

Seinen Heidelbeerkuchen hat er immer noch nicht angerührt, vom Cappuccino noch keinen Schluck getrunken. Er kommt auf eine weitere Entscheidung zu sprechen, die ihm angelastet wird. Manche Brandenburger hätten ihm wegen der zu erwartenden Fluglärmbelastung bis heute nicht verziehen, dass der Flughafen in Schönefeld und nicht in Sperenberg gebaut wird, sagt er. „Ich habe aber alle Möglichkeiten ausgelotet“, beteuert er und zupft mit Daumen und Zeigefinger an dem Zuckertütchen auf der Untertasse. „Da war nichts zu machen.“ Der Bund, neben Brandenburg und Berlin Flughafen-Gesellschafter, sei von Anfang gegen Sperenberg als Hauptstadt-Airport gewesen – „weil er München schützen wollte“. Denn der Bund habe befürchtet, dass in München Schluss ist, wenn in Sperenberg rund um die Uhr geflogen werden kann. „Der Flughafen Sperenberg wäre das größte Drehkreuz auf dem Festland geworden“, glaubt Stolpe. „Zwischen Eberhard Diepgen und mir gab es eine Absprache: Wir kriegen das mit Sperenberg hin, wenn Berlin und Brandenburg ein Land sind. Doch die Volksabstimmung scheiterte kurz darauf, im Mai 1996, am Votum der Brandenburger. „Vier Wochen später habe ich die Kapitulationserklärung unterzeichnet“, sagt Stolpe. „Das Protokoll für Schönefeld.“

„Wollen Sie nicht Ihren Cappuccino trinken und den Kuchen essen?“, frage ich. Es ist inzwischen dunkel geworden über der Havel. Wir sind die einzigen im Café. „Wenn wir fertig sind“, sagt Stolpe. „Das Aufnahmegerät läuft doch noch.“ Woher kommt diese Disziplin nur? „Ich bin Preuße“, sagt Stolpe nur. Wir reden jetzt seit bald zwei Stunden. Ich will noch näher heran an den Menschen Stolpe. „Würden Sie sich selbst auch als distanzierten Menschen beschreiben?“, frage ich ihn. „Ja, das würde ich durchaus.“ Wie kommt das? „So sind wir eben im Nordosten“, antwortet Stolpe.

„Schröder duzt einen erbarmungslos“

Was macht ein Manfred Stolpe dann ausgerechnet unter den kumpelhaften Sozialdemokraten? Und was ist mit dem Genossen-Du? „Ich bevorzuge das Sie“, sagt er. Was ist mit Matthias Platzeck? „Wir siezen uns.“ Mit Helmut Schmidt? „Der mag das Geduze auch nicht.“ Und Gerhard Schröder? „Der duzt einen erbarmungslos.“ Und er ihn auch? „Natürlich duze ich zurück“, sagt Stolpe. Stimmt eigentlich die Geschichte, wonach seine Frau aus dem Radio erfahren hat, dass er kurz nach seinem Rücktritt als Regierungschef Bundesverkehrsminister wird? „Das stimmt“, sagt er. „Die Entscheidung fiel damals überraschend und mitten in der Nacht; als ich von dem Gespräch bei Gerhard Schröder heim kam, schlief sie schon. Sie hörte es vor unserem Frühstück. Wie reagierte sie? „Sie sagte so was wie: Unverbesserlich.“

Dürfen eigentlich Freunde in ihre Wohnung? „Ja, meine zwei Skatfreunde zum Beispiel“, sagt Stolpe. „Den einen kenne ich seit 50, den anderen seit 20 Jahren.“ Mit einem der beiden duzt er sich sogar. Stimmt es tatsächlich, dass er sich einmal mit der Burg Stolpe verglichen hat? „Auch das stimmt.“ Nur wegen des Namens? „Wir sind beide uneinnehmbar“, sagt Stolpe.

Ich wage mich trotzdem weiter vor. „Sie haben einmal gesagt: Sie haben keine Angst vor dem Tod. Wirklich nicht?“ Manfred Stolpe schaut mich mit seinen blauen Augen undurchdringlich an. „Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber ich habe Respekt vor dem Sterben.“

Er greift nach dem Teller mit dem Heidelbeerkuchen. Und trinkt endlich seinen Cappuccino.